Bildung

Ausgezeichnete Schulen wollen Homeschooling beibehalten

07.06.2021
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Die ganz große Feier musste ausfallen. Aber immerhin gab es Sekt für die Lehrkräfte und Kuchen für die Schüler – natürlich Corona-konform nach Kohorten getrennt. Dabei gibt es allen Grund zum Feiern: Unter den sieben Preisträgern des Deutschen Schulpreises 20|21 sind zwei Schulen aus Niedersachsen, die IGS Lengede und das Evangelische Gymnasium Nordhorn (EGN). „Das ist ein großer Erfolg für die Schule, für das Land Niedersachsen und die evangelische Kirche als Träger des EGN“, kommentiert Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD).

Der „Deutsche Schulpreis“ wurde von der Robert-Bosch-Stiftung und der Heidehof-Stiftung in diesem Jahr mit einem speziellen Fokus verliehen: Ausgezeichnet wurden „zukunftsweisende Konzepte, die Schulen im Umgang mit der Corona-Krise entwickelt oder weiterentwickelt haben und die das Lernen und Lehren nachhaltig verändern können“.

Foto: GettyImages/Sasha_Suzi

Zwei unterschiedliche Schulformen und -träger, und doch haben beide Preisträgerschulen eine Menge gemeinsam. Beide sind junge Schulen: 2008 wurde das Evangelische Gymnasium Nordhorn gegründet, 2010 die IGS Lengede. Beide haben von Anfang an einen Schwerpunkt auf die Digitalisierung gelegt. „Im ersten Schritt müssen die Lehrer wie selbstverständlich mit digitalen Endgeräten in der Schule arbeiten. Im zweiten Schritt startet dann die Nutzung mit den Schülern“, sagt Jan-Peter Braun, Schulleiter in Lengede.

Jede Lehrkraft, die an der IGS angefangen hat, erfuhr schon bei der Bewerbung, dass digitale Endgeräte und Cloudlösungen tägliche Arbeitsmittel sind, erklärt er. Seine Kollegin aus Nordhorn, Gabriele Obst, erzählt: „Aus Nordrhein-Westfalen kenne ich Informatik als normales Schulfach. In Niedersachsen ist es das nicht, musste ich lernen. Ich habe trotzdem sofort zwei Informatik-Kollegen eingestellt.“

Digital – aber dezentral

So waren beide Schulen schon vor der Pandemie mit digitalen Endgeräten und passgenauen Softwarelösungen ausgestattet. Beide haben sich für das Prinzip „Bring your own device“ entschieden: Jeder Schüler kann mit dem eigenen Gerät arbeiten, egal welcher Hersteller und welche Preisklasse. „Wir haben zuerst eine Testphase mit einheitlichen Geräten gemacht und das evaluieren lassen“, sagt Gabriele Obst. „Aber dabei kam heraus, dass ,Bring your own device‘ für die Familien kostengünstiger ist.“ Wenn nötig, werden bedürftige Familien mit Leihgeräten unterstützt.

Während andere Träger ihre Schulen flächendeckend beispielsweise mit digitalen Tafeln ausstatten, plädiert Jan-Peter Braun für individuelle Lösungen: „Wir wollten nie ein zentrales Device-Management, nie Smartboards in den Klassenräumen.“ Der Landkreis Peine als Schulträger habe ihm die Freiheit gelassen, selbst zu entscheiden, wie die Schule Digitalisierung gestaltet.

Ich kann nicht nachvollziehen, wie Schulen sagen können, wir werden allein gelassen. Das würde keiner hier an der IGS sagen.

Die Freiheit, die Träger und Land den Schulen gewähren, habe sich gerade in der Pandemie bewährt, sagen beide Schulleiter. „Ich kann nicht nachvollziehen, wie Schulen sagen können, wir werden allein gelassen. Das würde keiner hier an der IGS sagen“, ist Braun überzeugt. Statt über die angeblich fatalen Folgen für die Jugendlichen zu klagen, meint Obst, solle man lieber allen Beteiligten in der Schule Anerkennung für ihre eindrucksvolle Leistung in der Pandemie zollen: den Schülern, die unglaublich viel Neues gelernt, den Eltern, die flexibel reagiert, und den Kollegen, die ein enormes Arbeitspensum bewältigt haben.

„Wir konnten den 13. Jahrgang noch nie so gut auf das Abi vorbereiten wie 2020 und 2021“, ist Jan-Peter Braun überzeugt: Noch nie sei es so gut gelungen, individuelle Unterstützung zu leisten, wie durch die Kombination von Präsenz- und Distanzunterricht. „Hier haben Öffentlichkeit und Politik den falschen Fokus“, sagt er. Nötig sei jetzt nicht, die Abschlüsse einfacher zu machen. Vielmehr müsse man auf einzelne Schüler schauen, die in den Familien von Gewalt und Missbrauch betroffen seien, und auf die Jahrgänge 7 bis 9, die mitten in der Krise ihre Pubertät bewältigen müssen.

Wir konnten den 13. Jahrgang noch nie so gut auf das Abi vorbereiten wie 2020 und 2021.

Handlungsbedarf sieht Braun auch dabei, einzelne Familien zu Hause zu unterstützen, einen Internetzugang zu beantragen und WLAN einzurichten. „Das können wir Lehrkräfte zeitlich nicht leisten.“ Für solche und viele andere Aufgaben, fordert er, bräuchte es mehr Mitarbeiter aus anderen Professionen an der Schule, etwa Sozial- und Medienpädagogen. Für die Eltern, die sich in der Pandemie häufig als Ersatz-Lehrkräfte eingespannt sehen, bleibt nach seiner Meinung eine einzige Aufgabe: „Dafür sorgen, dass die Schüler die Aufgaben bearbeiten und zu den vereinbarten Zeiten online sind.“

Etwa ein Drittel der Schüler lernt lieber zu Hause

Der Distanzunterricht hat an beiden Schulen gezeigt, wie unterschiedlich junge Menschen lernen. Die regelmäßigen Umfragen, die das Evangelische Gymnasium Nordhorn gemacht hat, ergaben unter anderem: Etwa ein Drittel der Schüler lernt lieber zu Hause. Auch das Kollegium der IGS war überrascht von den Fortschritten mancher Schüler, als die starre Taktung des Schultages entfiel und sie das Lernen selbst organisieren konnten.

„Im Distanzunterricht gab es herausragende Beiträge von sonst stillen Schülern“, beobachtet Braun. Ihnen kam entgegen, dass sie den Chatforen und bei kollaborativen Aufgaben ihre Gedanken mit mehr Ruhe formulieren konnten. Jetzt gelte es, diese Erkenntnisse für die Zeit nach Corona nutzbar zu machen: „Vielleicht führen wir einen Home-Learning-Tag oder eine Home-Learning-Woche ein“, überlegt Braun.

Bloß keine Rückkehr zur alten Normalität

„Auf keinen Fall dürfen wir nach Corona einfach zur Normalität zurückkehren“, fordert Gabriele Obst. So hat die Pandemie zum Beispiel möglich gemacht, die Deutscharbeit durch eine Lesetagebuch zu ersetzen. Dieser pädagogische Spielraum bei der Leistungsbewertung müsse erhalten bleiben, wünscht sich Obst.

Sie hat in der Pandemie auch die Chancen für Schulen auf dem Land entdeckt: „Wir können begabte Schüler nicht zu Vorlesungen an die Universität Osnabrück schicken, das ist zu weit entfernt. Und Referentinnen kommen selten aus Hannover oder Berlin zu uns nach Nordhorn“, erzählt sie. Doch im digitalen Unterricht war es plötzlich möglich, Experten aus ganz Deutschland und Austauschpartner aus anderen europäischen Ländern einzubeziehen. Inzwischen hat das Evangelische Gymnasium, das in der Kategorie „Tragfähige Netzwerke knüpfen“ ausgezeichnet wurde, rund 70 Kooperationspartner.

„Abgucken ist ausdrücklich erwünscht“, sagte Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier bei der Verleihung des „Deutschen Schulpreises“ 2021. Was glauben die Preisträger, was man von ihnen lernen kann? An beiden Schulen wird regelmäßig evaluiert, Schüler werden nach ihren Erfahrungen befragt. „Wir bewerten die Schüler kontinuierlich. Trotzdem ist der umgekehrte Weg nicht so selbstverständlich, wie es sein sollte“, sagt Jan-Peter Braun selbstkritisch. Er empfiehlt außerdem, pauschale Lösungen – nicht nur bei der Digitalisierung – zu hinterfragen und mit der Schulgemeinschaft eigene, passgenaue Wege zu suchen.

Kommunikation ist das Rezept von Gabriele Obst in der Pandemie: erklären, begründen, alle mitnehmen. Der Dank dafür: „Wir haben noch nie so viel Lob von den Eltern bekommen wie in diesen Monaten.“

Von Anne Beelte-Altwig