Ein Vorziehen des Kohleausstiegs auf 2030 könnte für die deutsche Bauwirtschaft dramatische Folgen haben. Thomas Bremer, Chef des Bundesverbands der Gips-Industrie, warnte am Mittwoch beim Niedersächsischen Rohstofftag der Unternehmerverbände Niedersachsen (UVN) vor dramatischen Versorgungsengpässen.

Von den zehn Millionen Tonnen Gips, die jährlich in Deutschland produziert werden, handelt es sich laut Bremer nämlich zu 60 Prozent um sogenannten REA-Gips. Dieser wird durch Rauchgasentschwefelungsanlagen (REA) in Kohlekraftwerken gewonnen. Sollten die Kraftwerke nicht wie geplant 2038 abgeschaltet werden, sondern schon acht Jahre früher, befürchtet der Gips-Industrielle aus Stadtoldendorf (Landkreis Holzminden) eine Versorgungslücke.

Um den deutschen Gips-Bedarf weiterhin zu decken, müssen die Kohlekraftwerke durch natürliche Abbaustätten ersetzt werden. Rohstoffvorkommen gibt es im Harz zwar noch genug, doch für eine rechtzeitige Genehmigung wäre die Zeit voraussichtlich zu knapp. Konkret forderte Bremer die schnellstmögliche Genehmigung von 40 Hektar Erweiterungsfläche im Südharz. „Das sind ausschließlich Erweiterungen bestehender Anbauten. Es wäre ein Aberwitz, wenn die verworfen und rekultiviert würden“, sagte Bremer und stellte klar: „Sechs Millionen Tonnen Gips lassen sich nicht einfach durch Recycling gewinnen.“ Er schätzt, dass selbst unter optimalen Voraussetzungen nur etwa jährlich 500.000 Tonnen Gips in Deutschland wiederverwertet werden könnten.
"Ohne Gips kein Haus, ohne Gips kein Windkraftwerk."
Thomas BremerDer Chef der VG-Orth GmbH, die in Stadtoldendorf zwei Gips-Fabriken mit 250 Beschäftigten betreibt, betonte die wichtige Rolle seiner Industrie für die gesamte Bauwirtschaft, aber auch für die erfolgreiche Umsetzung des Klimawandels. „Ohne Gips kein Haus, ohne Gips kein Windkraftwerk“, nannte Bremer als Faustformel und meinte: „Am Ende des Tages steht auch eine Ladesäule auf einem Betonfundament.“ In dem Fundament eines gewöhnlichen Windkraftwerks würden sich etwa elf Tonnen Gips befinden. Zudem sei Gips als leichter Baustoff für die Aufstockung von Wohngebäude quasi unverzichtbar. „Hannover wird nur höher mit der sicheren Verfügbarkeit von mineralischen Rohstoffen“, sagte Bremer.
Aus Sicht des Verbandschefs muss ein Bewusstseinswechsel her. „Wir müssen unsere Wahrnehmung neu justieren. Bauen ist ohne mineralische Rohstoffe nicht möglich“, betonte Bremer und ergänzte: „Kein Holzhaus dieser Welt wird einfach auf die grüne Wiese gestellt. Auch die brauchen ein Betonfundament.“ Zudem wies der Familienunternehmer darauf hin, dass die Rohstoff-Branche deutlich umweltfreundlicher sei als ihr Ruf. Der Abbau von Gips etwa geschehe auf eine emissionsarme und naturverträgliche Weise. „Wir sind in Steinbrüchen auch wesentlich diversifizierter als auf intensiv genutzten landwirtschaftlichen Flächen“, merkte Bremer an – ohne damit der Landwirtschaft einen Vorwurf machen zu wollen.

„Wir zerstören keine Fläche. Die Welt wird nicht kleiner durch unseren Abbau. Wir nutzen die Flächen und danach können sie anders genutzt werden.“
Nico SteudelAuch der Baustoff-Industrielle Nico Steudel von der Rhein-Umschlag GmbH aus Oldenburg stellte klar: „Wir zerstören keine Fläche. Die Welt wird nicht kleiner durch unseren Abbau. Wir nutzen die Flächen und danach können sie anders genutzt werden.“ Stolz verwies Steudel auf das Naturschutzgebiet Liebenauer Gruben im Landkreis Nienburg/Weser, in dem sein Unternehmer vor der Renaturierung Kies abbaute. Die Firma betreibt in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen insgesamt fünf Kies- und Sandwerke, die etwa 1,7 Millionen Tonnen Baustoffe gewinnen. Der Abtransport erfolge überwiegend über die Weser. Steudel machte darauf aufmerksam, dass die Verlagerung des Rohstoffabbaus aus Niedersachsen heraus, nicht zu weniger Abbau, sondern zu mehr Verkehr führt. Der Durchschnittsniedersachse verbrauche rund ungefähr 4,7 Tonnen Kies, Sand und Splitt pro Kopf und Jahr. Größter Abnehmer sei die öffentliche Hand, die 59,7 Prozent der Rohstoffe benötige. „Wenn wir die Gewinnung und den Transport von Rohstoffen verkomplizieren, schneiden wir uns ins eigene Fleisch“, mahnte Steudel. Das Recyclingpotenzial für mineralische Rohstoffe betrachtet er als „ausgeschöpft“. Die bundesweite Recyclingquote liege bereits bei rund 90 Prozent. Dadurch würden aber nur zwölf Prozent des Bedarfs an mineralischen Rohstoffen gedeckt.
Der niedersächsische BUND-Vizevorsitzende Axel Ebeler, der aus der Corona-Quarantäne per Zoom an der hybriden Veranstaltung teilnahm, machte den Unternehmern allerdings wenig Hoffnung auf ein größeres Entgegenkommen der Naturschützer. „Jeder Bodenschatz, den wir gebrauchen, gibt es nur einmal. Wenn er weg ist, ist er weg“, sagte Ebeler und betonte die Bedeutung von Landschaftspflege, Tourismus und Recycling. Seine Forderung: „Kein weitere Abbau von Primärrohstoffen.“ Alle Kräfte des Handelns müssten jetzt zielgerichtet zur Nutzung von Sekundärrohstoffen eingesetzt werden. Zum Gips-Genehmigungsstreit im Harz forderte Ebeler nur, dass der südniedersächsische Raum zu einer „Gips-Recycling-Region“ entwickelt werden müsse.
Wirtschaftsminister Bernd Althusmann will der Bau- und Rohstoffwirtschaft den Rücken stärken. „Nach wie vor wird in Niedersachsen ein erheblicher Teil der hier benötigten Rohstoffe gefördert: vor allem Kiese und Sande für Baumaterialien, Tone für keramische Produkte sowie Kalk- und Mergelsteine für die Zementherstellung. Diese Rohstoffe sind unverzichtbar für die Verkehrsinfrastruktur, den Gebäudebestand, die Industrieanlagen und eine Vielzahl an Alltagsprodukten“, sagte der CDU-Politiker und bezeichnete Niedersachsen als das wichtigste Rohstoffland in der Bundesrepublik.


