27. Nov. 2019
Umwelt

Blockieren die Behörden? Politiker und Windkraft-Vertreter fordern mehr Engagement

Die Windenergie-Branche fordert vom Gesetzgeber verbindliche Rahmenbedingungen für den Ausbau der erneuerbaren Energien. Lange Zeit sei dieser in Niedersachsen steil bergauf gegangen, sagte gestern Wilhelm Pieper, der Vorsitzende des Landesverbands Erneuerbare Energien Niedersachsen-Bremen (LEE), beim Branchentag in Hannover. „Doch jetzt wurden falsche politische Rahmenbedingungen gesetzt“, klagte er. Vor allem die geplante Regel, dass beim Bau von Windrädern ein Mindestabstand von 1000 Metern eingehalten werden muss, verunsichert die Branche. [caption id="attachment_45631" align="alignnone" width="780"] Foto: nkw[/caption] „Es muss Ziele geben und da muss sich die Branche einstellen können“, sagte auch Ruth Brand-Schock, Leiterin Politik und Regierungsbeziehungen beim Windenergie-Konzern Enercon. In Deutschland werde zwar über die Energiewende gesprochen, aber dies werde nicht durch den Zubau von Anlagen untermauert. „Die Politik muss jetzt entscheiden, ob Deutschland nach dem Atom- und dem Kohleausstieg auch aus der Windenergie austritt.“ Doch die Abstandsregel wäre nur ein weiterer Bremser, warnte Brand-Schock, denn der Ausbau liefe schließlich auch jetzt schon nicht gut. „Es braucht da aber einen Heimatmarkt, der vorangeht und Entwicklungen auch in anderen Ländern anstößt und sich international bewähren kann.“ Doch was muss sich an den Rahmenbedingungen ändern, damit es der Windkraft-Branche in Zukunft wieder bessergeht?
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Vor allem müssen die Genehmigungsverfahren beschleunigt werden, darüber ist man sich beim Branchentag einig. Heiner Schönecke von der CDU-Fraktion im niedersächsischen Landtag berichtete auf einem Podium, dass man in seiner Fraktion schon darüber diskutiere, ob die Genehmigungsbehörden da etwas falsch verstanden hätten. Es seien wohl eher „Verhinderungsbehörden“ geworden, sagte er und meinte damit ganz explizit den Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). Imke Byl von den Grünen forderte, dass die Behörden personell besser ausgestattet und entlastet werden müssten, damit sie die Genehmigungsverfahren schneller abarbeiten können. „Wir liegen teilweise bei zehn Jahren Planungszeit. Das ist das Gegenteil von Planungssicherheit, das ist verbriefte Unsicherheit“, sagte sie. Einen Grund für die langen Genehmigungsphasen erkennt Byl in den unklaren Gesetzestexten. „Der gesetzliche Rahmen muss klarer gefasst werden“, forderte die Umweltpolitikerin der Grünen. Auf diese Weise könnten Klagen verringert oder zumindest die Dauer der Verzögerungen durch Klagen reduziert werden. [caption id="attachment_45630" align="alignnone" width="780"] Foto: nkw[/caption] Ähnlich beurteilte die Lage auch Hildegard Zeck, Referentin für Raumordnung im niedersächsischen Landwirtschaftsministerium. Wichtige Entscheidungen würden mittlerweile von Gerichten getroffen. Die Rechtsprechung habe sich enorm verdichtet. Gleichzeitig habe die Rechtsprechung auch die Planungsprozesse überholt. Regionale Raumordnungsprogramme bräuchten zehn Jahre in der Erstellung und müssten dann aber nach zwei Jahren schon wieder überholt werden, erklärte die Juristin. In Schleswig-Holstein sei sogar jede Regionalplanung vor Gericht gescheitert. Zeck meinte, dass eigentlich keine regionalen Raumordnungsprogramme vorgelegt werden dürften, die derart fehlerhaft sind, dass sie vor Gericht immer wieder anfechtbar sind.

Nabu versichert: Wir sind nicht die Bremser!

Für eine bessere Raumplanung bräuchte Niedersachsen dann zudem noch ein besseres Monitoring der Tierarten. Dazu rät zumindest Niedersachsens Nabu-Chef Holger Buschmann. Denn die gerichtlichen Verhandlungen dauerten oftmals nur deshalb so lange, weil die Gutachten über das Vorkommen bestimmter Tierarten so viel Zeit in Anspruch nähmen. „Niedersachsen ist das Bundesland mit der schlechtesten Datenbasis bundesweit.“ Bei dieser Gelegenheit wollte Buschmann auch mit dem vermeintlichen Vorurteil aufräumen, der Nabu sei ein Verhinderer der Windenergie. Nur elf Klagen habe der Nabu in Niedersachsen eingereicht, mit 98 betroffenen Windkraftanlagen. Allerdings gehörten noch deutlich mehr Widersprüche dazu, wie Buschmann eingestehen musste. Diese 98 Anlagen entsprechen laut Nabu bei einem Bestand von aktuell etwa 6.310 Anlagen einem Anteil von insgesamt 1,6 Prozent. Bundesweit belief sich die Zahl der Nabu-Klagen in den letzten zehn Jahren auf 44, was sogar nur 0,5 Prozent der für diesen Zeitraum laufenden 9.000 Genehmigungsanträge ausmacht, wie der Verband darstellt. „Außer in Ostfriesland sind wir für den Ausbau – aber nach Richtlinien“, sagte er vor den Vertretern der Erneuerbaren-Branche. Sein Verband sei auch durchaus dazu bereit, dass in einzelnen Gebieten Ausnahmegenehmigungen erteilt würden. Doch wenn seltene Arten bedroht seien, ginge das nicht.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #211.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter