Kommentar

Wir müssen digitaler werden

21.12.2020
Lesezeit: 3 Minuten

Über die Seriosität von Prognosen für das folgende Jahr lässt sich in jedem Dezember trefflich streiten, in diesem Jahr aber besonders. Die meisten wären schon froh, wenn 2021 besser würde als das aktuelle „annus horribilis coronae“. Sicher vorhersagen lässt sich das aber nicht. Schon jetzt bereiten Prognosen über eine mögliche dritte Corona-Welle große Sorgen, Wirkung und Ablauf der Impfungen sind ebenfalls nicht leicht vorhersehbar. Und so liegt auf dem kommenden Jahr eine große Unsicherheit, die gerade die Wirtschaft schwer belastet. Der Reim von Erich Kästner war vermutlich bei kaum einem Jahreswechsel wahrer als beim anstehenden: „‘Wird’s besser? Wird’s schlimmer?‘“, fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich.“

Foto: envfx

Düstere Wirtschaftsprognosen: Im kommenden Jahr mehr Wachstum zu erzielen als in diesem, dürfte angesichts des Katastrophenjahres 2020 eigentlich nicht besonders schwer sein. Doch ausgemacht ist das noch lange nicht. Schaut man sich die Zahlen des ifo-Instituts an, so werden wir in diesem Jahr ein Minus von 5,1 Prozent zu verbuchen haben. Inzwischen geht man allerdings nur noch von einem Wachstum von 4,2 Prozent im kommenden Jahr aus. So schnell machen wir die Verluste also voraussichtlich nicht wieder wett.


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Autobranche auf Schlingerkurs: Die Schlüsselbranche der deutschen Industrie hat ein schwieriges Jahr hinter sich. Die Experten sind sich einig, dass die Verkäufe 2021 wieder anziehen werden, aber die Autohersteller kämpfen nach wie vor zeitgleich mit einer Fülle von Problemen. 1. Gerade im Corona-geplagten Europa werden viele Kunden vor Neukäufen noch zurückschrecken. Wer investiert schon in ein neues Auto, wenn die Zukunft des eigenen Arbeitsplatzes eher unsicher ist? Auch die Erneuerung von Flotten könnte zeitverzögert geschehen. 2. Während die Einnahmen drastisch zurückgehen, sind hohe Investitionen für die Entwicklung von E-Autos erforderlich. Das Angebot der deutschen Hersteller ist hier immer noch spärlich und geprägt von Startschwierigkeiten: Reichweiten werden belächelt, IT-Probleme bei neuen VWs nerven Kunden und Konzern gleichermaßen. Keine gute Phase für die deutschen Autobauer. 3. Zu alldem schwebt auch noch das Damoklesschwert der Abgasnorm Euro 7 über den Autobauern. Man kann angesichts der EU-Daumenschrauben den Eindruck bekommen, dass  die aktuelle schwere Wirtschaftskrise an Brüssel vollkommen vorbeigegangen ist, dort wird Öko-„Business as usual“ betrieben. Und was machen die deutschen Autobauer? Beschäftigen sich mit neuen Logos. Nach VW und BMW hat jetzt auch Opel am Markenlogo gefeilt. Das war 2020 schon skurril genug, wer sich aber 2021 in den Konzernzentralen noch mit Logos beschäftigt, hat wirklich den Schuss nicht gehört.

Der Handel vor großen Umbrüchen: „Und für Ihre Einkäufe? Immer wieder Karstadt“, so lautete die Werbung in den 40er Jahren für das große Kaufhaus am Berliner Hermannplatz. Inzwischen haben die großen Warenhäuser schwer zu kämpfen, und nicht nur die. Am vergangenen Montag kurz vor dem Lockdown stand auf der hannoverschen Georgstraße eine lange Schlange vor dem Bekleidungshaus C&A, die bis zum geschlossenen Karstadt-Kaufhaus reichte. Eine Momentaufnahme, denn auch bei C&A gibt es einen radikalen Streichkurs, Filialen werden geschlossen. Die Idee der Union im Bundestag, den innerstädtischen Handel durch eine neue Abgabe für den Online-Handel quer zu subventionieren, ist allerdings genauso aus der Mottenkiste wie die Karstadt-Werbung aus den 40ern. 2021 muss sich die Erkenntnis durchsetzen, dass wir die Vergangenheit nicht zementieren können. Vielmehr braucht es Ideenwettbewerbe, wie die Innenstädte zügig attraktiv umgestaltet werden können, wenn nicht mehr nur die großen Warenhäuser in den Fußgängerzonen schließen – und das wird so kommen, ob wir es wollen, oder nicht.

Die neue Arbeit in der neuen Zeit: Wer im Home-Office sitzt, arbeitet nicht? Dieses alte Vorurteil, in dem wie in jedem Vorurteil eben auch nur ein Körnchen Wahrheit steckt, dürfte sich 2020 erledigt haben. Entspräche es der Wahrheit, wären die Wirtschaft und die Arbeit vieler Unternehmen ja noch viel stärker zusammengebrochen, als dies ohnehin schon der Fall war. In diesem Krisenjahr haben viele im Schnellverfahren die Stärken und Schwächen des Arbeitens von Zuhause kennengelernt – und zwar Arbeitnehmer wie Arbeitgeber. Für 2021 ergeben sich dafür folgende Aufgaben. 1. Home-Office kann in vielen Unternehmen institutionalisiert werden. 2. Dafür muss es klare Regeln für beide Seiten geben – die Arbeitgeber brauchen einen realistischen Plan, wie Arbeit geregelt vonstatten gehen kann, die Arbeitnehmer brauchen die nötige Ausstattung und eine Regelung, wie sie dennoch genug an das Unternehmen und die Kultur gebunden sein können. Was man 2021 nicht braucht: Gesetzgeberische Vorgaben der Bundespolitik, mit denen etwas geregelt wird, was Unternehmen und Arbeitnehmer sowie ihre Interessenvertreter schon selbst hinbekommen.

Digital ist das neue normal: Wer sich in der Corona-Krise noch auf sein Faxgerät verlassen hat, hatte die Nachteile meistens auf seiner Seite – egal, ob es dabei um Industrieunternehmen oder Gesundheitsämter ging. Wer in den vergangenen Monaten Prozesse bereits digitalisiert hatte oder dies zügig umgesetzt hat, kam besser durch die Krise. Das wurde auch durch eine Studie der Telekom belegt. Dieses Rad wird sich auch 2021 nicht mehr zurückdrehen lassen, im Gegenteil: es wird sich sogar schneller drehen. Sowohl die Unternehmen als auch die Verwaltung müssen die Chancen der Digitalisierung beherzt anpacken. Uns allen hilft kein wehmütiger Blick zurück, die Vergangenheit kann man nicht einmal mehr bei Karstadt kaufen.

Von Martin Brüning