16. Apr. 2023
Gesundheit

Apothekerkammer: Wir brauchen mehr Freiheit bei der Medikamentenvergabe

Die Apothekerkammer Niedersachsen fordert von der Politik, stärker und langfristiger auf die aktuellen geopolitischen Herausforderungen zu reagieren. „Es wird in Zukunft vermutlich immer wieder Lieferengpässe bei der Arzneimittelversorgung geben. Wir brauchen für solche Fälle die Chance, flexibel zu reagieren und die Patienten ausreichend mit den nötigen Medikamenten zu versorgen“, sagte Cathrin Burs, Präsidentin der niedersächsischen Apothekerkammer, im Gespräch mit der Redaktion des Politikjournals Rundblick. Eine in der Zeit der Corona-Pandemie festgelegte bundesweite Sonderregelung, die darauf Rücksicht nimmt, ist zunächst bis Ende Juli dieses Jahres verlängert worden. „Das reicht aber nicht, wir brauchen eine Verstetigung“, fügte Burs hinzu.

Foto: denisismagilov

Die Apotheken sind seit vielen Jahren an ein System der Rabattverträge gebunden, die nach Ansicht der Präsidentin der Apothekerkammer manches erschwert. So sei es üblich geworden, dass die Krankenkassen mit bestimmten Herstellern von Medikamenten Rabattverträge aushandeln. Das macht den Kauf der Medikamente für die Kassen günstiger – und die Hersteller sichern sich damit dauerhafte Abnahmen. Nach den Worten von Burs hat das aber mehrere Effekte gehabt. Zum einen seien die Preise immer weiter gesunken – was ein erfreulicher Umstand sei, weil damit der Kostenanstieg im Gesundheitssystem wenigstens in diesem Bereich habe gebremst werden können.

Apothekerkammer warnt vor Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten

Zum anderen habe die Bindung an bestimmte Hersteller aber auch dazu geführt, dass andere Produzenten von Arzneimitteln bestimmte Präparate gar nicht mehr herstellen, da sie bei den Kassen nicht zum Zuge kommen. In der Corona-Krise, die auch die internationalen Lieferketten etwa nach China bedroht hatten, sei dieser Umstand negativ aufgefallen. „Glücklicherweise hat es nur eine Drohung der Chinesen gegeben, die Lieferungen einzustellen, umgesetzt wurde sie nicht. Aber uns wird damit vor Augen geführt, wie abhängig wir von ausländischen Lieferanten sind“, erklärt Burs. Die in der Corona-Zeit eingeführte Sonderregelung sah vor, dass die Apotheken beim Verkauf leichter als bisher von den zwischen Kassen und Herstellern besprochenen Rabattverträgen abweichen dürfen – also im Interesse der Patienten auch zu einem Rezept die Präparate anderer Hersteller aushändigen können und trotzdem die Erstattung der Kassen erhalten.

„Das alles wird derzeit nicht ausreichend honoriert. Wir fordern daher eine Anpassung der Vergütung.“

Die Apothekerkammer fordert nun, diese Freiheiten der Apotheken langfristig zu sichern, denn mit dem Ende der Corona-Krise sei die Lieferketten-Problematik bei den Medikamenten nicht vorbei. Außerdem müsse die Politik darauf achten, dass in Deutschland oder wenigstens in Europa ausreichend Produktionskapazitäten für Medikamente vorgehalten werden. Die Engpässe seien gerade im Winter und Frühjahr 2023 gravierend, da nach einer Pause während der Corona-Zeit die Grippe- und Erkältungswelle in Deutschland umso härter spürbar sei. Lieferengpässe und eine hohe Nachfrage hätten einen Mangel an Fiebersäften, Schmerzmitteln und anderen Medikamenten deutlich werden lassen.



Burs sagt, diese Situation zeige erneut, wie wichtig die Aufgabe der Apotheken als Berater und im Management der Lieferengpässe geworden sei: „Wenn ich keinen Fiebersaft habe, muss ich im Handel und bei Kollegen nachfragen, ob sie aushelfen können. Ich muss dann den Arzt fragen, ob er eine andere Behandlung empfiehlt. Oder ich muss selbst Fiebersäfte anrühren. Das alles wird derzeit nicht ausreichend honoriert. Wir fordern daher eine Anpassung der Vergütung.“ Bei verschreibungspflichtigen Medikamenten erhält der Apotheker derzeit 8,35 Euro je Arzneimittel, wobei dann 2 Euro davon an die Kassen abgeführt werden müssen. Dies ist gesetzlich festgelegt, und die Apothekerkammer setzt darauf, die Erstattung für die Apotheken zu erhöhen.

Cathrin Burs, Präsidentin der niedersächsischen Apothekerkammer, kritisiert das System der Rabattverträge, an das die Apotheken gebunden sind. | Foto: Wallbaum
Cathrin Burs, Präsidentin der niedersächsischen Apothekerkammer, kritisiert das System der Rabattverträge, an das die Apotheken gebunden sind. | Foto: Wallbaum

„Apothekensterben“ hält an: In Niedersachsen gab es Ende 2022 landesweit 1755 Apotheken – zu Beginn des Jahres waren es 51 mehr. Dies hängt nach Schätzungen der Apothekerkammer auch damit zusammen, dass es gerade in ländlichen Gegenden nicht mehr so viele Haus- und Fachärzte gibt. Vor zehn Jahren noch hatte Niedersachsen 2113 Apotheken.

Dieser Artikel erschien am 17.4.2023 in Ausgabe #069.
Klaus Wallbaum
AutorKlaus Wallbaum