30. Okt. 2015
Archiv

Am Rande: Mahlzeit

(rb) Die Reaktion der italienischen Landwirte war an verbaler Deftigkeit kaum zu überbieten, zeichnete jedoch ein aktuelles Stimmungsbild in der landwirtschaftlichen Erzeugerbranche Europas: Der italienische Landwirtschaftsverband Coldiretti kommentierte den jüngsten Befund der Weltgesundheitsorganisation (WHO) über die Krebsrisiken durch Fleischkonsum als „Fleisch-Terrorismus“. Schließlich sei doch hinlänglich bekannt, dass Wurst und Schinken aus Italien die gesündesten Fleischwaren seien, schwelgten die Bauern jenseits der Alpen und verwiesen die Warnung der WHO ins Reich der Märchen. Die Mitteilung der WHO, Wurst sei sicher krebserregend, rotes Fleisch wahrscheinlich, führte hierzulande allerdings zu ernsthafteren Reaktionen. Verbraucher reagierten verunsichert, Wursthersteller attestierten der WHO „Panikmache“, Politiker warnten vor den wirtschaftlichen Folgen der Horrormeldung für die Ernährungsbranche. Aber nur wenige Medien nutzten die skandalisierende Wirkung der WHO-Meldung, um in reißerischer Berichterstattung vor dem Verzehr tierischer Lebensmittel zu warnen. Viele andere Medien berichteten distanziert, griffen die Warnung der WHO eher mit Humor auf. Selbst Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann ließ sich zu einer stoischen Bemerkung hinreißen: „Wenn man einen Sack Kartoffeln isst, dann ist man auch tot.“ Die Internationale Agentur für Krebsforschung, eine Behörde der WHO, hatte in monatelanger Arbeit rund 800 vorhandene internationale Studien und Untersuchungen ausgewertet, um eine Beurteilung von rotem und verarbeitetem Fleisch vorzunehmen. Unter rotem Fleisch versteht man Muskelfleisch, z.B. von Schweinen, Rindern und Schafen; Geflügelfleisch zählt nicht dazu. Die untersuchten Wurst- und Fleischwaren wurden in fünf Gefährdungsgruppen eingestuft: krebserregend (1), wahrscheinlich krebserregend (2a), möglicherweise krebserregend (2b), nicht einzustufen (3), nicht krebserregend (4). Verarbeitetes Fleisch wie beispielsweise Würste, ordnete die Behörde der Stufe 1 zu, rotes Fleisch der Stufe 2a. Der Kategorie 1 sind u.a. auch Tabakrauch oder Getränke mit alkoholischem Inhalt zugewiesen, der Kategorie 2a das höchst umstrittene Pflanzenschutzmittel Glyphosat. Nach Darstellung der Internationalen Agentur für Krebsforschung kommen jährlich rund eine Million Menschen durch Lungenkrebs ums Leben, der durch Rauchen ausgelöst wurde, 34 000 Menschen würden an einem Krebs sterben, der auf den regelmäßigen Verzehr von verarbeitetem Fleisch zurückzuführen sei. Als „sicher nachgewiesen“ ist nach Angaben der Krebsagentur, dass der Verzehr von verarbeitetem Fleisch Darmkrebs auslösen kann, bei rotem Fleisch werde Darmkrebs „wahrscheinlich“ ausgelöst. Wissenschaftliche Beweise für diese Einstufung konnte die WHO allerdings bisher nicht vorlegen. Im Agrarland Niedersachsen reagierten Landwirte und Agrarindustrie mit „Entsetzen“ auf die WHO-Fleischverzehr-Warnung. Schlachtunternehmen kritisierten, dass die WHO nur zu pauschalen Einschätzungen komme, jedoch den tatsächlichen Nachweis ihrer Behauptungen nicht antrete. Allerdings ist es der Krebsagentur der WHO gelungen, Signalwirkung zu erzeugen, Verbraucher-Massen zu sensibilisieren und möglicherweise Verhaltensänderungen beim Essen zu bewirken. Dahinter mögen sich auch ideologische Motive verbergen, nicht zuletzt wird der Mainstream bedient. Danach ist es hip, vegan oder vegetarisch zu leben. Dem niedersächsischen Agrar- und Verbraucherminister Christian Meyer von den Grünen dürfte die Warnung der WHO unterdessen ins agrarpolitische Kalkül passen. Er hat wiederholt vor einem zu hohen Fleischkonsum gewarnt, tritt für eine Reduzierung der Tierbestände auf den Höfen in Niedersachsen ein und setzt auf eine alternativ und biologisch betriebene Landwirtschaft. Zum jüngsten Bericht der WHO hat Meyer wohl auch deshalb bisher konsequent geschwiegen. Den Landwirten im Lande erweist er damit einen Bärendienst. Sie hätten erwartet, dass „ihr“ Minister ein ebenso klares Wort spricht wie der Grünen-Bundestagsabgeordnete Harald Ebener. Der aus Baden-Württemberg stammende Politiker sagte im Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung, niemand müsse wegen der WHO-Meldung auf seinen Sonntagsbraten verzichten. Mahlzeit. stu
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #200.
admin
Autoradmin