Aids ist gar nicht mehr das große Thema, Sexualgesundheit hingegen schon. - Foto: nito100/Getty Images[/caption]
Jetzt will die niedersächsische Landesregierung, dass sich am Konzept der Aidshilfen etwas ändert, ein bisschen zumindest. „Jeder Mensch, der sexuell aktiv ist oder sich auf andere Weise dem Risiko einer sexuell übertragbaren Infektion aussetzt, sollte über das Thema sexuelle Gesundheit informiert sein und den Zugang zu Beratung, Testung und Begleitung haben“, erklärte Oliver Grimm, Sprecher des Gesundheitsministeriums, auf Anfrage des Politikjournals Rundblick. Auch wenn man im Ministerium nicht von einer grundlegenden Weiterentwicklung der Aidshilfen spricht, vertritt man dort den Kurs, dass sich die Vereine in Niedersachsen künftig für andere Zielgruppen öffnen und zu eher allgemeinen Beratungs- und Testzentren für sexuell übertragbare Krankheiten weiterentwickeln sollen.
Breite Kampagne zum Welt-Aids-Tag
Am Welt-Aids-Tag am 1. Dezember wird Niedersachsens Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) in diesem Jahr den ersten Aufschlag für eine breiter als bisher angelegte Test-Kampagne machen. „Es wird ein niedersachsenweites, kostenloses und anonymes Testangebot für HIV und Syphilis, in besonderen Fällen auch für Hepatitis, in den niedersächsischen Aidshilfen durchgeführt und öffentlichkeitswirksam beworben“, erklärte der Ministeriumssprecher. Ziel sei es, die Anzahl der nicht-diagnostizierten HIV-, Syphilis- und Hepatitis-Infektionen zu verringern und Infektionsketten zu durchbrechen.Möchten Sie den Inhalt von www.facebook.com laden?
Über den Kurs der freien Vereine kann Niedersachsen mittelbar mitentscheiden, weil die Aidshilfen eine institutionelle Förderung vom Land erhalten, da sie quasistaatliche Aufgaben übernehmen. In den vergangenen Jahren erhielten die 15 lokalen Vereine und der Dachverband insgesamt 1,8 Millionen Euro. Auch wenn der Posten im Haushaltsplan für das kommende Jahr zunächst geringer angesetzt war, sorgen die Regierungsfraktionen über die politische Liste nun dafür, dass der Etat der Aidshilfen auch 2021 wieder bei 1,8 Millionen landen wird. Und das erscheint auch sinnvoll in der aktuellen Situation.
Ein Großteil der Gesundheitsämter hat ihre Testangebote auf HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen aufgrund von Corona reduziert und in Teilen sogar eingestellt und dann an unsere Einrichtungen verwiesen.
Würde es die Angebote der Aidshilfen nicht geben, müssten die kommunalen Gesundheitsämter diese Aufgaben verstärkt selbst übernehmen. In der Corona-Pandemie zeigte sich, dass diese praktizierte Arbeitsteilung entscheidende Vorteile hat. Als die Gesundheitsämter wegen der Corona-Tests und der Nachverfolgung der Infektionsketten ausgelastet waren, stieg die Nachfrage bei den Aidshilfen. „Ein Großteil der Gesundheitsämter hat ihre Testangebote auf HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen aufgrund von Corona reduziert und in Teilen sogar eingestellt und dann an unsere Einrichtungen verwiesen“, berichtet Christin Engelbrecht, Geschäftsführerin der niedersächsischen Aidshilfe, im Rundblick-Gespräch. „Wir sind gern bereit, diese Versorgungslücke abzudecken und so die Gesundheitsämter zu entlasten. Beratung, Prävention, Infektionsketten – da sind wir Experten und das kann man auch ausweiten, wenn es dann auch entsprechend zusätzliche Mittel gibt.“
Niedersachsen geht damit einen bundesweiten Sonderweg. Man wendet sich ein Stück weit ab vom bisher praktizierten Peer-to-Peer-Ansatz, bei dem sich vorrangig Betroffene gegenseitig beraten haben – denn die Zielgruppen werden diverser. In den vergangenen Jahren haben die Aidshilfen ihr Angebot ausgeweitet, das Betätigungsfeld der Aidshilfen hat sich in der Praxis längst weiterentwickelt. Es wird schon lange auch über andere sexuell übertragbare Krankheiten wie Syphilis, Chlamydien oder Hepatitis aufgeklärt und darauf getestet.
Auf der Suche nach einem neuen Namen
Diese Entwicklung führt derweil sogar so weit, dass die Aidshilfe auf der Suche nach einem neuen Namen ist. Die hannöversche Aidshilfe firmiert bereits unter dem neuen Titel „Checkpoint“. Ein Grund dafür sei auch, dass es in Deutschland eigentlich kein Aids mehr gebe, berichtet Engelbrecht. Zwar sei das HI-Virus noch da, doch dank frühzeitiger Testung und abgestimmter Medikation bricht die Krankheit nicht mehr aus. Mit entsprechender Behandlung könne ein Infizierter noch ganz normal arbeiten, lange leben und stecke niemanden an, erklärt die Geschäftsführerin. Im Namen der Aidshilfe spiegele sich diese Entwicklung aber nicht wider, es werde weiterhin ein veraltetes Bild transportiert, meint Engelbrecht. Auch hat sich die Zielgruppe längst ausgeweitet auf zum Beispiel auch heterosexuelle Frauen oder transgeschlechtliche Menschen. In Hannover gibt es beispielsweise eine eigenständige Mitgliedsorganisation der Aidshilfe, die sich unter dem Namen „Phoenix“ gezielt an Frauen aus dem Prostitutionsgewerbe wendet. Ein anderes landesweites Projekt der Aidshilfe ist das Netzwerk „SVeN“, was für „Schwule Vielfalt erregt Niedersachsen“ steht, und speziell die Sexualgesundheit schwuler Männer in den Blick nimmt – die eben nicht mehr auf das Thema Aids zu reduzieren ist.
Was jedoch bei beiden Projekten wichtig bleibt, ist die Ausrichtung auf eine eher schwer zu erreichende Zielgruppe, die mithilfe des Peer-to-Peer-Ansatzes angesprochen werden soll. Geblieben ist auch in der Regel, dass sich überwiegend schwule Männer und lesbische Frauen in den Vereinen engagieren. Würde eine Öffnung für allgemeinere Zielgruppen nun zulasten des alten Ansatzes gehen, fände Engelbrecht das „dramatisch“: „Unser Selbstverständnis würde das verbieten.“ Die Neuausrichtung der Aidshilfen ist also in vollem Gange – doch das Ziel ist derweil noch ungewiss.
Von Niklas Kleinwächter

