Wirtschaft

E-Commerce? In einem kleinen Dorf bei Hildesheim wird das jetzt ganz praktisch

06.03.2018
Lesezeit: 3 Minuten

Von Karina Scholz

 

Das Dörfchen Egenstedt an der Bundesstraße 243 bei Hildesheim mag im Vorbeifahren verschlafen wirken, doch mitten in dem 670-Seelen-Ort ist eine Firma am Puls der Zeit: Sadingo heißt das Unternehmen des 31-jährigen Sebastian Winkelmann. Der Chef des Onlinehandels für Schmuck- und Bastelbedarf leitet eines der ersten Unternehmer in Niedersachsen, die im Herbst die neue Ausbildung zur Kauffrau/Kaufmann im E-Commerce anbieten. Der von der Industrie- und Handelskammer (IHK) neu geschaffene Beruf ist der erste neue seit zehn Jahren im kaufmännischen Bereich. Junge, moderne Firmen wie Sadingo haben auf das Startsignal der IHK geradezu gewartet.

Neue Arbeitsplätze geschaffen

„Der neue Beruf ist wie für unseren Betrieb geschaffen, er bildet alle Bereiche ab, die für uns im E-Commerce relevant sind“, sagt Winkelmann. Seit 2014 verkauft der studierte Betriebswissenschaftler zusammen mit seiner Partnerin Schmuck- und Bastelbedarf im Internet. Neun Arbeitsplätze hat das Paar seitdem geschaffen. Der Name Sadingo taucht auf allen wichtigen Verkaufsplattformen des weltweiten Netzes auf – bei Ebay, Amazon, DaWanda und Etsy. Auch im eigenen Onlineshop gibt es die Perlen, Anhänger und jede Menge buntes Zubehör aus Egenstedt zu kaufen.

Pakete erst noch in der Wohnung gepackt

„Aktuell haben wir 8000 Artikel im Sortiment“, erläutert Sebastian Winkelmann. Schon während des Studiums betrieb er erste Geschäfte. Eine Stelle als kaufmännischer Leiter verschlug ihn von Walsrode nach Hildesheim, im kleinen Egenstedt fanden er und seine Verlobte ein Zuhause. Hier schmiedeten sie Pläne für ein neues berufliches Wagnis und gründeten die Firma. Während die Eltern eines zweijährigen Sohnes anfangs noch in der eigenen Wohnung Pakete packten, passiert das alles jetzt geräumiger. Seit einem Jahr mieten sie separate Geschäftsräume für Sadingo in Egenstedt. Der ländliche Standort ist kein Nachteil: „Das Wichtigste ist, dass die Post jeden Tag abgeholt wird“, sagt Winkelmanns Partnerin Sandra Quenzel.

Aufmerksamkeit für Berufszweig

Mittlerweile stehen bei Sadingo alle Zeichen auf Expansion. Der Lagerplatz wird knapp, mehr Mitarbeiter werden eingestellt, zum Herbst startet die neue Ausbildung im Bereich E-Commerce. Winkelmann erhofft sich davon frischen Wind für seine Branche: „Das neue Berufsbild erzeugt Aufmerksamkeit für unseren Berufszweig und spült andersdenkende, junge Arbeitskräfte in die Unternehmen, die die zu Teilen zurückhaltende Einstellungen gegenüber dem Thema E-Commerce im Sinne der Unternehmen aufbrechen können“, meint er. Eine feste Kandidatin für den Ausbildungsstart im Herbst hat er bereits. Seine Anerkennung als Ausbilder bei der IHK läuft.

Neuland in zwei Bereichen

Wie viele Unternehmer die neue Ausbildung anbieten, ist bei der IHK noch nicht bekannt. „Wir betreten Neuland in zwei Bereichen“, sagt IHK-Sprecher Stefan Noort. „Einerseits betrifft der neue Beruf kleine Betriebe, die bisher nicht ausgebildet haben. Andererseits möchten auch große Betriebe und Einzelhändler ausbilden, die die Ausbildungsinhalte erst im Konzern verankern müssen“, betont er. Einen bestimmten Schulabschluss schreibt die IHK für Kaufleute im E-Commerce nicht vor.

Mit guten Ideen selbst ein Unternehmen aufbauen

Unternehmer Winkelmann hat sein Konzept bereits und denkt schon voraus: „Mein Ziel ist es, die Auszubildenden in alle Bereiche des Unternehmens – Management, Verwaltung, Finanzen, Produktion, Qualifikation, Marketing und Öffentlichkeit – einzuführen, sodass sie theoretisch in der Lage sind, mit einer guten Idee selbst ein Unternehmen aufzubauen und vom Wachstum zu profitieren. Natürlich behalten wir gut ausgebildete E-Commerce Kauffrauen und Kaufmänner auch gerne in unseren eigenen Reihen“, sagt er. Für die Zukunft sieht er gute Aussichten: „Der Onlinehandel wird weiter an Bedeutung gewinnen, es gibt auch heute zahlreiche Möglichkeiten an diesem Wachstum teilzuhaben.“

Amazon straft schlechte Angebote ab

Der 31-jährige Chef wundert sich darüber, dass viele Betriebe in Deutschland den Absatzkanal Internet offenbar unterschätzen. „Auf Amazon findet man heute noch sehr viele Angebote durchaus bekannter Unternehmen, die milde formuliert mit sehr wenig Eifer angelegt worden sind. Es fehlen relevante Daten, Richtlinien werden missachtet, Produktextet enthalten zu wenig Informationen. Amazon straft derartige Angebote rigoros ab und führt sie schlichtweg nicht im Katalog, das heißt, sie werden potenziellen Käufern nie oder nur auf Seite 20 angezeigt. Das Ergebnis sind miserable Verkaufszahlen“, sagt der studierte Betriebswissenschaftler. Seiner Ansicht nach brauchen derart handelnde Unternehmen junge, gut ausgebildete Menschen, die sich in der Online-Welt bewegen und neue Märkte erschließen können. „Ich bin der Meinung, dass nahezu jeder ‚Offline-Händler‘ auch gute Chancen im Onlinehandel hat und Zusatzgeschäfte generieren kann“, betont der Unternehmer und ergänzt: „Ich bin froh, dass dieser Beruf jetzt da ist.“