13. Aug. 2018
Soziales

„Behindertenwerkstätten sind keine Bremse für die Inklusion, sondern eine Bereicherung“

Die Inklusions-Debatte und das Bundesteilhabegesetz machen den Werkstätten zu schaffen. Mittlerweile ist eine Reihe von privaten Anbietern am Markt, die unter modern klingenden Namen und Programmen den gleichen Service wie die „kampferprobten“ Einrichtungen versprechen, diesen aber oft nicht einlösen können. In der Politik scheinen die Werkstätten an Rückhalt verloren zu haben, obwohl sich die meisten Arbeitgeber nach wie vor sehr schwer damit tun, Menschen mit Behinderung auszubilden und einzustellen. Was könnte ein Generationswechsel an der Spitze von Einrichtungen wie der Hannoversche Werkstätten gem. GmbH (HW) bewirken? Der 48-jährige Manfred Willems ist neuer Geschäftsführer dieses größten Trägers für berufliche und soziale Teilhabe in der Region Hannover, Die HW beschäftigen mehr als 1000 Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen und setzen rund 220 angestellte Mitarbeiter für Betreuung und Assistenz ein. Mit Manfred Willems sprach Britta Grashorn. Rundblick: Werkstätten für Menschen mit Behinderung – da denken viele ans Körbeflechten oder Sortieren von Schrauben. Was ist dran an diesem Klischee? Willems: Die Hannoverschen Werkstätten realisieren Teilhabe und Bildung durch Arbeit, durch Wohn- und Sozialraumprojekte. Menschen mit Behinderung erfahren bei uns individuelle Förderung in nahezu allen Lebensbereichen. Wir bieten viele unterschiedliche Arbeitsplätze und Gewerke an. Das reicht von der Gastronomie über Montagetätigkeiten, Gartenpflege bis hin zu Wohnangeboten. Die Teilnehmer in unserem Berufsbildungsbereich haben Berufsschulunterricht und werden nach Bildungsrahmenplänen ausgebildet. Natürlich gibt es nach wie vor Aufträge, die Tätigkeiten wie das Schraubensortieren beinhalten. In unserer Stuhlflechterei werden nach wie vor Körbe geflochten. Aber: Wir arbeiten wie jedes andere Dienstleistungsunternehmen abhängig von den jeweiligen Aufträgen externer Kunden. Wir müssen in einer marktüblichen Qualität produzieren, also für entsprechende Qualifikation und Bildung sorgen. Rundblick: In der Inklusions-Debatte wird häufig der Eindruck erweckt, als wären nicht nur spezielle Einrichtungen und Schulen, sondern auch „geschützte“ Ausbildungs- und Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen nicht mehr zeitgemäß und würden die gleichberechtigte Teilhabe erschweren. Was sagen Sie dazu? Willems: Es geht nicht ums Beschützen, sondern darum, jedem Menschen eine individuelle Assistenz zu bieten, um ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu führen. Dazu gehört ausdrücklich, den Weg in den Arbeitsmarkt zu öffnen und bei einem Übergang zu unterstützen. Es wird häufig vergessen, dass es die vielen individuellen Rahmenbedingungen, die unsere Werkstattmitarbeiter brauchen, auf dem Arbeitsmarkt nicht gibt. Aus meiner Sicht dreht sich die Diskussion immer um die Leistungsträger. Was ist mit den Menschen, denen unserer Angebote den Rahmen bieten, in dem sie sich sicher, stabil und selbstbewusst bewegen können, anerkannt und akzeptiert werden? Wir investieren seit Jahren in begegnungsfördernde, betriebsintegrierte und externe Beschäftigung. Wir lagern zunehmend Arbeitsplätze in kooperierende Betriebe aus. Wenn beispielsweise unsere Gastronomie in Schulen und anderen Einrichtungen Kantinen betreibt und wir viele individuelle Einzelarbeitsplätze gemeinsam mit externen Firmen schaffen, ist das ein wertvoller und nachhaltiger Beitrag zur Inklusion. Wir bieten zudem ambulantes Einzelwohnen, ambulantes Wohnen in einer Wohngemeinschaft und Sozialraumprojekte.
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Rundblick: Seit 13 Jahren arbeiten Sie für die HW – zunächst im Wohnbereich als Einrichtungs- und Heimleitung und die vergangenen drei Jahre als Leiter „Entwicklung und Bildung“ in der erweiterten Geschäftsleitung. Seit wenigen Tagen leiten Sie die gesamten Geschäfte. Wie wollen Sie die Werkstätten fit machen für den Wettbewerb und die Zukunft? Willems: Werkstätten für Menschen mit Behinderung befinden sich im Wandel. Das Bundesteilhabegesetz, die gesellschaftlichen Ansprüche und der Arbeitsmarkt haben die Ansprüche deutlich verändert. Die Angebotsvielfalt ist gestiegen. Die Rechte und Mitbestimmungsrechte unserer Werkstattmitarbeitenden sind gestärkt worden und diese treten deutlich selbstbewusster auf. Die Wirksamkeit unserer Leistungen wird künftig noch intensiver geprüft. Wir konkurrieren mit dem Ausland um Arbeitsaufträge. Unsere Pflegesätze und Personalbesetzung sinken seit Jahren. Es gibt also mehrere Ansatzpunkte: Wir müssen als Dienstleister unserer Werkstattmitarbeitenden zufrieden stellen, uns gleichzeitig als Produktionsunternehmen professionalisieren und unseren Bildungsauftrag weiter spezialisieren. Wir sind auf gutem Weg zu einer offenen Bildungseinrichtung, die den Spagat schaffen muss, auf der einen Seite Menschen mit hohem Assistenz- und/oder Pflegeaufwand Arbeitsplätze zu bieten, auf der anderen Seite eine durchlässige berufliche Bildung zu ermöglichen, die für Tätigkeiten auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt qualifiziert. Gleichzeitig müssen wir konkurrenzfähig sein, um einen guten Werkstattlohn zu erwirtschaften. Das kann uns nur gelingen, indem wir unsere pädagogische Arbeit weiterentwickeln und uns gleichzeitig noch weiter an einen Wirtschaftsstandard annähern, ohne in beiden Bereichen das Bewährte aus den Augen zu verlieren. Die Kooperation mit anderen Unternehmen, Bildungs- und Rehabilitationseinrichtungen ist dabei ein wichtiger Baustein. Rundblick: Was wünschen Sie sich von der Politik in Niedersachsen und der Region Hannover? Willems: Ich wünsche mir einen unvoreingenommenen, konstruktiv-kritischen Dialog und Kooperationen auf Augenhöhe. Ich habe derzeit den Eindruck, dass wir als Werkstatt für Menschen mit Behinderung pauschal verurteilt werden, obwohl wir einen wichtigen Beitrag zur beruflichen Bildung leisten und Profis auf dem Gebiet Teilhabe und Bildung durch Arbeit sind. Wir sind nicht die Bremse der Inklusion, sondern arbeiten aktiv an unserem Rollenwandel. Unser Wissen könnte wesentlich gewinnbringender genutzt werden. Wir würden gern gemeinsam mit Politik und Wirtschaft neue Wege gehen, um optimale Rahmenbedingungen für eine gelungene Inklusion, also einen Arbeitsmarkt für alle Menschen zu schaffen.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #138.
Klaus Wallbaum
AutorKlaus Wallbaum