Wer vor einem halben Jahr einflussreiche Sozialdemokraten nach Lars Klingbeil gefragt hatte, den Verantwortlichen für den Bundestagswahlkampf, konnte höchst unterschiedliche Antworten erhalten. Einer sprach von „einem der größten Talente in unserer Partei“, ein anderer schlicht von einem „Opportunisten“. Wenn man heute die gleiche Frage stellt, dürften die Antworten weit überwiegend positiv ausfallen.

Lars Klingbeil wurde für den SPD-Vorsitz nominiert. / Foto: Tobias Koch

Denn der recht eigenwillige SPD-Wahlkampf – mit Schwarz-Weiß-Bildern und roten Hintergründen – mündete am Ende in ein ansehnliches Ergebnis, er dürfte damit rückblickend als gelungen eingestuft werden. Und Klingbeil, der Manager an der Spitze, kann als Kanzler-Macher gelten. Seine Kampagne dürfte im Vergleich mit der von CDU/CSU, Grünen und FDP wohl als die erfolgreichste eingestuft werden. Am Montag nun ist der 43-jährige Sozialwissenschaftler aus Munster (Heidekreis) für den Vorsitz der SPD nominiert worden, beim bevorstehenden Parteitag Mitte Dezember soll er gewählt werden – neben der Mit-Vorsitzenden Saskia Esken, die sich für die Wiederwahl bewirbt.

Legende besagt: Wieder bekommt Niedersachsen alte Taschenuhr von August Bebel

Damit wird wieder ein Niedersachse Vorsitzender der großen alten SPD. Oder, wie eine eingängliche, allerdings nicht rundweg zutreffende Legende besagt – wieder wird ein Niedersachse die alte Taschenuhr von August Bebel in Empfang nehmen, hegen und pflegen. Die Uhr als Zeichen der Macht. Tatsächlich soll Bebel mehrere Uhren gehabt haben, die Symbolik stimmt also nicht so ganz. Auch die Rolle, die SPD-Vorsitzende in der Partei haben, dürfte sich spätestens mit Klingbeil radikal ändern. Noch seine beiden direkten Niedersachsen als Vorgänger, Parteichef Sigmar Gabriel (2009 bis 2017) und Parteichef Gerhard Schröder (1999 bis 2004) hatten den Ruf von „Alpha-Tieren“, beanspruchten also schon kraft Amtes die Autorität einer Leitfigur in der Politik. Als Schröder das Amt übernahm, galt dies sogar als zwangsläufig, denn der zuvor zurückgetretene Oskar Lafontaine verfolgte andere politische Ziele, und zur Klärung der Ausrichtung der SPD schien es unvermeidbar, Kanzlerschaft und Parteivorsitz auf eine Person zu vereinigen. Später allerdings wurde das wieder abgeschwächt, und in der Zeit des SPD-Chefs Franz Münteferings begann eine neue Phase – der Parteichef als Garant dafür, dass die Politik des Kanzlers in den eigenen Reihen ausreichend Zuspruch erntet.

Diese mehr dienende Rolle dürfte wohl auch der Anspruch an Klingbeil werden. Noch ist nicht absehbar, ob der Parteivorsitz mit einem Minister- oder Fraktionsamt aufgewertet wird, aber sowohl bei Klingbeil wie bei Esken ist das unwahrscheinlich. Die SPD verzichtet wohl bewusst darauf, die eigene Parteiführung zu mächtig werden zu lassen. Das kommt mehreren anderen Akteuren entgegen: dem künftigen Kanzler und der SPD-Ministerriege, die sich ungern von der Parteispitze etwas vorgeben lassen wollen, der starken Gruppe der Jungsozialisten um Kevin Kühnert, der selbst gern aus dem Hintergrund steuert und so schon das Duo Walter-Borjans/Esken als eher schwache Spitze durchgeboxt hatte. Nicht zuletzt gilt das auch für die SPD-Bundestagsfraktion, die tendenziell eher links von der Regierungs-Politik der Ampel stehen dürfte und sich im Konfliktfall eher als eigentliches Gegengewicht zur SPD-Ministerriege begreifen dürfte. In solchen Momenten könnte eine starke Pateispitze hinderlich für die Profilierung der Fraktion sein.

Vom Studium in Hannover ins Bundestags-Wahlkreisbüro von Gerhard Schröder

Kommt also Klingbeil zum Zuge, weil er so zurückhaltend ist? Wer das meint, droht den Politiker zu unterschätzen. Der Sohn eines Unteroffiziers, aufgewachsen in der Soldaten-Stadt Munster, gehört dem kleinen SPD-Bezirk Nord-Niedersachsen an, einer Vereinigung, in der bescheidenes Auftreten seit jeher zum guten Ton gehört – denn die Partei-Hausmacht ist neben den übermächtigen Hannoveranern eher klein. Nach dem Abitur leistete Klingbeil seinen Zivildienst in der hannoverschen Bahnhofsmission, studierte dann in Hannover Sozialwissenschaften, wechselte ins Bundestags-Wahlkreisbüro von Gerhard Schröder, war später auch Büroleiter des SPD-Landesvorsitzenden Garrelt Duin. Schröder, Duin und der kurzzeitige Bundestagsabgeordnete Heino Wiese waren zur Zeit von Klingbeils Zuarbeit Vertreter des „rechten“ Parteiflügels, und so verwunderte es nicht, dass sich Klingbeil später, als er selbst in den Bundestag kam, bei den „Seeheimern“ einschreiben ließ, jener Gruppierung, die sich von den „parlamentarischen Linken“ (PL) unterscheidet. Gestartet war er zunächst allerdings noch als PL-Mitglied. Seine Bundeswehr-Nähe mag zu der späteren Umorientierung beigetragen haben, auch sein Pragmatismus – aber trotz allem gilt Klingbeil innerparteilich nicht als besonders konflikt- und streitfreudig.

Klingbeil führt enge Freundschaft mit linkem SPD-Politiker Kevin Kühnert

Bekannt ist eher, dass er gut befreundet ist mit der Leitfigur der Linken in der SPD, dem mächtigen Kevin Kühnert. Nicht wenige Beobachter meinen, diese Nähe zu Kühnert, verknüpft mit der aktuellen Verortung bei den Seeheimern, sei das Erfolgsgeheimnis von Klingbeil. Er könne, anders als die umstrittene Saskia Esken, Brücken bauen und Kompromisse schmieden. Kritiker entgegnen dann, man wisse viel über die Management-Qualitäten von ihm, auch über sein gewinnendes Auftreten – aber wo genau er denn stehe, das wisse man nicht. Zeitgenossen, die ihm weniger zugeneigt sind, ziehen eine Verbindung zu Gerhard Schröder und Heino Wiese, den russischen Honorarkonsul in Hannover. So eng, wie Klingbeil mit beiden verbunden sei, könne das schon als belastbare Achse in der Russland-Politik der SPD verstanden werden – und mit Klingbeils Aufstieg als deren eindeutige Stärkung.

Wie dem auch sei: In der Politik hat Klingbeil die seltene Fähigkeit, seine Eitelkeit nicht zu deutlich zu zeigen. Er hat Gerhard Schröder die Bühne überlassen, als dieser im Bundestagswahlkreis in seinem Wahlkreis auftrat und über alte Zeiten plauderte. Er hat 2019, in der Nach-Nahles-Phase, bei der Suche nach den neuen Parteichefs nicht selbst den Hut in den Ring geworfen, weil er seinem Landesvorsitzenden Stephan Weil den Vortritt lassen wollte. Aber Weil überlegte lange und entschied sich spät dagegen, da soll es angeblich auch für Klingbeil schon zu spät für eigene Ambitionen gewesen sein. Geduldig setzte er seine Arbeit als Generalsekretär fort. Das Abwarten zahlte sich aus. Jetzt, gestärkt durch den Erfolg bei der Bundestagswahl, führt an Klingbeil kein Weg mehr vorbei.