23. Mai 2017
Wirtschaft

Arbeitnehmer sind flexibler als ihre Arbeitswelt

In den Unternehmen wächst laut Bundesarbeitsministerium eine neue Generation von Arbeitnehmern heran, auf die Politik und Unternehmen unzureichend vorbereitet sind. Die künftigen Arbeitnehmer stellten Anerkennung über Status, Zeit über Geld und Kreativität über Einfluss. „Doch diese Entwicklungen treffen auf starre Arbeitsgesetze und schwerfällige Unternehmenskulturen“, sagt Heike Zirden vom Bundesarbeitsministerium. Beim Arbeitgeberforum im Schloss Herrenhausen in Hannover diskutierten deshalb gestern Führungskräfte mit Experten aus Politik und Wirtschaft über Modernisierungskonzepte und die Rolle der Politik. Zirden stellte dabei das Weißbuch 4.0 vor, mit dem das Ministerium im vergangenen Herbst für Aufsehen gesorgt hat. Es beschreibt sieben Spannungsfelder, die durch den Wandel der Arbeitswelt entstehen und enthält zahlreiche sozialpolitische Ideen, um darauf zu reagieren. „Wir wollen deutlich machen, dass Technik keine Naturgewalt ist, die über einen kommt“, sagte Zirden. „Die digitale Transformation kann nur funktionieren, wenn sie auch von den Beschäftigten mitgetragen wird.“ Eine Idee ist etwa der Umbau der Agentur für Arbeit in eine Beratungsinstitution zur Weiterbildung für alle Arbeitnehmer. „Unsere Arbeitsmarktprognose 2030 hat gezeigt, dass bei einer beschleunigten Digitalisierung keine Jobs wegfallen, sondern vielmehr 240.000 neue Stellen hinzukommen“, sagte Zirden. Doch es finde ein Transformationsprozess statt. So werden der Studie zufolge 750.000 Stellen in 27 Wirtschaftszweigen wie dem Einzelhandel oder der Druckindustrie wegfallen. Dafür entstünden aber eine Million neuer Arbeitsplätze in 13 Feldern wie im Sozial-, Gesundheits- und IT-Bereich. „Wir müssen deshalb nicht nur die digitalen, sondern auch die überfachlichen Kompetenzen schulen.“ Lesen Sie auch:   Auch die Arbeitszeitmodelle müssten neu justiert werden. Unternehmen forderten von ihren Mitarbeitern einen flexibleren Einsatz, gleichzeitig wünschten sich Arbeitnehmer mehr Freiheiten in der Einteilung ihrer Arbeitszeit. „Bei den steigenden Arbeitsbelastungen ist es aber nicht sinnvoll, das Arbeitszeitgesetz ganz zu kippen, denn es schützt die Mitarbeiter auch“, sagte Zirden. Es müsse eine Lösung gefunden werden, die den Angestellten mehr Freiheit in der Arbeitszeiteinteilung oder der zeitlichen Gestaltung ihrer Karriere gibt, jedoch sicherstellt, dass die Arbeit nicht ausufert. Das ist einer der Gründe, weshalb das Ministerium Mitte Juni eine neue Initiative starten will. In sogenannten „Experimentierräumen“ sollen Unternehmen unter Anleitung neue Arbeitszeitmodelle ausprobieren, ohne dass diese sofort verbindlich sind. „Das Projekt ermöglicht das Finden von individuellen Lösungen, aber auch das Ausprobieren und Scheitern“, sagte Zirden. Dass die freie Wahl der Arbeitszeit, des Arbeitsortes und der Arbeitsstruktur sich nicht aus sich selbst heraus entwickelt, sondern Anschub braucht, davon ist auch Ufuk Altun vom Institut für angewandte Arbeitswissenschaft überzeugt. „Die Voraussetzungen müssen geschaffen werden.“ Doch schaut man genauer hin, so bestehe in sehr vielen Bereichen Entscheidungsbedarf. „Es muss etwa Regeln geben für die Erfassung der Arbeits- und der Pausenzeiten. Das muss tariflich geregelt werden“, sagt Altun. Ebenso muss es Absprachen geben, wer Ansprechpartner für Kunden ist, wenn der Arbeitnehmer gerade nicht arbeitet, sondern das Kind von der Schule abholt. „Es eignen sich auch nicht alle Branchen für die Arbeit zu Hause. Wer zum Beispiel in der Produktion arbeitet, muss in die Fabrik kommen.“ Er fordert deshalb, neue Arbeitszeitregelungen nicht per Gesetz durchdrücken zu wollen, sondern lediglich einen politischen Rahmen festzustecken, in dem die Unternehmen die Einzelheiten individuell gestalten.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #97.
Klaus Wallbaum
AutorKlaus Wallbaum