Er ist nicht gerne in den Norden gekommen. Regelrecht gewehrt hat er sich, als man ihn vom bayerischen Niederalteich nach Hildesheim versetzen wollte. Eine andere Sprache, eine andere Landschaft – ein ganz anderes Land! Und auch die mit dieser Versetzung verbundene Beförderung konnte den damaligen Abt Gotthard nicht so recht überzeugen. „Lieber in Bayern ein Abt als da oben ein Bischof“, soll er gesagt haben. „Und wenn schon ein Bischof, dann doch lieber wieder in Bayern.“

Vor 1000 Jahren war Godehard der Bischof von Hildesheim. Jetzt wird das Jubiläum groß gefeiert. | Screenshot: Youtube

Mit seinem Wehklagen konnte er sich jedoch nicht durchsetzen, und so wurde Gotthard aus Niederalteich schließlich Godehard in Hildesheim. Vor eintausend Jahren ereignete sich diese Personalentscheidung, die das Gebiet zwischen Weser und Elbe in den darauffolgenden Jahren maßgeblich geprägt hat. Aus Anlass dieses besonderen Weihejubiläums ruft der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer nun das „Godehard-Jahr“ aus. Sein Wunsch ist es, dass etwas von dem Schwung und der Erneuerung, die Godehard damals zwischen 1022 und 1038 im heutigen Niedersachsen verbreitet hat, das Bistum nun ein weiteres Mal erfüllt.

Der heilige Godehard. | Foto: Chris Gossmann/bph

Lange Zeit wandelte Godehard im Schatten seines Vorgängers, des in Hildesheim sehr sichtbaren Bischof Bernward. Spätestens seit seiner Heiligsprechung im Jahr 1131 erlangte Godehard allerdings europaweit Bekanntheit. Kirchen und Klöster von Mailand bis Dänemark sind nach ihm benannt worden. Den meisten Menschen, auch den Unreligiösen, ist sein Name wohl immerhin aufgrund des Schweizer Gotthard-Passes ein Begriff. Doch wer war dieser Godehard überhaupt? Geboren wurde er im Jahr 960 im niederbayerischen Reichersdorf bei Niederalteich.

Godehards berühmter Vorgänger: Bischof Bernward. | Foto: Ina Funk/bph

Sein Vater, der als weltlicher Verwalter des dortigen Klosters Niederaltaich (mit „a“ geschrieben) arbeitete, ermöglichte seinem Sohn zunächst den Besuch der Klosterschule und schließlich sogar ein Studium an der Domschule in Salzburg. Anschließend fand Godehard, der in seiner alten Heimat eher als Gotthard bekannt war, eine Anstellung als Sekretär des Erzbischofs – die erste Station einer steilen Kirchenkarriere, die auch durch einen wichtigen Förderer, den damaligen Herzog Heinrich, begünstigt wurde. Im Jahr 985 wurde Godehard zum Diakon geweiht, zehn Jahre später zum Priester und ein weiteres Jahr darauf, im Dezember 996, machte ihn der Bischof von Passau schließlich zum Abt ebenjenes Klosters, dessen Verwalter sein Vater gewesen war.

Dieses Kloster hatte einst eine besondere Stellung, galt als Kaderschmiede und kultureller Stützpunkt. Doch als Godehard die Leitung übernahm, lag diese Glanzzeit in der Vergangenheit. 25 Jahre lang arbeitete er mit Fleiß, Tatendrang und hochrangiger Unterstützung an der Reform des Klosters und kümmerte sich obendrein auch noch um das Stift Hersfeld bei Fulda und das Kloster Kremsmünster. Doch wer gute Arbeit leistet, darf sich selten darauf ausruhen, sondern muss sein Talent auch an anderer Stelle einsetzen.

Kaiser schickte Godehard mit 62 Jahren nach Hildesheim

So kam es, dass sein Freund und Förderer, der inzwischen zum Kaiser gekrönte Heinrich II., ihn nach Hildesheim entsandte, um nach dem Tod Bischof Bernwards dessen Nachfolge anzutreten. Sein Zaudern und Zögern zeigten keine Wirkung – und so kam Godehard nach Hildesheim, wo er, zu diesem Zeitpunkt schon 62 Jahre alt, für die nächsten 15 Jahre die Geschicke des Bistums lenken sollte. Dazu reiste er viel im Land umher, brachte die Reform der Klöster auch in den Norden und wirkte sowohl als Bauherr, Seelsorger und Vordenker. Am 5. Mai 1038 starb Bischof Godehard schließlich im Alter von 77 Jahren im Hildesheimer Mauritiusstift, das er einst selbst gegründet hatte.

Der Godehardschrein ist heute im Dommuseum Hildesheim zu sehen. | Foto: Ansgar Hoffmann

Sein Todestag wurde schließlich zum Namens- und Gedenktag und markiert in diesem Jahr den Beginn des Hildesheimer Godehard-Jahres. Bischof Heiner Wilmer, der seit 2018 in Hildesheim wirkt, möchte dieses besondere Gedenkjahr nutzen für eine „tiefe innere Erneuerung“ des Bistums. „Im Godehard-Jahr werden wir aufbrechen, pilgern und uns von der freimachenden Botschaft Jesu Christi erzählen und davon, was uns berührt, begeistert“, sagte der Bischof der Kirchenzeitung seines Bistums. „Es wird uns im Godehard-Jahr darum gehen, die benediktinische Spiritualität neu zu entdecken – vor allem jene Impulse, die damals schon den heiligen Godehard getragen und unserem Bistum ein Gesicht gegeben haben.“

Godehard-Jahr wird mit Messen und Pilgertouren gefeiert

Zu Beginn wird es zeitgleich drei Gottesdienste geben. Bischof Heiner Wilmer selbst wird die Heilige Messe im Mariendom feiern, dieser Gottesdienst wird auch per Livestream im Internet übertragen. Weihbischof Nikolaus Schwerdtfeger feiert die Heilige Messe in Sankt Godehard und Weihbischof Heinz-Günter Bongartz im Kloster Marienrode. Am darauffolgenden Wochenende werden zudem noch an verschiedenen Orten im Bistum Eröffnungsgottesdienste gefeiert.



In den kommenden Monaten wird dann die Bewegung zum stilprägenden Element. Unter dem Motto „Glauben geht – GO!“ organisiert das Bistum zahlreiche Veranstaltungen zwischen Harz und Küste und darüber hinaus. Immer wieder geht es auch ums Pilgern. So gibt es im Mai im Kloster Walkenried einen Pilgertag, im Juni und Juli eine Fahrradpilgertour zwischen Niederalteich und Hildesheim, im September sowohl eine Pilgerwoche und ein Feierabendpilgern sowie ein Pilgerfest auf dem Domhof in Hildesheim. Gespickt ist das Jahresprogramm zudem mit wissenschaftlichen Fachtagungen wie der Godehard-Tagung im Juni oder eine interdisziplinäre Tagung über die ehemalige Benediktiner-Klosterkirche St. Godehard in Kooperation mit der Klosterkammer Hannover.

Aber auch das Thema Bildung und Inklusion taucht wiederholt im Programm auf, hier richtet sich der Blick auf die Modellkommune Duderstadt, wo mehrere Themenabende ausgerichtet werden. Darüber hinaus wird es vier Projekte geben, die sich über das gesamte Jahr erstrecken. Neben einer Inszenierung des Lebensweges Godehards vom Schatten- und Figurentheater Wunstorf sucht das Bistum auch nach Orten, die Segen bringen, die Caritas richtet Solidaritätstafeln aus und Pater Mauritius Wilde lädt einmal pro Monat zum Innehalten per Zoom ein. Welche Wirkung das Godehard-Jahr auf eine von Krisen und Umbrüchen gezeichnete Kirche hat, wird sich zeigen. Eine erste Bilanz wird man vielleicht ziehen können, wenn am 5. Mai 2023 das Festjahr mit einer großen Veranstaltung im hannoverschen Kongresszentrum beendet wird.