Der „Bergwerkstaat“ im Harz ist bald endgültig Vergangenheit
Eine Einrichtung mit jahrhundertealter Tradition steht vor dem Aus: Die Landesregierung hat gestern beschlossen, die „Clausthaler Bergbaukasse“ per Landesgesetz auflösen zu lassen. Das Vermögen, in den vergangenen Jahren geschrumpft auf 130.000 Euro und neun Hektar großen Landbesitz, soll übertragen werden auf die Stiftung, die das Weltkulturerbe Rammelsberg in Goslar betreut. Lange Diskussionen hat dieser Schritt gestern in der Runde der Minister nicht ausgelöst, das dürfte auch in den bevorstehenden Diskussionen im Landtag nicht anders werden. Angesichts der aktuellen Bedeutung dieser Einrichtung ist das zwar nicht verwunderlich – in früheren Zeiten allerdings war diese Kasse ein entscheidender Machtfaktor.
Die Rechtsgrundlagen, die derzeit verfügbar sind, gehen auf das Jahr 1868 zurück. Damals war diese Bergbaukasse beschrieben worden als Einrichtung, die dem Gemeinwohl der Einwohner und der Bergbaubeschäftigten im Harz verpflichtet ist – und deren Verwaltung von der Bergbehörde, also den Vorläufern des heutigen Landesbergamtes, geleistet werden musste. Da das Statut von 1868 nicht mehr den Anforderungen einer modernen Stiftung entspreche, solle die „Clausthaler Bergbaukasse“ aufgelöst und an die anderen bestehenden Stiftungen in Goslar angegliedert werden, hieß es gestern aus dem Wirtschaftsministerium. Weil der Bergbau im Harz zum Erliegen gekommen ist und auf absehbare Zeit nicht mehr aufleben dürfte, ist mit Widerstand gegen die Pläne der Regierung nicht zu rechnen. Die Zahl derjenigen, die das Verschwinden der alten Einrichtung bedauern, dürfte sich auf wenige historisch interessierte und dem Bergbau emotional verbundene Personen beschränken.
Die Ursprünge der „Clausthaler Bergbaukasse“ liegen im Jahr 1703. In dieser Zeit florierte der Bergbau im Harz bereits, und das Eigentum an den Gruben beschränkte sich nicht auf den Staat als Gemeinwesen, auch Privatpersonen konnten sich hier einbringen. Einige Gruben brachten viel Erz zutage, andere benötigten Investitionen, um überhaupt erschlossen und später ausgebeutet werden zu können. Aber woher sollte man das Geld für die nötigen Ausbauten nehmen? Die Kasse funktioniert über ein Umlageprinzip – alle im Bergbau tätigen zahlen ein, für neue Investitionen wird das Geld verwendet. Das funktionierte, und in alten Berichten ist davon die Rede, dass schon 1728 knapp 2000 „Kuxe“ von der „Clausthaler Bergbaukasse“ erworben worden waren – also Anteile an den Bergwerken. In zeitgenössischen Berichten wird vor allem der Erwerb der Grube Dorothea in dieser Gegend hervorgehoben. Im Laufe der Jahre wurde die Kasse zum Träger des größten Bergwerksgebietes der Gegend, und der Reichtum bringende Erzbergbau im Harz stand einem weitaus ärmeren Landesherrn gegenüber. Historiker nennen die Region sogar einen „Bergwerkstaat“ – wegen der beherrschenden Stellung der „Clausthaler Bergbaukasse“, in der auch die leitenden Bergbaubeamten eine immer stärkere Position bekamen, da sie als Privatpersonen ebenfalls Anteile erwerben und in der Kasse dominant werden konnten. Gegenüber den Untertanen, die Menschen im Harz, waren die Vorgaben durchaus streng – so wurden Ackerbau und Viehzucht streng untersagt, alles sollte auf den Bergbau ausgerichtet sein. Die Finanzierung der „Clausthaler Bergbaukasse“ ist auch ein Unikum: Es wurde eine freiwillige Abgabe auf Branntwein und Alkohol erhoben. Die Möglichkeit dazu sah man, weil nach altem Bergrecht gerade von Bergleuten keine Verbrauchssteuern für Bier und Schnaps verlangt werden durften. Vielleicht schlug man diesen Weg nun ein, da es sich herumgesprochen hatte, dass der Konsum von günstigen Spirituosen für die Arbeit der Bergleuten nicht gerade förderlich gewesen war.Dieser Artikel erschien in Ausgabe #169.