3. Juli 2018
Kommentar

Achtet auch auf die Frauen, wenn es um Terrorabwehr geht!

Darum geht es: Die Polizei hat am Freitag in Bayern eine 27 Jahre alte Niedersächsin festgenommen, die im Irak für den Islamischen Staat (IS) gearbeitet haben soll. Ein Kommentar von Isabel Christian. So krude sie ist, so lässt sich die Motivation von Jennifer W. auf gewisse Weise nachvollziehen. Immerhin hatte der IS der jungen Frau eine aktive Rolle bei der „Errichtung des Kalifats“ zugedacht und sie nicht nur als Heiratsmaterial für seine Kämpfer angeheuert. Irgendwann zwischen 2014 und 2016 ist die heute 27-Jährige aus Vechta in den Irak ausgereist und hat sich dem IS angeschlossen. Die Terrororganisation beauftragte sie damit, in den Parks von Falludscha und Mossul zu patrouillieren und darauf zu achten, dass alle Frauen sich an die vom IS vorgegebenen Kleider- und Verhaltensordnungen hielten. Das zu beweisen ist den Ermittlern des Generalbundesanwalts nun gelungen, weshalb sie Jennifer W. zwei Jahre nach ihrer Rückkehr nach Deutschland festnehmen konnten. Bei vielen anderen Frauen dagegen, die aus Deutschland zum IS reisen, ist die Sache nicht so eindeutig. Denn sind das Heiraten eines IS-Terroristen und die Erziehung der gemeinsamen Kinder schon Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und damit strafbar? Bei einer Frau aus Hessen etwa mussten die Ermittler kürzlich eine Niederlage einstecken. Denn die Frau lebte mit dem IS-Kämpfer lediglich zusammen und nahm am Alltagsleben teil, ohne eine aktive Rolle beim IS zu spielen. Aus Sicht des Bundesgerichtshofes reiche das nicht aus für einen Haftbefehl wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen, terroristischen Vereinigung. Frauen spielen in der Radikalisierungsprävention bislang eine untergeordnete Rolle. Das ist nachvollziehbar, schließlich ist der weit überwiegende Teil derer, die sich auf den Weg zum IS machen oder sich für einen Anschlag rekrutieren lassen, männlich. Und die Frauen haben in der antiquierten Weltsicht der Terrormiliz ohnehin nur eine Hauptaufgabe: dem Kämpfer eine devote Ehefrau zu sein, die ihre Kinder zu neuen Kämpfern im Sinne der IS-Ideologie erzieht. Doch genau darin liegt die Gefahr: Die Frauen werden unterschätzt. Der erste islamistische Terroranschlag auf deutschem Boden – man erinnere sich – wurde nicht von einem Halbstarken verübt, der mit einer Waffe um sich geschossen hat. Es war ein 16 Jahre altes Mädchen, das sich mit einem Küchenmesser zum Hauptbahnhof Hannover aufgemacht hatte, um einen Polizisten zu töten. Bei den jungen Männern, die sich radikalisieren, sind die Motive weitgehend erforscht. Es geht – grob gesagt – um Identität, als Einzelnem und Teil einer Gruppe, es geht um Abenteuer, um Heldentum, darum, ein Mann zu sein, Männer-Dinge zu tun und dafür bewundert zu werden. Was aber treibt eine Frau an, vor allem, wenn sie jung ist, sich einer männerdominierten Organisation anzuschließen, von der sie von Anfang an weiß, dass sie dort nur schmückendes Beiwerk ohne Rechte ist? Die damals 15 Jahre alte Linda W. aus dem sächsischen Pulsnitz hat es dennoch getan. Über die Türkei reiste sie in den Irak, heiratete unterwegs per Telefon einen IS-Kämpfer und wurde so Teil der Organisation. Mittlerweile wurde Linda W. von irakischen Soldaten verhaftet, ein Gericht verurteilte sie zu sechs Jahren Gefängnis. In einem Fernsehinterview zeigte sie Reue. Ihre Ausreise erklärte sie damit, dass ihre Eltern ihr nicht mehr genug Aufmerksamkeit entgegengebracht hätten, sie sich einsam gefühlt habe. Trost fand sie bei einer Freundin Internet – die sie dazu drängte, sich dem IS anzuschließen. Safia S. dagegen, die Terroristin von Hannover, wurde durch ihre Mutter in die salafistischen Kreise gebracht, fand dort Halt, als ihre Familie auseinander brach. Ob passiv als Mütter oder aktiv als Terroristinnen: Auch Frauen, die sich in den Kreisen des IS bewegen, sind Täterinnen. Deshalb muss ihnen mehr Beachtung geschenkt werden. Junge Mädchen und Frauen müssen mehr Berücksichtigung in den Anti-Radikalisierungsprogrammen finden. Gleichzeitig darf sich die Ermittlungs- und Strafverfolgungsarbeit nicht nur auf Männer stützen, weil ihnen die Unterstützung des IS leichter nachzuweisen ist, etwa durch die Teilnahme an Kämpfen. Die Frauen sind es, die die IS-Ideologie weitertragen. Der Terroristen-Nachwuchs wird zwar von den Männern an der Waffe ausgebildet, doch das ideologische Gedankengut vermittelt ihnen weit früher ihre Mutter. Deshalb muss die Politik auch die passive Unterstützung einer ausländischen, terroristischen Vereinigung durch Heirat, Familiengründung und Teilnahme am Alltag der Terrororganisation unter Strafe stellen. Und die Präventionsarbeit so unterstützen, dass erst gar keine jungen Frauen daran denken, sich dem IS unterzuordnen.   Mail an die Autorin dieses Kommentars
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #125.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning