11. Sept. 2017
Kommentar

Das Wasser steigt – und das Land müsste jetzt handeln

Darum geht es: Der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) hat den vierten Teil einer großangelegten Studie veröffentlicht, die die Auswirkungen des Klimawandels auf die Wasserwirtschaft untersucht. Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass Wetterextreme zunehmen werden. Ein Kommentar von Isabel Christian. Als Sommer lassen sich die vergangenen drei Monate in Niedersachsen nur mit viel gutem Willen bezeichnen. Es war zu nass und zu kalt. Ganze fünf Tage mit Temperaturen über 25 Grad Celsius haben die Meteorologen im August im Raum Hannover gezählt, üblich sind mindestens zehn. Dazu kommt der Dauerregen Ende Juli, der vielen Menschen zwischen Harz und Weser die Häuser unter Wasser gesetzt hat. Ein einmaliges Ereignis dürfte das nicht gewesen sein. Denn die neuen Ergebnisse einer Studie unter der Federführung des NLWKN führen zu dem Schluss, dass Niedersachsen in den kommenden Jahrzehnten deutlich mehr Hochwasser erleben wird als bisher. Und das nicht nur im Sommer. Folgt man den Berechnungen der Forscher, so verhielt sich der diesjährige Sommer antizyklisch. Künftig ist eher damit zu rechnen, dass Juni, Juli und August kaum Regen bringen, während in den Wintermonaten die Wolken gar nicht leer zu werden scheinen. Es wäre falsch, diese Signale zu ignorieren und als Laune der Natur abzutun. Kurzfristig muss die Landesregierung mehr Geld in den Hochwasserschutz stecken. Und langfristig Maßnahmen für mehr Klimaschutz ergreifen. Um ein entsprechendes Gesetz wird man deshalb im Landtag nicht herumkommen. Es gibt mehrere Bereiche, in denen die Landesverwaltung in Sachen Hochwasserschutz schon in naher Zukunft tätig werden muss. Das eine ist die Verstärkung bestehender und der Bau von neuen Schutzanlagen. 15 Prozent „Hochwasserzuschlag“ empfehlen die Wissenschaftler künftig für alle Bauprojekte, die Schutz vor überquellenden Flüssen, Bächen und Seen bieten sollen. Heißt: Ein Damm, der heute als hochwassersicher gilt, müsste in den kommenden Jahren um 15 Prozent aufgestockt werden. Denn die Forscher haben nicht nur ermittelt, dass die Zahl der Hochwasser zunehmen wird, auch ihr Scheitelpunkt wird über dem liegen, was bisher als Erfahrungswert gilt. Gleichzeitig muss ein Konzept gefunden werden, wo und wie das Wasser abfließen kann, ohne zur Gefahr zu werden. Erst kürzlich bemängelte ein Vertreter des Landvolk-Verbands im Umweltausschuss, dass viele Regegenrückhaltebecken entlang von Flüssen und Bächen zu klein sind. Hier muss die Verwaltung eine Bestandsaufnahme machen, wie viele der vorhandenen Becken ihre Aufgabe nicht mehr erfüllen können. Entweder muss dann der Fluss mehr Raum bekommen, indem er verbreitert wird und Flutwiesen angelegt werden, oder die Becken werden vergrößert, damit sie mehr Wasser aufnehmen können. Ein Flussgebietsmanagement ist dazu unerlässlich. Die Landesregierung sollte jedoch auch über die Idee der Harzwasserwerke nachdenken, das Mittelgebirge zu einem zentralen Wasserspeicher für Niedersachsen auszugestalten und eine weitere Talsperre einzurichten. Doch das wird allein nicht reichen. In Niedersachsen ist man nicht so weit wie US-Präsident Donald Trump gegangen und hat behauptet, der Klimawandel existiere gar nicht. Aber viele Politiker erwecken den Eindruck, Klimawandel sei ein nachrangiges Problem unter vielen. Doch das stimmt nicht, wie das Wetter in diesem Sommer eindrucksvoll gezeigt hat. Auch wenn Niedersachsen mit einem Klimaschutzgesetz womöglich nur einen minimalen Beitrag zur Verbesserung des Weltklimas — und damit auch der klimatischen Bedingungen in Niedersachsen — leisten kann, indem es per Gesetz seine CO₂-Immissionen herunterschraubt, so ist es doch ein notwendiger Schritt. Denn für das Gesamtbild ist jedes einzelne Teil wichtig.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #158.
Klaus Wallbaum
AutorKlaus Wallbaum