Neues Amt, neue Perspektive: Etliche niedersächsische Politiker sind bei der Bundestagswahl neu in den Bundestag gewählt worden. Sie betreten eine neue, für die meisten von ihnen absolut ungewohnte Welt. Wie sind die ersten Erfahrungen im „Raumschiff Bundestag“? Niklas Kleinwächter hat mehrere der neuen Abgeordneten gefragt. Heute: Anikó Merten (FDP). Podcast anhören: Soundcloud | Spotify | Apple Podcast

Anikó Merten (FDP) im Gespräch mit Rundblick-Redakteur Niklas Kleinwächter | Foto: Lada

Was bei Anikó Merten auffällt, ist das in mancherlei Hinsicht unkonventionelle Auftreten. Sie ist Kunstwissenschaftlerin, hat in ihrer Heimatstadt Braunschweig auch schon Seminare geleitet und stößt immer wieder, wie sie sagt, auf Unverständnis: Wie kann so jemand wie sie in der FDP sein? Wie passt das Bild des typischen Liberalismus zu den Positionen von ihr – und zu der Art, wie sie auftritt? Was der 39-jährigen Bundestagsabgeordneten dazu einfällt, hat viel mit Vorurteilen zu tun. Viele Leute hätten ein Bild von den Freien Demokraten, das nicht der Wirklichkeit entspreche.

„Der Egoismus-Gedanke wird dem Liberalismus gern übergestülpt, dabei bedeutet Liberalismus auch Verantwortung für die Gemeinschaft und gegenseitige Achtung.“

So dächten viele Leute, der Liberalismus habe zwingend mit Egoismus zu tun. „Weit gefehlt“, sagt Anikó Merten. „Der Egoismus-Gedanke wird dem Liberalismus gern übergestülpt, dabei bedeutet Liberalismus auch Verantwortung für die Gemeinschaft und gegenseitige Achtung.“ Der Mensch stehe im Mittelpunkt, seine Freiheit und seine Chance, das Leben zu gestalten und Dinge voranzubringen. Gute Bildung sei dafür der Schlüsselbegriff, und Bildung sei umfassend als Persönlichkeitsprägung zu verstehen.

Das besondere Beispiel, das ihr dabei einfällt, ist das des FDP-Bundesvorsitzenden Christian Lindner. Den habe sie schon vor ganz vielen Jahren kennengelernt, damals noch als Stipendiatin der Friedrich-Naumann-Stiftung. In jener Zeit sei auch Lindner noch nicht im Bundestag gewesen. „Ich finde es erstaunlich, wie er sich entwickelt hat. Das ist ein Beispiel für das lebenslange Lernen.“ Lindner habe an sich gearbeitet und sich beständig weiterentwickelt, mit neuen Aufgaben sei er weiter gereift, sei mittlerweile ein großartiger Rhetoriker. „Man wird etwas, wenn man sich hereinhängt und sich bemüht und kümmert.“ Das ist auch eines von zwei Leitgedanken von Anikó Merten. Das erste lautet: „Politikerin aus Überzeugung“ und das zweite „immer weiter funkeln“. Beides steht auch für ihren Lebensweg.

Ihr Motto nach dem Schicksalsschlag: Immer weiter funkeln

In der DDR geboren und aufgewachsen als Tochter von Eltern, die dem SED-Staat durchaus nahe standen, studierte sie in Magdeburg, wandte sich an die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung und fand später dann, 2013, zur FDP. Damals zog sie auch nach Braunschweig. Die FDP sei „die einzige, in der ich mich zuhause fühlen kann“. 2016 blieb die Kandidatur für die Kommunalwahl in Braunschweig noch erfolglos, in diesem Jahr klappte es – mit zwei anderen Ratsherrn sitzt sie in einer kleinen Stadtratsfraktion.

Mit ihrem Mann, der 2019 bei einem Unfall starb, arbeitete sie bei Bildungsprojekten in Kasachstan. Das Motto „Immer weiter funkeln“ heißt für sie, mit allen Begegnungen, Aktivitäten und Initiativen bei den Menschen, mit denen man zu tun hat, zwangsläufig einen Eindruck zu hinterlassen – und dieser könne eben intensiv und bleibend sein. Mit dem, was man tue, schlage man Funken – und diese Funken könnten bei anderen etwas auslösen.



Die ersten Eindrücke im großen Bundestag, in dem sie jetzt sitzt, waren schon prägend. In der CDU/CSU wirkten gegenwärtig viele „wie beleidigte Kinder“, sie müssten ihre Oppositionsrolle noch finden. „Manchmal möchte ich gern ein Snickers hinüberwerfen, damit die sich wieder beruhigen“, sagt sie. Als ihre Aufgabe sieht sie es an, die Abläufe im Parlament für viele Außenstehende, die davon nicht viel wüssten, zu vermitteln. Schon im Wahlkampf, als viele in der FDP noch für ein Jamaika-Bündnis gestritten hatten, habe sie in der Ampel ein „progressives Bündnis nach Jahren des Stillstands“ gesehen. Sie arbeitet in drei Ausschüssen – für Kultur und Medien (als kulturpolitische Sprecherin), im Auswärtigen Ausschuss und im Ausschuss für Klimaschutz, Energiepolitik und Wirtschaft. Damit kommt auf Anikó Merten in Berlin eine Fülle an Arbeit zu, denn nur wenige in ihrer Fraktion haben gleich drei Ausschüsse bekommen.