In Niedersachsen wird im September gewählt, was das Zeug hält. Schon jetzt gehen zum Beispiel in der Region Hannover die Bäume und Laternenpfähle aus, um all die Plakate für Kommunal- und Bundestagswahl noch irgendwo aufzuhängen. Bäumchen, die jetzt noch schnell gepflanzt werden, wachsen in den kommenden sechseinhalb Wochen wohl nicht mehr auf plakattaugliche Höhe. Kein Wunder, dass schon darüber gestritten wird, wer wessen Plakat unerlaubterweise an Laternen hochgeschoben hat. 

Mein Kollege Klaus Wallbaum schaut heute, also Ende Juli, schon mal auf den September und  erklärt, wo die Kommunalwahl besonders spannend werden könnte. Seine dazugehörige Foto-Sammlung aktueller Wahlplakate erklärt uns Philosophie-Laien begleitend, was der Philosoph Herbert Marcuse meinte, als er vom „permanenten ästhetischen Umsturz“ sprach. Marcuse starb heute vor 42 Jahren und meinte damit die Kunst. Ergo: Alles Kunst, was da gerade an den Laternen hängt. 

Fotos: kw

Wo ist eigentlich die gute alte Sommerpause geblieben? Früher wurden noch verrückte Nebensächlichkeiten wie Mallorca als 17. Bundesland in den Sommerferien diskutiert, jetzt geht’s um Schulschließungen, Pflicht-Impfungen und verpflichtende Corona-Tests für Reiserückkehrer, von denen die meisten, die auf Reisen sind, vermutlich gar nichts mitbekommen, denn wer kauft sich schon heute noch auf Malle oder Kreta am Strand-Kiosk die tägliche Blöd-Zeitung? 

Viele haben im Strandkorb schließlich schon genug damit zu tun, Marcuses „Repressive Toleranz“ zu lesen, um die Politik von Markus Söder und Jens Spahn besser zu verstehen. Die Kurzfristigkeit und Sprunghaftigkeit der söderspahnschen Vorschläge führt aber dazu, dass Marcuse am Ende natürlich wieder einmal Recht behält: Über die Zukunft soll man nur in Frageform reden. Naja, wenigstens bleibt Söder unterhaltsam….

Dass mit Schulschließungen ein Bildungsverlust einhergeht, war in dieser Woche übrigens in Elze im Kreis Hildesheim zu beobachten. Dort haben unbekannte Täter die Türen einer Grundschule zugeklebt, in dem sie alle Schließzylinder in den Eingangstüren mit Sekundenkleber zugeschmiert haben – in den Ferien! Blöde Idee. Wer ausgerechnet in den Sommerferien zum Sekundenkleber greift, glaubt auch, dass er damit die Türen der Frankfurter Schule zukleben könnte. 

So, am besten denken Sie jetzt schon einmal über einen frühen Feierabend nach, schließlich wissen wir seit Marcuse, dass die Dauer des Arbeitstages an sich einer der entscheidenden Faktoren für die Unterdrückung des Lustprinzips durch das Realitätsprinzip darstellt. 

In der Theorie schaffen Sie an einem halben Arbeitstag bestimmt doppelt so viele Aufgaben. Und wenn die Tatsachen mit der Theorie nicht übereinstimmen – umso schlimmer für die Tatsachen. Kommt auch von Marcuse. 

Ich wünsche Ihnen einen schönen Donnerstag

Martin Brüning