Ob Stephan Weil denn auch bereit wäre, unter einem Ministerpräsidenten Bernd Althusmann in einer Regierung zu arbeiten, in einer Großen Koalition? NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz blickt den Regierungschef fragend an. „Warum sollte ich das bei diesem Verlauf des Wahlkampfes tun?“, fragt ein ernst und konzentriert wirkender Weil zurück. Kaum hat er das ausgesprochen, wirft am Nebentisch Althusmann einen grimmigen Blick herüber zum Gegenpart von der SPD. Wieder merkt man bei diesem ersten und einzigen Aufeinandertreffen der beiden Spitzenkandidaten von Sozial- und Christdemokraten am gestrigen Abend in einer hannoverschen Messehalle, dass sie sich gegenseitig nichts schenken. Vielleicht werden die beiden Herren irgendwann mal Freunde, im Moment sind sie es jedenfalls bestimmt nicht.

Stephan Weil und Bernd Althusmann kurz vor dem TV-Duell – Foto: MB.

So wird es zum Duell im wörtlichen Sinn. Hat man vor wenigen Wochen beim TV-Zweikampf zwischen Angela Merkel und Martin Schulz noch gemeint, dass die Kontrahenten auf „Kuschelkurs“ seien und gar keine Unterschiede erkennbar werden ließen, so erleben die Zuschauer hier nun das glatte Gegenteil: Beide haben die Kämpfermaske aufgesetzt. Weil, der Amtsinhaber, erscheint angestrengt und konzentriert, während Althusmann, der Herausforderer, plötzlich den Angreifer gibt und immer wieder austeilt. Er hat seine Krawatte abgelegt, spricht schneller als sonst, geht auch zur Attacke über. Das wird besonders in dem Moment deutlich, als Cichowicz auf die Koalitionsoptionen zu sprechen kommt. Schließt Stephan Weil Rot-Rot-Grün aus? „Ich setze ich mit den Linken politisch auseinander, nicht formal“, erklärt er und fügt hinzu: „Ziemlich sicher werden die Linken nicht dem nächsten Landtag angehören“. Dies, fügt der Ministerpräsident hinzu, habe doch der CDU-Spitzenkandidat kürzlich noch selbst gemeint, als er auf dem „roten Sofa“ der NDR-Sendung „DAS“ gesessen habe. „Zu der Zeit lauteten die Umfragen noch ganz anders“, entgegnet Althusmann – und wird fast zornig: „Ich hätte mir gewünscht, der Ministerpräsident würde hier die Gelegenheit nutzen und Rot-Rot-Grün ausschließen. Stattdessen eiern sie herum, das ist unredlich.

Bei der Schulpolitik läuft die Diskussion noch relativ ruhig ab, doch das ändert sich schlagartig bei der Wirtschaftspolitik, vor allem bei VW. Althusmann wird persönlich. Weil sei „der Realität entrückt“, habe als Aufsichtsratsmitglied beim Autobauer den Vorstand nicht kontrolliert, sondern sich vielmehr „treiben lassen ohne Sinn und Verstand“. Von allen Problemen bei VW habe der Ministerpräsident „aus der Zeitung und aus dem Fernsehen erfahren“, er werde offenbar vom VW-Vorstand nicht ernst genommen. Weil, der immer darauf bedacht ist, sich nicht zu sehr von dem CDU-Mann provozieren zu lassen, widerspricht. „Wir haben all das getan, was nötig ist – im Interesse der Arbeitnehmer. Und wir brauchen dazu keine Aufforderung von ihrer Seite“, betont der SPD-Spitzenkandidat und schaut ernst zu Althusmann herüber – mit hochgezogenen Augenbrauen, die strafend wirken sollen. Wenig später sagt Weil noch: „Sie überblicken nicht, wovon sie reden. Das mache ich ihnen gar nicht zum Vorwurf, es ist ja auch nicht leicht zu verstehen.“

Stephan Weil und Bernd Althusmann kurz vor dem TV-Duell – Foto: MB.

Es geht um innere Sicherheit, immer wieder um die Schulpolitik um Sprachförderung, die, meint Althusmann, jüngst wieder halbiert worden sei. „Das ist ja wieder ein Fall für den Faktencheck“, wirft Weil ein und will damit sagen, dass sein Herausforderer es mit der konkreten Beschreibung der Tatsachen nicht zu genau nehme. Auch der Austritt des Landespolizeipräsidenten Uwe Binias aus der CDU spielt kurz eine Rolle. Das lasse tief blicken, sagt Althusmann, wenn dieser Mann fünf Tage vor der Wahl den Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses als Grund für eine Entscheidung angebe, die er schon vor fünf Wochen habe treffen können. Weil meint, der Parteiaustritt des obersten Polizisten im Lande sei auch ein Zeichen dafür, wie überzogen die von CDU und FDP im Landtag geäußerte Kritik an der Innenpolitik von Rot-Grün sei. Später sagt er noch zu Althusmann: „Hören Sie auf, Niedersachsen für unsicher zu erklären, denn das hilft am Ende nur der AfD.“

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Der Amtsinhaber, den Althusmann konsequent als „Herr Ministerpräsident“ anspricht, versucht stets, sich keinesfalls provozieren zu lassen. Immer wieder kommt er auf die gute Regierungsbilanz zu sprechen – strahlt auch Kompetenz aus. Zum Beispiel, als es um die Digitalisierung geht. „Der Unterschied zwischen meinem und ihrem Konzept ist, dass meines durchfinanziert ist“, ruft der Amtsinhaber. Nur zu Beginn, als es um den Fall Elke Twesten ging, gibt Stephan Weil selbst den Angreifer und hält der CDU „einen groben Verstoß gegen demokratische Spielregeln“ vor. Präsidiale Zurückhaltung fehlt ihm in diesem Moment. Althusmann hingegen merkt man an, dass er unbedingt aus der Defensive heraus will und auf den letzten Metern des Wahlkampfs das Steuer herumreißen möchte – mit wenig staatsmännischer, eher kämpferischer Pose. (kw)