Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) hat eine neue digitale Anwendung zur Verbesserung der Unterrichtsqualität vorgestellt. Mit Hilfe des Portals „Unterrichtsfeedback“ sollen Lehrer an allgemeinbildenden Schulen im ganzen Land die Möglichkeit erhalten, sich ganz individuell Rückmeldung bei ihren Schülern einzuholen. „Rückmeldung zu bekommen für das, was man macht, ist etwas elementar wichtiges, denn sonst bewegt man sich im luftleeren Raum“, sagte Tonne vor Journalisten.

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Die Schüler würden ein solches Feedback in der Regel über Gespräche und Noten vom Lehrer erhalten. „Das ist logisch und entspricht dem Sinn von Schule“, sagte Tonne – es könne und dürfe aber auch andersherum laufen. Das neue Feedback-Portal, das vom Niedersächsischen Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung (NLQ) konzipiert wurde, soll nun den Instrumentenkasten erweitern, der Lehrkräften zur Verbesserung ihrer eigenen Leistung zur Verfügung steht. Tonne berichtete, manche Lehrer hätten sich in der Vergangenheit schon mit eigenen Evaluationsprogrammen ausgeholfen. Die neue Plattform soll dies nun vereinheitlichen, vereinfachen und wissenschaftlich fundieren. In Kooperation mit anderen Bundesländern wurde eine gemeinsame Anwendungsbasis programmiert. Vergleichbare Plattformen gibt es nun auch in Berlin und Brandenburg, Hamburg, Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz.

Kultusminister verspricht: Feedback für Lehrer ist freiwillig und anonym

Der Einsatz dieses neuen Instrumentes ist sowohl freiwillig als auch anonym, versicherte der Kultusminister. Weder die Schule, die Schulleitung noch die Schulklasse müssten mitbekommen, welche Beurteilung die Schüler für einen Lehrer abgegeben haben. Peter Knorn, Fachbereichsleiter Evaluation beim NLQ, betonte bei der Vorstellung der Anwendung, dass es sich dabei explizit nicht um eine Bewertung von Lehrkräften handele, wie es sie beispielsweise in sozialen Netzwerken schon einmal gegeben hat. Es gehe dabei vielmehr darum, eine ehrliche Meinung und Einschätzung abzugeben, die nur dem Zweck diene, dem Lehrer zu helfen, den Unterricht noch weiter zu verbessern. „Die Ergebnisse sollen den Lehrern Handlungssicherheit geben“, sagte Knorn.

„Die Ergebnisse sollen den Lehrern Handlungssicherheit geben.“

Peter Knorn, Fachbereichsleiter Evaluation beim NLQ

Warum ist ein solches Feedback aber wichtig? Knorn führte aus, dass Lehrer wie alle Menschen es bei der Beurteilung ihres eigenen Handelns mit Verzerrungseffekten und blinden Flecken zu tun haben. Die Lehrkraft verfügt bei der Selbstbeurteilung über ganz andere Informationen als die Schüler. Die Schüler hingegen haben auch spezielle Perspektiven, die der Lehrer niemals wird einnehmen können – etwa den direkten Vergleich mit anderen Lehrern. Der Lehrer kann bei der Beobachtung seiner Klasse manche Aspekte auch schlicht nicht von außen erkennen, etwa die Motivation oder die kognitive Leistung der Schüler während einer Unterrichtsstunde. Die Schüler sollen über die neue Anwendung als kompetente Experten mit einer spezifischen Perspektive angenommen werden. Zudem, erläuterte Knorn, sei die Beteiligung der Schüler auch ein Aspekt einer demokratischen Schulkultur.

Anwendung ab der dritten Klasse: Lehrer erstellt Online-Feedbackbogen in fünf Minuten

Nicht mehr als etwa fünf bis zehn Minuten soll das Erstellen eines Online-Feedbackbogens die Lehrkraft kosten, versichern die NLQ-Experten. Über einen QR-Code oder eine TAN können die Schüler dann über jedes beliebige Endgerät ihre Bewertung abgeben. Laut NLQ ist die Anwendung prinzipiell ab der dritten Klasse einsatzfähig, die Fragen und Antwortmöglichkeiten müssten nur entsprechend einfach formuliert werden. Bei der Auswahl der Fragen erhält die Lehrkraft Unterstützung aus der Bildungsforschung. So bietet die Feedback-Plattform einen ganzen Satz möglicher Fragen an, die wissenschaftlich fundiert sind. Daraus kann der Lehrer dann jene Fragen auswählen, die für die jeweilige Unterrichtssituation geeigneten erscheinen. Darüber hinaus können aber auch eigene Fragen formuliert und auch Freitext-Felder angeboten werden, in die dann ganz individuelle Kommentare eingetragen werden können. Zur Häufigkeit des Einsatzes der Anwendung wollen die Bildungsexperten keine Empfehlung geben. Es sei aber prinzipiell möglich, am Ende jeder Schulstunde ein Feedback zu einem kleinen Teilaspekt einzuholen, erläuterte Knorn.

Ein Dilemma erkennt der NLQ-Bereichsleiter Knorn allerdings schon: „Natürlich besteht die Gefahr, dass sich die guten Lehrkräfte mithilfe dieser Anwendung weiterentwickeln, und die anderen sie einfach nicht nutzen.“ Das ließe sich aber auch mit keinem anderen Programm ändern, meinte Knorn, sondern nur mit einer neuen Feedback-Kultur in der gesamten Schule. Den Einsatz des Feedbackportals verpflichtend zu machen, lehnen aber sowohl die NLQ-Experten als auch der Kultusminister ab. Sie sehen das Portal eher als Baustein für eben jene bessere Feedback-Kultur – denn schließlich können die Lehrer selbstverständlich mit ihren Kollegen und der Klasse über die Ergebnisse sprechen.

Das Portal ist seit Ende September freigeschaltet und kann unter www.feedbackportal-ni.de erreicht werden.