Mit dem Veranstaltungsverbot zum Schutz vor der Ausbreitung des Corona-Virus fiel auch für zahlreiche Theateraufführungen vorerst der Vorhang. Besonders für die freie Theater-Szene stellt die aktuelle Situation eine große Herausforderung dar, denn anders als beim Staatstheater fehlt hier die breite öffentliche Finanzierung. Der Landesverband der Freien Theater in Niedersachsen (Laft) sorgt sich nun um den Fortbestand der vielfältigen Kulturlandschaft.


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„Im schlimmsten Fall bedeutet diese Krise nun, dass Kulturschaffende – nach vielen Jahren in prekären Verhältnissen aber immerhin frei, Kunst vor Publikum praktizieren zu können – am Ende nicht mehr dieser Tätigkeit nachgehen können“, sagt Hannah Jacob, eine der beiden Laft-Geschäftsführerinnen, im Gespräch mit dem Politikjournal Rundblick. Ihre Kollegin Martina von Bargen ist vor allem besorgt darüber, dass die vielen Solo-Selbständigen oder die Betriebe im Kulturbereich bei den staatlichen Corona-Hilfen unter den Tisch fallen könnten, weil sie sich strukturell von den wirtschaftlichen Unternehmen unterschieden, zum Beispiel weil viele gar keine klassischen Betriebsausgaben hätten.

Klientel aus Überlebenskünstlern ringt mit Anträgen

Dem Landesverband der Freien Theater gehören 105 Mitglieder an. Das Spektrum reicht vom Figuren-, bis zum klassischen Personentheater, von Einzelkämpfern, die in Schulen und Stadtteilzentren auftreten, bis zu großen Tanzensembles. Gemeinsam ist allen, dass sie nur eine sehr kleine Basis an öffentlichen Geldern haben. Die meisten hangeln sich von Projekt zu Projekt, immer wieder auf der Suche nach neuen Ideen, um Fördermittel etwa von Stiftungen zu bekommen. Immerhin, stellt von Bargen fest, handele es sich deshalb bei vielen um „sehr versierte Antragsteller, eine Klientel aus Überlebenskünstlern, die sich immer erfolgreich durchgeschlagen haben“.

Doch das System sei eben auch fragil, denn die Kulturschaffenden hätten vor der Pandemie meist keine Rücklagen bilden können, selbst wenn sie Jahrzehnte in der Branche tätig waren. Diejenigen, die aber Rücklagen bilden konnten, sorgen sich nun, dass sie diese erst aufzehren müssen, bevor sie einen Anspruch auf Hilfszahlungen haben. Die Unsicherheit ist offenbar gerade groß, was geht und wie es geht. Für viele Kulturschaffende sei aktuell der Gedanke nur schwer erträglich, dass sie leichter an die Grundsicherung kommen könnten, als an Hilfszahlungen für ihren Verdienstausfall. Als „unter-wertschätzend“ bezeichnet das eine der beiden Geschäftsführerinnen.

Es drohen 208 Millionen Euro Verluste in sechs Monaten

Als sich das Ausmaß der Einschränkungen des öffentlichen Lebens abzeichnete, begannen die Laft-Geschäftsführerinnen deshalb zunächst damit, ihre Mitglieder zu beraten, wie sie nun vorgehen sollten und wo sie Hilfen beantragen können. Mit jeder Änderung aus der Politik erneuerten auch sie ihre Informationen. Sie versuchten aber auch, den entstehenden Schaden zu beziffern. Bei einer Befragung unter ihren Mitgliedern erhielte sie von 25 Theatern, also etwa einem Viertel ihrer Mitglieder, eine Rückmeldung, woraus sie errechneten, dass bei diesen bis Ende April rund 500.000 Euro an Einkünften ausfallen. Besonders für die Kinder- und Jugendtheater zeichnet sich ab, dass durch das Aussetzen der Schulbesuche die Einnahmen bis mindestens zu den Sommerferien wegfallen.



Eine Abfrage des Arbeitskreises niedersächsischer Kulturverbände (akku) unter allen Kulturschaffenden in Niedersachsen ergab, dass der Finanzbedarf für alle freien Kultureinrichtungen in den nächsten sechs Monaten zusammengerechnet rund 208 Millionen Euro betragen wird. Allerdings wird diese Summe bereits zum Teil aufgefangen – durch die Soforthilfen, Kurzarbeit oder Stundungen. Die Künstler, die mit öffentlichen Mitteln finanziert werden, seien rasch mit den Förderern ins Gespräch gekommen, berichten von Bargen und Jacob. Dabei habe es viele positive Reaktionen gegeben. Preisgelder wurden trotz Ausfall von Siegerehrungen bezahlt, die Niedersachsenstiftung zeigte sich kulant bei der Verschiebung von Premieren und Projekten. Solidarität erfuhren sie zudem von den Verwertungsgesellschaften, den Genossenschaften oder der Künstlersozialkasse, die beispielsweise die Vorauszahlungen verringerte.

Kulturschaffende reagieren kreativ und weichen ins Internet aus

Die Künstler reagieren derweil kreativ auf die aktuelle Lage und verlagern manche Projekte beispielsweise ins Internet. Es werden neue partizipative Formen entwickelt, es werde experimentiert und über das Zusammenwirken von digitalen und analogen Räumen nachgedacht, schwärmt Jacob. Das habe zum einen wirtschaftliche Gründe, denn so können manche Fördergelder doch noch abgerufen werden, weil Projekte im Internet zu Ende geführt werden. Doch es zieht die Kulturschaffenden auch einfach wieder auf die Bühne.

Ich glaube, dass gerade die Kulturschaffenden sich inhaltlich mit der Krise auseinandersetzen. Das gibt einen starken kreativer Output, der auch gesellschaftlich relevant ist.

„Viele tun das mit einer positiven Energie, auch wenn sie das noch gar nicht monetarisieren können“, sagt Jacob. „Ich glaube, dass gerade die Kulturschaffenden sich inhaltlich mit der Krise auseinandersetzen. Das gibt einen starken kreativer Output, der auch gesellschaftlich relevant ist.“ Das müsse sich nun allerdings auch in der Förderung widerspiegeln, fordern die Laft-Geschäftsführerinnen. Die Politik dürfe die Kulturschaffenden nicht nur rufen, wenn wieder ein Projekt zur Demokratiestärkung ansteht. Jetzt brauchen zunächst die Kulturschaffenden eine Stärkung.