Ganz langsam, Schritt für Schritt kommt die „afrikanische Schweinepest“ (ASP) aus dem Osten immer näher in Richtung Niedersachsen. Im September 2020 wurde der erste ASP-Fall auf deutschem Boden erfasst, seitdem sind laut des tagesaktuellen Tierseucheninformationssystems des Friedrich-Loeffler-Instituts deutschlandweit 3212 infizierte Tiere entdeckt worden. Vermutlich von Polen aus wurde die Seuche zunächst in die östlichen Bundesländer getragen, nach Brandenburg, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Noch dürfte die Elbe den besten Schutz vor einer Einschleppung der ASP auf natürlichem Wege nach Niedersachsen bieten.

An der Grenze zu Polen wird in Brandenburg ein riesiger Zaun gebaut, um die Afrikanische Schweinepest abzuhalten. In Niedersachsen wird das ähnlich aber anders laufen. | Foto: Land Brandenburg

Doch Experten warnen schon längst davor, dass sich das Virus nicht auf vier Beinen ausbreitet, sondern auf zweien – beziehungsweise auf vier Rädern. Kontaminierte Kleidungsstücke oder sorglos weggeworfene Wurstreste bedrohen die niedersächsischen Wildschweinbestände wohl mehr als die borstigen Artgenossen aus dem Osten. Erst Mitte Dezember appellierte Niedersachsens Agrarministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) deshalb noch einmal an niedersächsische Jäger: „Bitte verzichten Sie nach Möglichkeit auf Jagdreisen in die betroffenen ASP-Gebiete.“ Und im Sommer wird sie Urlaubsreisende wieder daran erinnern, dass Wurstbrote nicht im Gebüsch der Autobahnraststätte entsorgt werden sollen. Denn das Virus ist äußerst resistent: In gekühltem Fleisch überlebt es gut fünf Wochen, im Blut bei Raumtemperatur sogar 70 Tage und in gekühltem Blut ganze 18 Monate. In tiefgefrorenen Schlachtkörpern überdauert das Virus gar mehrere Jahre.

Karte: ASF im Baltikum, in Bulgarien, Deutschland, Moldawien, Polen, Rumänien, Serbien, der Slowakei, der Ukraine und Ungarn 2022, Stand 18.01.2022

Für Menschen ungefährlich, für Hausschweine tödlich

Typische Symptome von ASP: Die Tiere haben Fieber und suchen Wärmequellen auf. | Foto: Friedrich-Loeffler-Institut

Das gemächliche Tempo, mit dem sich die für Wild- und Hausschweine tödliche, für den Menschen aber ungefährliche Krankheit entfaltet, ist jedenfalls ein Glücksfall für die Politik, denn so ist sie noch immer „vor der Lage“. Bislang bestand ein wichtiger Präventionsschritt darin, die Wildbestände durch gezielte Jagd klein zu halten. Am gestrigen Donnerstag hat Niedersachsens Agrarministerium nun ein weiteres Instrument für den Kampf gegen die Tierseuche bereitgestellt. Agrarministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) überwachte dabei persönlich, wie im Camp Fallingbostel/Oerbke ein 150 Kilometer langer Zaun im Dienstleistungszentrum der Bundeswehr eingelagert wurde. Der Umfang der Lieferung entspricht nach Angaben des Ministeriums etwa 700 Euro-Paletten oder rund 25 Lastwagen-Ladungen und soll im Fall der Fälle wesentlich zur Eindämmung der ASP beitragen. Hinzu kommen übrigens etwa 30.000 Pfähle, 600 Weidezauntore in verstellbaren Breiten und 90.000 Erd-Anker zur Bodenverankerung, wie das Ministerium mitteilte.

Otte-Kinast warnt: „Die Gefahr rückt näher“

„Die Gefahr rückt leider näher. Ich bin froh, dass wir nun noch besser auf die Bekämpfung der ASP vorbereitet sind“, erklärte Otte-Kinast gestern vor Ort. „Zum einen steht uns der wichtige Schutzzaun zur Verfügung und zum anderen haben wir durch die Unterstützung der Bundeswehr einen sicheren Lagerort gefunden.“ Die Amtshilfe des Militärs wurde nötig, weil die Lagerkapazitäten des Landes bereits vollständig ausgeschöpft worden sind. Kommandeur Oberst Dirk Waldau sagte gestern: „Die Vorsorge für den Fall des Ausbruchs der ASP ist eine herausfordernde Aufgabe. Die Bundeswehr stellt daher die Lagerflächen gerne zur Verfügung. Wir setzen damit die gute Zusammenarbeit mit den Behörden fort.“

Wildschweine könnten die Afrikanische Schweinepest auch nach Niedersachsen bringen. | Foto: Pixabay/Paul Henri

Doch was passiert nun mit dem neuen Zaun, wenn es in Niedersachsen doch noch zu einem ASP-Ausbruch kommt? Wenn der Fall bestätigt und der Fundort gesichert ist, wird zunächst die epidemiologische Lage ermittelt und dann werden alle Informationen an die betroffenen Behörden weitergegeben. Diese richten dann ein lokales Krisenzentrum ein, das je nach Lage auch mehrere Landkreise betreffen kann. Dann wird es zunächst darum gehen, eine Art von Quarantäne-Zirkel rund um den Fundort des Wildschwein-Kadavers zu identifizieren. Dieser kann aus bis zu drei Arealen bestehen: einem optionalen Kerngebiet, einem gefährdeten Gebiet und einer Pufferzone zum Rest der Welt. Seit 2014 gibt es in Niedersachsen für genau diesen Fall eine sogenannte Sachverständigengruppe unter Leitung des Agrarministeriums. Die Geschäftsführung hat die Taskforce Veterinärwesen des niedersächsischen Landesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) inne, beteiligt sind zudem die Landesjägerschaft, die Landesforsten, der Zentralverband der Jagdgenossenschaften und Eigenjagden sowie die kommunalen Veterinär- und Jagdbehörden, die Landwirtschaftskammer und Fachinstitute der Tierärztlichen Hochschule Hannover (TiHo). Schon vor dem konkreten Seuchenfall hilft diese Sachverständigengruppe bei der Untersuchung der Seuchenlage. Kommt es dann zum Ausbruch, unterstützen die Fachleute bei der Ausweisung der sogenannten Restriktionsgebiete, in denen besondere Schutzvorkehrungen gelten und die dann von dem nun neu angeschafften Zaun begrenzt werden können. Errichtet wird der Zaun dann vom Maschinenring Niedersachsen, wie Otte-Kinast am Donnerstag erläuterte.

Katastrophenschutz bereitet sich auf Schweinepest in Niedersachsen vor

Darüber hinaus hat das Land bereits weitere Materialien eingelagert, die auf ihren Einsatz warten. Im Katastrophenschutzlager des Landes Niedersachsen in Garbsen (Region Hannover) befindet sich etwa alles, was man für den Aufbau eines vierreihigen Litzenzauns mit einer Gesamtlänge von 50 Kilometern benötigt. Eine betroffene Behörde kann dann im Notfall das Material über die Taskforce des Laves anfordern. Auf demselben Weg können die kommunalen Behörden auch sogenannte Berge-Sets vom Land beziehen, mit denen kontaminiertes Fallwild sicher abtransportiert werden kann. Zehn solcher Sets stehen derzeit bereit und beinhalten etwa Schutzkleidung und Desinfektionsmittel. Zusätzlich können noch Kadaversäcke, GPS-Geräte, Schlittenwannen und Anhänger geordert werden.

ASP-Virus unter dem Elektronenmikroskop. | Foto: FLI, Labor für Elektronenmikroskopie; Koloration: Mandy Jörn

Innerhalb des Restriktionsgebietes wird es dann zunächst ruhig und dann unangenehm für das Wild, das dort noch lebt. Um eine weitere Ausbreitung der ASP im Land zu verhindern, muss der Wildtierbestand nämlich radikal verringert werden. Das heißt: Es gibt eine Jagd auf das übrige Wild. Diese beginnt jedoch erst nach einer Ruhephase von etwa zwei Wochen, damit die aufgeschreckten Tiere sich nicht in andere Gebiete flüchten und das Virus so noch schneller verbreiten. All diese Maßnahmen betreffen dann zunächst die freie Natur, aber auch für die schweinehaltenden Betriebe innerhalb des Restriktionsgebietes stehen voraussichtlich strengere Schutzmaßnahmen an. Denn vor allem gilt es dann, das Virus aus den Hausschweinbeständen herauszuhalten. Für den Krisenfall hat eine Arbeitsgruppe bereits 2012 mit der Erarbeitung von Tierseuchenkrisenplänen für die Wirtschaft begonnen. Ein Handbuch gibt den Landwirten Anweisungen, Mindestanforderungen für die Reinigung und Desinfektion von Transportfahrzeugen wurden definiert – und immer wieder hat man für den Ernstfall Übungen durchgeführt. Das Land scheint bereit, und doch hoffen alle, dass der Ernstfall noch etwas auf sich warten lässt.