Inneres

Was geschah 1944 in Diekholzen? Eine Überlebende kehrt zurück

02.04.2018
Lesezeit: 3 Minuten

Von Karina Scholz

Zum ersten Mal seit 74 Jahren steht Gisela Hampe an der Stelle, an der sie um ein Haar ihr Leben verloren hätte. Ihre Augen suchen das Gelände der früheren Heeres-Munitionsanstalt in Diekholzen bei Hildesheim ab. Hier stempelte die damals 18-Jährige Pulversäcke, als am 25. Juli 1944 eine Stichflamme aus einer Kiste schoss und die anschließende Verpuffung 33 Menschen in den Tod riss. Gisela Hampe überlebte schwer verbrannt. In dem 3000 Einwohner großen Dorf ist die Erinnerung an dieses Unglück ein sensibles Thema. Ginge es nach dem Niedersächsischen Heimatbund, würde über historische Orte wie Munitionsfabriken viel häufiger gesprochen.

Ortsheimatpfleger Adalbert Schroeter und Zeitzeugin Gisela Hampe beim Rundgang durch Diekholzen. Die 91-Jährige ist nach dem Stand der Forschung die letzte Überlebende des Muna-Unglücks von 1944. – Foto: Karina Scholz

Die kurz „Muna“ genannte Munitionsanstalt in Diekholzen lag auf dem Gelände des früheren Kaliwerkes im Hildesheimer Wald. Von 1937 bis 1945 hatte die Heeresverwaltung die Gewalt über die Schachtanlage. Die Stollen eigneten sich zur bombensicheren Unterbringung von Sprengmitteln; in neu gebauten Produktionshallen stellten Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und dienstverpflichtete Mädchen Munition her. Heute befindet sich das Gelände in Privatbesitz, die ehemaligen Fabrikhallen werden als Lagerhallen genutzt.

„Ich hätte nie gedacht, hier noch einmal her zu kommen“, erzählt Gisela Hampe – obwohl die 91-Jährige in Hannover und damit nur 45 Kilometer entfernt von Diekholzen wohnt. Erst nach einem zufälligen Gespräch mit einem Bekannten und der folgenden Recherche im Internet knüpfte die Witwe vor wenigen Wochen Kontakt zum Diekholzener Ortsheimatpfleger Adalbert Schroeter. Er lud sie sofort ein, denn sie ist nach heutigem Stand der Forschung die letzte Überlebende des „Muna-Unglücks“.

Ortsheimatpfleger Adalbert Schroeter im Gespräch mit Zeitzeugin Gisela Hampe vor der früheren Halle 5 der Munitionsfabrik, dem Ort des Unglücks von 1944. – Foto: Karina Scholz

„Frau Hampe, da drüben haben Sie mal gewohnt“, sagt Schroeter bei einem Rundgang durchs Dorf mit der Zeitzeugin. Die schaut sich staunend um. Auf dem Gelände der Diekholzener Lungenklinik standen früher die Baracken, in denen die kriegsdienstverpflichteten Mädchen untergebracht waren. Gisela Hampe war eine von ihnen. „Ich hatte die Wahl zwischen der Arbeit in der Munitionsfabrik, als Betreuerin bei der Kinderlandverschickung mitzufahren oder als Straßenbahnschaffnerin nach Dresden zu gehen. Da habe ich mich für die Muna entschieden, weil es nicht weit weg von Hannover war“, sagt sie. Ihr Einsatz in Diekholzen sollte eigentlich ein halbes Jahr dauern, doch nach drei Monaten landete sie – nach dem Unglück – im Krankenhaus.

Ich hätte nie gedacht, hier noch einmal her zu kommen.

Gisela Hampe

„Es war ein schöner Sommertag, als es passierte“, erinnert sich Gisela Hampe. „Wir trugen alle weiße Kittel bei der Arbeit. Direkt nach der Frühstückspause brachten zwei junge Polen eine Pulverkiste in die Halle. Sofort nach dem Abstellen sah ich die Stichflamme. Wir rannten alle hinaus und einen Abhang hinauf“, berichtet sie. Mit Verbrennungen zweiten und dritten Grades an Armen und Beinen kam sie ins Städtische Krankenhaus Hildesheim, wo sie vier Monate lang blieb. „Ich wollte Sport- und Handarbeitslehrerin werden, das war danach vorbei“, sagt sie. Stattdessen wurde sie Maschinenstickerin. Von den Verbrennungen ist ihre Haut heute noch vernarbt.

Ihre Erinnerungen beschäftigen die Seniorin zwar, aber zu Tränen gerührt ist sie beim Anblick der früheren Muna-Halle 5 nicht. „Das ist ja alles so lange her“, wiegelt sie ab. Energisch wird sie dagegen, wenn es um den Hintergrund des Unglücks geht: „Ich bin der Meinung, das war Sabotage“, sagt sie. „Es war fünf Tage nach dem Attentat auf Hitler, es ist direkt nach der Frühstückspause passiert, und es waren zwei junge Polen, die die Kiste brachten“, erläutert Hampe. Dann zuckt sie mit den Schultern. Bisher gehen alle Quellen von einem Unglück aus.

Adalbert Schroeter und Gisela Hampe vor der Gedenkstätte für die Opfer des Muna-Unglücks von 1944 vor der Diekholzener Sankt Jakobus-Kirche. – Foto: Karina Scholz

Dass an den Vorfall überhaupt erinnert wird, liegt zu einem großen Teil am Engagement des ehrenamtlichen Ortsheimatpflegers Schroeter. Jahrelang forschte er in Archiven und beantragte Fördergelder, bis er 2013 schließlich zusammen mit der örtlichen Kolpingsfamilie eine Gedenkstätte für die Toten des Unglücks an der katholischen Kirche im Ort realisieren konnte. Die politische Gemeinde Diekholzen erhält zur Pflege der Gedenkstätte eine Pauschale vom Landkreis Hildesheim. Die Bürgermeisterin betont, die Gemeinde erinnere jedes Jahr am Volkstrauertrag zusammen mit den Kirchen, den Vereinen und Bürgern des Ortes an alle Opfer von Krieg, Gewalt und Terror. Über ein Hinweisschild oder eine Gedenktafel an den ehemaligen Fabrikhallen der Muna könne die Gemeinde nicht entscheiden, da das Gelände heute in privater Hand ist.

Der niedersächsische Heimatbund dagegen sieht beim Thema Heeres-Munitionsanstalten noch viel Informations- und Aufklärungsbedarf. „Das ist ein sensibles Thema, über das vielerorts nicht gern gesprochen wird“, sagt der Geschäftsführer des Heimatbundes, Thomas Krueger. Es herrsche „offenbar immer noch bei vielen Leuten ein diffuses Angstgefühl, das eigentlich völlig unbegründet ist“, meint er. Dabei gehe es um die Erinnerung an die Opfer der Gewaltherrschaft – „gleich welcher Herkunft, um das Lernen an der Geschichte vor Ort“, mahnt Krueger. Gerade für die junge Generation sei es wichtig, über Stätten wie die früheren Heeres-Munitionsanstalten im eigenen Wohnort Bescheid zu wissen. Darüber zu informieren, lohne sich. Damit spricht Krueger Überlebenden wie Gisela Hampe aus der Seele.