7. Sept. 2026
TagesKolumne

Das ist Demokratie

Dieser Wahlsonntag war schon außergewöhnlich. Nun haben wir den großen Sieg der AfD. Was heißt das jetzt für Niedersachsen?

Einer, der Größe zeigte am gestrigen Wahlabend in Sachsen-Anhalt, war der bisherige Ministerpräsident Sven Schulze. Das Ergebnis seiner CDU war bitter, gegenüber der vorherigen Wahl halbiert sich die Fraktion der Christdemokraten im Landtag. Was tat Schulze, als er um 18.20 Uhr vor seine Anhänger trat? Er gratulierte der AfD, dem Wahlsieger, und er widersprach der von Mitbewerbern vertretenen Einschätzung, es sei "ein schwarzer Tag für Sachsen-Anhalt". Nein, meinte Schulze, das Resultat sei zwar für seine Partei ein schwerer Schlag - aber es sei zugleich Ausdruck von Demokratie.

Der Wahlsieger vom Sonntag: Ulrich Siegmund. | Foto: Wallbaum

Da steckt viel Wahres drin: Tatsächlich ist die Wahl in Sachsen-Anhalt ein Ausdruck der Volkssouveränität. Es gingen so viele Menschen zur Wahl wie selten zuvor. Man wird in den nächsten Monaten viel darüber lesen können, ob die Leute in die Irre geleitet wurden, ob sie vorurteilsbehaftet sind, ob sie den Fake News der AfD auf den Leim gingen oder ob sie generell Schwierigkeiten haben mit dem parlamentarischen Regierungssystem der Bundesrepublik. Ja, das riesige Ausmaß der Unzufriedenheit, das aus diesem Ergebnis spricht, ist erklärungsbedürftig. Auch die DDR-Nostalgie ist es. Haben viele Menschen vergessen, wie es ihnen in der Zeit der SED-Diktatur ergangen ist und wie sich der Lebensstandard seit der Wiedervereinigung verändert hat? Haben die Menschen übertriebene Erwartungen an die Politik? Was immer den Sieg der rechtspopulistischen Partei bei dieser Landtagswahl auch bewirkt haben mag - ganz wichtig für die Beständigkeit des demokratischen Systems ist jetzt eine andere Frage: Wie geht die Bundesrepublik mit dem Ergebnis um? Dazu ein paar Überlegungen:

  • Erstens: Die Dämonisierung muss aufhören. Die Grünen haben "Nazis stoppen" auf ihre Plakate geschrieben. Solche Verteufelungen schaden der Demokratie. Alle im Landtag von Magdeburg werden künftig mit der AfD, der mit Abstand stärksten Fraktion, reden und verhandeln müssen. Da mag die SPD-Spitze noch so sehr das strikte Gegenteil behaupten. Anders funktioniert ein Parlament nämlich nicht, man kann die stärkste Fraktion nicht ausgrenzen. Das gilt auch für den Bund und die anderen Bundesländer: Wenn Ulrich Siegmund tatsächlich die nächste Landesregierung in Magdeburg anführen sollte, werden die anderen Ministerpräsidenten mit ihm umgehen, mit ihm reden und auch die Verständigung mit ihm suchen müssen. Sie können ihn nicht als Faschisten abstempeln und ignorieren. Der Föderalismus beruht auf dem Prinzip der Kommunikation. Übrigens warfen 59 Prozent der Wähler in Sachsen-Anhalt, so ergab eine Befragung der ARD am Wahlabend, den anderen Parteien "einen unfairen Umgang mit der AfD" vor. Das lässt die "Brandmauer" zunehmend als fragwürdig erscheinen.


  • Zweitens: Wachsamkeit ist Trumpf. Viele provokant vorgetragene Forderungen der AfD im Landtagswahlkampf werden, wenn die AfD die nächste Landesregierung anführen sollte, kritisch begleitet werden müssen. Dazu sind eine wachsame Opposition, eine starke unabhängige Presse und eine aktive Zivilgesellschaft nötig. Es muss darauf geachtet werden, dass Menschenrechte nicht verletzt werden, wenn es etwa um die "Remigration" geht. Es wird wichtig sein, bei der angekündigten Kündigung des MDR-Staatsvertrages auf eine ausreichende Sicherung eines guten Angebots des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu achten. Wenn ein Ministerpräsident Siegmund im großen Stil Leiter von Polizeiinspektionen, Mitarbeiter in den Ministerien und Landesämtern austauschen und durch AfD-nahe Beamte ersetzen will, schlägt die Stunde des Beamtenrechts und der Gerichte. Im Rechtssystem sind Schutzmechanismen gegen Willkür und Postenschieberei vorhanden. Diese müssen erkannt und genutzt werden.


  • Drittens: Gelassenheit ist Trumpf. Bis Redaktionsschluss am Sonntag war noch unklar, ob der Wahlsieger Ulrich Siegmund im Landtag die besseren Chancen bei der Wahl des Ministerpräsidenten haben dürfte als ein Bewerber, der von CDU, Linkspartei, Grünen, SPD und BSW gemeinsam gestützt wird. Das heißt: Es ist sehr knapp, und eine Regierungsbildung liegt nicht nah - auch für die AfD nicht. Man kann nicht ausschließen, dass sich der Landtag in Sachsen-Anhalt in den nächsten Wochen nicht in der Lage sieht, eine neue Regierungsbildung zu erreichen. Es wäre nicht das erste Mal nach einer Landtagswahl in Deutschland, dass sich ein frisch gewähltes Parlament zur Selbstauflösung und zu Neuwahlen entscheidet. Wie eine solche Neuwahl ausgehen würde, ist offen. Es muss nicht so sein, dass die AfD immer weiter wächst.

Der atemberaubende Wahlabend im Nachbarbundesland ist eines der Themen im heutigen Rundblick. Die anderen sind diese:

  • Schlussspurt im Kommunalwahlkampf: Wir schauen in die Kommunen, in denen es nächsten Sonntag besonders spannend wird.


  • Migrationsbeauftragter gibt auf: Nach massiven Anfeindungen hat Deniz Kurku, Migrationsbeauftragter in der Staatskanzlei, seinen Rücktritt erklärt.


  • Stimmen zu VW: Mehrere Politiker äußern sich nach der überraschenden Einigung des VW-Aufsichtsrates auf ein Sanierungskonzept.

Ich wünsche Ihnen - allen politischen Aufgeregtheiten zum Trotz - einen entspannten Start in die neue Woche.

Klaus Wallbaum

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #153.
Klaus Wallbaum
AutorKlaus Wallbaum