4. Sept. 2023 · 
Wirtschaft

Berufsorientierung wird für Schüler und Unternehmen immer wichtiger

Bis zur nächsten Ideen-Expo ist es noch eine Weile hin: Vom 8. bis 16. Juni 2024 findet die neunte Auflage der Mitmach- und Erlebnisveranstaltung in Hannover statt. Trotzdem haben die Macher von Europas größtem Jugendevent für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT) jetzt eine bundesweite Werbetour gestartet – denn schließlich sollen im nächsten Jahr zwei zusätzliche Hallen auf dem Messegelände gefüllt werden. Das Ziel lautet, den 2022 aufgestellten Rekord mit 425.000 Besuchern erneut zu toppen, was auch ganz im Sinne der niedersächsischen Unternehmen sein dürfte.

In der hannoverschen Schillerschule startet die Roadshow für die Ideen-Expo. Die Vorfreude auf die Technik- und Berufsmesse ist groß. | Foto: Link

Der Bedarf an noch mehr klugen Köpfen ist nämlich vorhanden: Die Zahl der offenen Stellen der Ingenieur- und Informatiker-Berufe steigt seit Jahren beständig an. Laut dem jüngsten Ingenieurmonitor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) konnten in Niedersachsen und Bremen zuletzt 14.520 Stellen nicht besetzt werden. Selbst nach Abzug der 3716 arbeitslos gemeldeten Fachkräfte bleibt eine gewaltige Lücke. „Es wird immer schwieriger, Fachleute für technische Berufe zu finden. Wir sind sehr darauf angewiesen, dass sich junge Leute nach wie vor für diese Themen begeistern“, bestätigt Jakob Dohse, Chef des Medizintechnikzulieferers „Meko Manufacturing“ und Aufsichtsratsmitglied der Ideen-Expo.

Das Tagesgeschäft des Familienunternehmens aus Sarstedt (Region Hannover) klingt erst einmal ziemlich abstrakt. „Wir sind Auftragsfertiger für medizintechnische Komponenten und Blechbauteile“, berichtet Dohse zum Start der Ideen-Expo-Roadshow im Gymnasium Schillerschule in Hannover. Zu den Präzisionsbauteilen, die bei MeKo vor allem mithilfe von Lasern gefertigt werden, gehören aber auch Rahmen für künstliche Herzklappen. „Wenn die Herzklappe immer schlechter schließt, muss das Herz mehr arbeiten und es kommt nichts mehr von der Leistung an, die man eigentlich braucht“, erklärt der Maschinenbauingenieur und Betriebswirtschaftler den Schülern.

Dohse findet seinen Job deswegen alles andere als lebensfern. „Man weiß jeden Tag, wofür man arbeitet. Man weiß: Diese Produkte helfen Menschen dabei, ein längeres Leben zu haben“, sagt der Meko-Geschäftsführer, dessen Unternehmen derzeit die Plattform der nächsten Stent-Generation entwickelt. „Ein Stent dient dazu, Menschen mit koronarer Herzkrankheit zu retten. Momentan bekommen viele von diesen Patienten ein permanentes Implantat. Das wird einmal eingesetzt und verbleibt dann ein Leben lang im Körper. Wir haben die große Vision, das zu ersetzen und aus dem permanenten Implantat ein resorbierbares Implantat zu machen, das sich innerhalb von sechs bis zwölf Monaten im Körper auflöst“, verriet Dohse kürzlich im Podcast mit Ideen-Expo-Geschäftsführer Martin Brüning.

„Es lohnt sich für viele Unternehmen, dabei zu sein, weil wir einen Fachkräftemangel haben, den es in diesen Dimensionen noch nicht gab.“

Zur Umsetzung seiner Zukunftsziele will Meko, das sich seit 1991 vom Ein-Mann-Betrieb zu einer weltweit agierenden Firma mit über 300 Mitarbeitern gemausert hat, in Sarstedt noch weiter expandieren. Ein Anbau ist bereits geplant und auch die Digitalisierung der Produktion ist ein Thema. „Es ist aber nicht alles mit Robotern automatisierbar“, sagt Dohse in der Schillerschule. Viele Fertigungsschritte würden auch zukünftig nur mit Menschenhand möglich sein.

Darüber hinaus benötigt das Unternehmen auch weitere Mechatroniker oder Softwareentwickler, die Prozesse digitalisieren. Auf der Suche nach den Fachkräften von morgen, spielt die Ideen-Expo für den mittelständischen Betrieb eine wichtige Rolle. „Es lohnt sich für viele Unternehmen auf der Ideen-Expo dabei zu sein, weil wir einen Fachkräftemangel haben, den es in diesen Dimensionen noch nicht gab“, sagt Ideen-Expo-Aufsichtsratschef Volker Schmidt.

Stellen die Vorzüge der Ideen-Expo vor: Staatssekretär Marco Hartrich (von rechts), Schulleiterin Beate Günther, Ideen-Expo-Chef Volker Schmidt und MeKo-Geschäftsführer Jakob Dohse. | Foto: Link

Der Erfinder und Gestalter dieses Technikevents erinnert sich gut an die erste Auflage im Jahr 2007. Damals sei er im Kampf gegen den Fachkräftemangel in den MINT-Berufen zuweilen noch belächelt worden. „Es gibt einen kleinen Mangel an Ingenieuren, aber ansonsten läuft doch alles sehr gut. Wovon sprichst du?“, habe er damals noch zu hören bekommen. Heute ist das Problem glasklar zu sehen. Seit der Corona-Delle im zweiten Halbjahr 2020 zählt das KFW-Ifo-Fachkräftebarometer immer mehr Unternehmen, die durch fehlende Fachkräfte ausgebremst werden. Inzwischen sind 42 Prozent aller deutschen Firmen vom Fachkräftemangel betroffen.

Das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung sieht immer mehr Branchen und Unternehmen vom Fachkräftemangel betroffen. | Quelle: KOFA

Zu den überdurchschnittlich stark gebeutelten Branchen zählen dabei zum Beispiel die Architektur- und Ingenieurbüros (58 Prozent), die Elektro- und Computerhersteller (51 Prozent) und die Metallhersteller (44 Prozent). Zudem droht der Fachkräftemangel zum Nadelöhr für die Energiewende zu werden. Laut dem Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) fehlen für den Ausbau der Solar- und Windenergie über 210.000 Fachkräfte – insbesondere in den Bereichen „Bauelektrik“, „Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik“ sowie „Informatik“

„Es ist wichtig, dass Ihr als Schüler wisst: Es gibt nicht nur das Studium, es gibt auch die Ausbildung und das Duale Studium.“

Marco Hartrich, Staatssekretär im Kultusministerium
Nicolai Rexroth (rechts) erklärt Marco Hartrich die Funktionsweise eines Exoskeletts. | Foto: Link

Frauen sind in den für die Energiewende relevanten Berufen laut KOFA-Studie immer noch stark unterrepräsentiert. In neun der 15 Berufe mit den größten Fachkräftelücken liegt der Frauenanteil an den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten bei unter zehn Prozent. „Die Ideen-Expo versucht mit dem Klischee zu brechen, dass Technik und Informatik nur etwas für Jungen ist. Da sind wir lange drüber weg“, sagt Kultus-Staatssekretär Marco Hartrich. Bisher habe er das Technik-Event nur als Vater von drei Kindern verfolgt, nun sitzt er aber selbst im Aufsichtsrat und wirbt für die vielen MINT-Angebote der Ideen-Expo, die sich gezielt an Mädchen richten. „Die berufliche Orientierung ist für uns etwas, das einen ganz hohen Stellenwert hat“, betont der Vertreter der Landesregierung.

Kraftvolle Technik: Schülerin Antonia Gaida hebt mithilfe eines Exoskeletts eine schwere Kiste. Volker Schmidt (von links), Marco Hartrich, Jakob Dohse und Beate Günther schauen zu.

Als riesiges Plus der Technik- und Berufsmesse wertet Hartrich, dass sie nicht nur dabei hilft, den richtigen Beruf zu finden, sondern auch zeigt, welche Jobs und Möglichkeiten überhaupt zur Auswahl stehen. „Es ist wichtig, dass Ihr als Schüler wisst: Es gibt nicht nur das Studium, es gibt auch die Ausbildung und das Duale Studium“, sagt der Staatssekretär den Gymnasiasten in der Schillerschule. Die Werbung für die Ausbildungsberufe falle ihm aber nicht leicht, weil es auch einen großen Lehrkräftemangel gibt und er sich deswegen auch viele Lehramtsstudenten wünscht. „Am liebsten würde ich Euch alle klonen – am besten zwei oder drei Mal“, sagt Hartrich mit einem Blick in die Runde.

„Unser Ziel bleibt, dass Jugendliche mit Freude spielerisch lernen, wie unterschiedliche Technologien funktionieren und sehen, wieviel MINT in ihrem Alltag steckt“, erläutert Aufsichtsratschef Schmidt. Beim Roadshow-Auftakt in der MINT-Exzellenzschule in Hannover-Kleefeld ist er da genau richtig. Zusammen mit Björn Bartkowiak (17) und Maximilian Köß (18) testet Schmidt einen sogenannten Bandgenerator, bei dem durch Kurbeln elektrische Ladungen getrennt werden können. Die beiden aus dem Physik-Leistungskurs sind von dem Apparat sofort fasziniert, sehen ihre Zukunft aber nicht unbedingt in der Elektrobranche. „Ich möchte gerne in die Luft- und Raumfahrttechnik“, meint Köß.

Maximilian Köß (von links), Björn Bartkowiak und Volker Schmidt erforschen das Prinzip der Ladungstrennung mithilfe eines Bandgenerators. | Foto: Link

„Ich habe vor, Physik zu studieren. Ich hätte Lust auf Forschung – zum Beispiel so auf Astrophysik“, sagt Bartkowiak. Bei der Ideen-Expo 2024 werden die beiden vermutlich im Themenbereich „Weltraum“ zu finden sein. Viele ihrer Mitschüler sind allerdings noch unentschlossen und freuen sich vor allem deswegen auf die Ideen-Expo, weil sie dort Orientierung im Dschungel der Jobmöglichkeiten erhalten. „Die Entscheidung, was man die nächsten 40 bis 50 Jahre macht, fällt schwer genug. Da ist es wichtig, dass man uns das ein bisschen einfacher macht“, antwortet ein Schüler auf die Frage nach dem Sinn der Ideen-Expo. „Da sieht man, wofür man das überhaupt lernt und wie man das praktisch anwenden kann“, lautet die Antwort einer Schülerin. Fast schon als Werbeslogan eignet sich die Aussage eines weiteren Primaners, der in der Ideen-Expo folgenden Nutzen sieht: „Damit man nach der Schule nicht komplett verloren da steht.“

Dieser Artikel erschien am 5.9.2023 in Ausgabe #151.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link

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