(rb) Zweifellos war 1976 das aufregendste Jahr in der jüngeren Geschichte Niedersachsens. Ernst Albrecht von der CDU war zum Jahresbeginn vom Landtag mit SPD-Stimmen überraschend zum Ministerpräsidenten gewählt worden und begann sogleich, mit seinem Minderheitskabinett recht unbekümmert zu regieren. Der unbedachte Rücktritt Alfred Kubels von der SPD und das krachende Scheitern des vorgesehenen Nachfolgers Helmut Kasimier sowie, im dritten Wahlgang, des Nothelfers Karl Ravens machte die Sozialdemokraten völlig unerwartet zur neuen Opposition. Fassungslos suchte die SPD in den eigenen Reihen nach denen, die in der geheimen Abstimmung von der Fahne gegangen waren. Die CDU im Überschwang, die SPD am Boden und die FDP, die mit im Kabinett gesessen hatte, im Zwiespalt, ob sie nach einer Schamfrist gemeinsame Sache mit Albrechts Leuten machen sollte.
40 Jahre sind seither vergangen, und dennoch sind die Vorgänge noch gut im Gedächtnis. Abgestoßen betrat Kubel endlos lange nicht mehr das Leineschloss, weil er fürchtete, von einem der „Verräter“, als wäre nichts geschehen, mit Handschlag begrüßt zu werden. An den Biertischen wurden Verschwörungstheorien entwickelt und über die Motive der „Überläufer“ gerätselt. Von Untreue wurde gesprochen, wenige nur verwiesen auf die Gewissensfreiheit jedes Abgeordneten. Als „Übeltäter“ genannt wurde ein ehemaliger Innenminister, der für die Linken in der SPD eine Art Hassobjekt war und sich mit dem Stimmzettel gerächt haben könnte. Ein ostfriesischer Abgeordneter stand im Verdacht, weil er sich energisch und öffentlich – „nicht mit mir“ – den Plänen für die Kreisreform widersetzt hatte. Und hinter vorgehaltener Hand fiel auch der Name eines Haushaltspolitikers, der mit der Berufung in das künftige Kabinett gerechnet hatte, dem aber der mächtige SPD-Fraktionsgeschäftsführer Egon Hüper vorgezogen wurde. Die Wahrheit hat noch keiner herausgefunden.
Es gab freilich Schlaumeier, die Bescheid zu wissen behaupteten. Ein älterer Oberlandwirtschaftsrat beispielsweise erklärte, die Abweichler hätten erreichen wollen, dass ihm das Agrarressort übertragen werde. Albrecht hat sich kurz mit dem Mann unterhalten, hat ihn rasch weitergereicht an die CDU-Fraktionsführung, die ihn wiederum zu den SPD-Politikern Peter von Oertzen und Bernhard Kreibohm schickte. Auch ein Studienrat aus der Südheide, ein Sterngucker, der der FDP angehörte, wollte die Dissidenten kennen und gab in den Wandelgängen des Parlaments etwas geheimnisvoll seine angeblichen Kenntnisse preis. 20 Jahre später machte der Pädagoge während der sogenannten Spielbankenaffäre noch einmal von sich reden als Zeuge, der merkwürdigerweise allen vermeintlich Beteiligten Decknamen aus dem berühmten „Dschungelbuch“ gab und sich selber Mowgli nannte. Eine Lachnummer.
Sogar ein Gericht wurde eingeschaltet. Ein Braunschweiger Hochschullehrer hatte den FDP-Abgeordneten Gustav Ernst öffentlich bezichtigt, einer der „Verräter“ aus der Koalition gewesen zu sein. Er handelte sich prompt eine Klage ein; Ernst setzte sich durch, weil der fahrlässige Professor natürlich keinerlei Beweise für seine Auffassung hatte und haben konnte. Ein peinlicher Vorgang.
Gerhard Schröder, ein junger Jurist, der später Ministerpräsident und noch später Bundeskanzler werden sollte, hat die Vorgänge seinerzeit recht genau und scheinbar recht emotionslos verfolgt. Als Zuschauer war der hannoversche Juso-Bezirksvorsitzende weit weniger erschüttert als jene Abgeordneten der SPD, die nach der Wahl Albrechts ihren Tränen freien Lauf ließen. Seine Meinung fasste er in einem knappen Satz zusammen: „Das dauert nun mindestens zehn Jahre.“ Schröder hat sich damit nur wenig verschätzt. p.s.Dieser Artikel erschien in Ausgabe #21.