27. März 2017
Kommentar

Auf dem Weg zum zahnlosen Funktionärs-Tiger

Darum geht es: Seit gestern legt ein Errichtungsausschuss die Grundlagen für die neue niedersächsische Pflegekammer. In einem Jahr soll dann eine Kammerversammlung gewählt werden. Ein Kommentar von Martin Brüning. Die politischen Schlachten sind geschlagen. Ob die Pflegekammer ein „Bürokratiemonstrum“ wird, wie die FDP-Fraktion befürchtete, oder zu viel Geld kostet, wie die CDU im Landtag prognostizierte, spielt jetzt keine Rolle mehr. Der Landtag hat im März mit rot-grüner Mehrheit die Entscheidung getroffen, und der Errichtungsausschuss macht sich nun auf den Weg. Die Herausforderungen, die nun sowohl vor dem Ausschuss als auch der Kammer selbst liegen, sind nicht zu unterschätzen. Denn es müssen hohe organisatorische Hürden überwunden und hohe inhaltlich Erwartungen erfüllt werden. https://soundcloud.com/user-385595761/es-wird-losgekammert-70000-pflegekrafte-in-niedersachsen-bekommen-post In Niedersachsen arbeiten 70.000 Menschen in der Pflege. Sie alle müssen nun innerhalb eines Jahres für eine Registrierung angeschrieben werden. Und weil die neue Kammer eben nicht, wie andere Kammern, vor allem Vertreter freier Berufe vertritt, ist sie bei der Registrierung auf die Mitarbeit der Arbeitgeber angewiesen, die der Pflegekammer genauso skeptisch gegenüberstehen wie die Gewerkschaften. Keine leichte Übung für eine Geschäftsstelle, die sich noch im Aufbau befinden wird. Hinzu kommt, dass viele dieser 70.000 Pflegekräfte noch nicht besonders viel über die neue Kammer wissen und möglicherweise auch noch überzeugt werden müssen. Allein das in nur zwölf Monaten zu schaffen, ist ein gewaltiger Kraftakt. [caption id="attachment_16353" align="aligncenter" width="780"] Der Vorstand der neuen Pflegekammer in Niedersachsen - Foto: MB.[/caption] Mindestens ebenso schwierig dürfte es mittelfristig sein, die allzu hohen Erwartungen zu erfüllen, die sowohl Politik als auch ein Teil der Pflegekräfte geschürt haben. Die neue Kammer soll den Beruf attraktiver machen und damit den Fachkräftemangel bekämpfen. Sie soll dabei helfen, die Arbeitsbedingungen des Pflegepersonals zu verbessern. Und im besten Fall, so hoffen einige, springen am Ende vielleicht sogar noch höhere Gehälter dabei heraus. Damit ist die neue Kammer mit Hoffnungen dermaßen überladen, dass man ihren Vertretern nur viel Glück wünschen kann. Lesen Sie auch: In der Realität wird die Pflegekammer zunächst einmal mit sich selbst beschäftigt sein, und zwar wohl über das erste Jahr hinaus. Der gewaltige Organisationsaufwand wird die Geschäftsstelle über Gebühr belasten. Das Verhältnis zu den Pflegearbeitgebern dürfte zunächst geschäftsmäßig kühl bleiben. Und sie wird auch damit umgehen müssen, wenn zum ersten Mal die zusammengefassten Interessen von Alten-, Gesundheits- und Krankenpflegern nicht zusammenpassen. Das sind sehr viele Herausforderungen auf einmal, so dass der neuen Kammer droht, am Ende als zahnloser Funktionärs-Tiger nur wenig Wirkung zu erzielen. Die gute Nachricht für die Mitarbeiter der neuen Kammer lautet allerdings: Wer erst einmal 70.000 Adressen gesammelt und registriert hat, den schafft so schnell niemand wieder ab. Egal, wer in der kommenden Legislaturperiode regiert: Die Landesregierung wird die Bedeutung der Kammer für die Pflege in Niedersachsen betonen. Mail an den Autor dieses Kommentars
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #59.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning