3. Dez. 2017
Kommentar

Bildungspolitik: Die ausgestreckte Hand allein wird nicht reichen

Darum geht es: Niedersachsens neuer Kultusminister Grant Hendrik Tonne hat vor dem Kultusausschuss die bildungspolitischen Ziele der neuen Landesregierung erläutert. Ein Kommentar von Martin Brüning. „Eine Versorgung von unter 100 Prozent bedeutet nicht, dass alles zusammenbricht, und bei über 100 Prozent ist nicht alles rosarot“, sagte der neue Kultusminister Grant Hendrik Tonne am Freitag bei seinem ersten Auftritt im Kultusausschuss und legte damit gleich den Finger in die Wunde. Denn der aktuelle Wert von 98,9 Prozent spiegelt nicht im mindesten die Wirklichkeit in den Klassenzimmern wider. Die statistische Erfassung der Unterrichtsrealität dürfte nicht nur das kleinste Problem von Schülern, Eltern und Lehrern, sondern vermutlich auch die kleinste Herausforderung des neuen Ministers sein. https://soundcloud.com/user-385595761/unterrichtsversorgung-das-plant-der-neue-kultusminister Verbindlich im Ton, pragmatisch in der Sache und sowohl Befürwortern als auch Kritikern der vorherigen rot-grünen Bildungspolitik zugewandt. Es war ein guter Auftritt des neuen Kultusministers vor dem Ausschuss, der demonstrativ die Hand ausstreckte, um den angekündigten Schulfrieden vom Papier des Koalitionsvertrages in die Realität zu transferieren. Die ausgestreckte Hand ist nötig, um die verbrannte bildungspolitische Erde der vergangenen Jahre hinter sich zu lassen und einen Neunanfang überhaupt möglich zu machen. https://soundcloud.com/user-385595761/unterrichtsversorgung-fdp-befurchtet-schummel-statistik-der-groko Wahr ist allerdings auch, dass die ausgestreckte Hand alleine keine Probleme löst. Und es wurde im Ausschuss nicht deutlich, dass sich an den aktuellen Schwierigkeiten in naher Zukunft grundsätzlich etwas ändern könnte. Bei der Unterrichtsversorgung verwies Tonne auf die Probleme, neue Lehrer zu finden. „Die Herausforderungen sind groß, aber ich finde es auch unglaublich spannend.“ Dieses recht inhaltsarme Statement gab Tonne nach der Sitzung gegenüber Medienvertretern. Auch bei geplanten Änderungen zur Sprachförderung in den Kindergärten, der Ausstattung der Schulen mit Sozialarbeitern oder dem flexibleren Umgang mit Quereinsteigern blieb Tonne eher im Ungefähren. Das ist bei einem neuen Minister weder ungewöhnlich noch verwerflich. Allzu viel Zeit sollte er sich allerdings nicht lassen. Lesen Sie auch: Neuer Kultusminister will Unterrichtsversorgung flächendeckend verbessern Zugleich sollte er sich die Frage stellen, wie sein eigenes Ministerium und die Landesschulbehörde eigentlich arbeiten. Die Schulbehörde solle serviceorientiert werden, ein Dienstleister sein, sagte Tonne im Ausschuss. Von einem „Dienstleister nah am Kunden“ hatte allerdings bereits seine Vorgängerin Frauke Heiligenstadt gesprochen – Ende August 2016, nachdem Lehrer in einer Online-Befragung der Behörde ein denkbar schlechtes Zeugnis ausgestellt hatten. Es stellt sich die Frage, was in den vergangenen 15 Monaten im Ministerium eigentlich passiert ist. Die ausgestreckte Hand Tonnes war am Freitag das richtige Signal zum richtigen Zeitpunkt. Auf eine harte Hand wird er teilweise allerdings nicht verzichten können, wenn er die unterschiedlichen Probleme wirklich angehen möchte. Mail an den Autor dieses Kommentars    
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #215.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning