Wenn ein Verein wie die niedersächsische Aidshilfe auf 35 Jahre erfolgreichen Wirkens zurückblickt, stellt sich unweigerlich die Frage: Braucht es sie nun noch? Und wenn ja: Wie lange und wofür? Christin Engelbrecht, Geschäftsführerin der Aidshilfe Niedersachsen, antwortete beim Festakt im hannöverschen Künstlerhaus darauf mit der programmatischen Ansage: „Wir möchten nicht, dass es den Verein noch einmal weitere 35 Jahre geben muss. Wir arbeiten jeden Tag daran, uns selbst überflüssig zu machen, und ein Niedersachsen zu schaffen, in dem es uns nicht mehr braucht.“

Die Festrednerin der Jubiläumsfeierlichkeiten, Prof. Rita Süssmuth, gab jedoch rasch Wasser in den Wein und mahnte: „Es gibt immer wieder Rückschläge. Ich erleben das auch in der Frauenfrage.“ Als Beispiel führte die frühere Bundesgesundheitsministerin und Bundestagspräsidentin a.D. die Erfahrungen aus der Corona-Pandemie an, in der Frauen vielfach durch Homeoffice und Kinderbetreuung eine Doppelbelastung erfuhren, die eigentlich der Vergangenheit angehören sollte. „Und plötzlich hieß es in der Pandemie dann, Frauen seien systemrelevant. Da habe ich gelacht und gesagt: Das waren sie doch schon immer!“ Ihr Appell an die Aidshilfe lautete deshalb: „Ich bitte Sie mit Nachdruck: Bleiben Sie bei dem, was sie aufgebaut haben, und entwickeln sie es weiter.“

„Solange ich lebe, höre ich nicht auf, gegen Ausgrenzung zu kämpfen“, sagte Rita Süssmuth beim Jubiläum der Aidshilfe Niedersachsen | Foto: Philipp Hannappel www.philipphannappel.de

Süssmuth, die bis zu ihrer Berufung ins Bundeskabinett 1985 in Hannover das Institut „Frau und Gesellschaft“ geleitet hatte, war eine wesentliche Protagonistin im Kampf gegen die Aids-Pandemie. Anlässlich der 35. Wiederkehr jenes Tages, an dem sich mehrere lokale Aidshilfe-Gruppe in Niedersachsen zu einem Landesverband zusammengeschlossen hatten, erinnerte sie noch einmal an diese von Unsicherheit, Zweifel und Ausgrenzung geprägten Jahre. Innerhalb der Unionsparteien musste Süssmuth sich mit ihrem Kurs der Offenheit gegen politische Hardliner wie Peter Gauweiler oder Horst Seehofer von der CSU durchsetzen. Diese verfolgten die Strategie, HIV-Infizierte „konzentriert unterzubringen“. Süssmuth wollte eine menschlichere Politik, ihr Credo lautete: „Wir bekämpfen die Krankheit und nie die Erkrankten.“ An dieser Grundeinstellung hält sie bis heute fest: „Solange ich lebe, höre ich nicht auf, gegen Ausgrenzung zu kämpfen.“

Süssmuth wirbt fürs Bürgerlernen damals wie heute

Das große Problem in Politik und Gesellschaft sei damals die Unwissenheit gewesen, sagte Süssmuth und nahm sich selbst davon nicht aus: „Ich kann ja nicht behaupten, dass ich Ahnung gehabt habe von der Krankheit. Aber ich habe ungeheuer viel dafür gearbeitet, etwas mehr darüber zu erfahren.“ Zudem hat die CDU-Politikerin versucht, Bundeskanzler Helmut Kohl auf ihre Seite zu ziehen. Nur zwei Experten habe es damals auf der ganzen Welt gegeben, die sich mit dem HI-Virus einigermaßen auskannten. Ihr sei es gelungen, schilderte sie nun rückblickend, den Kanzler mit diesen beiden Fachleuten zusammenzubringen. Gute vier Stunden hätten die drei Herren damals zusammengesessen. Wie das Gespräch verlaufen sei, habe sie nie erfahren. Doch was dann folgte, war ein Paradigmenwechsel in der Gesundheitspolitik: Die Prävention rückte in den Vordergrund.

Wichtiger noch als die Überzeugungsarbeit beim Regierungschef sei es aber gewesen, die Menschen zu informieren. „Die Eltern waren wichtig. Zunächst waren sie unbeholfen aber dann haben sie gemerkt, dass sie hinsehen und lernen müssen.“ Experten seien zwar auch wichtig, doch in der Praxis komme es darauf an, dass die Menschen selbst lernen, die Lage sicher einzuschätzen. Auch hier erkennt sie eine Parallele zur Corona-Pandemie. Süssmuths globale Lehre daraus: Die Politik muss in Krisen aufs Bürgerlernen setzen. Dann komme es auch nicht zu solch schrecklichen Szenen, wie während der Corona-Pandemie, als alte Menschen ganz allein sterben mussten, weil man die Angehörigen nicht zu ihnen lassen wollte.

Aidshilfe formuliert Forderungen an die Landespolitik

Die Aidshilfe Niedersachsen nutzte ihre Jubiläumsfeier auch, um ihre Kernforderungen an die nächste Landesregierung zu adressieren. Unter dem Motto „Get Niedersachsen on the Fast Track“ fordert der Verein etwa, die Kürzungen im HIV-Etat des Landes zurückzunehmen, sowie Frauen mit HIV sichtbar zu machen, indem Frauenstellen finanziert werden. Das Land soll sich gegen die Diskriminierung von HIV-Positiven wenden und geschlechtliche Vielfalt sowie sexuelle Gesundheit stärken. Im vergangenen Dezember hat das Landessozialministerium am Welt-Aids-Tag feierlich die Deklaration „positiv arbeiten“ unterschrieben – weitere Ministerien haben sich diesem Antidiskriminierungspaket allerdings noch nicht angeschlossen.

Ferner will die Aidshilfe, dass Rechte und Absicherung von Sexarbeiterinnen gestärkt werden. Der Drogenkonsum soll entkriminalisiert wird, damit die Gesundheit geschützt werden kann. Und die HIV-Prävention per Pille, die sogenannte „Prep“, sowie HIV-Tests und fachkundigen Ärzten sollen im ganzen Land verfügbar sein.