… hat sich in dieser Woche ganz fachmännisch zu seinem beruflichen Hauptthema geäußert, nämlich der vergleichenden Landesgeschichte. Er meinte, ganz schlicht, dass es ein „niedersächsisches Landesbewusstsein“ gar nicht gibt. Und er hat wohl recht damit. Der Niedersachse der Woche…

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…heißt Prof. Arnd Reitemeier, ist Leiter des Instituts für Historische Landesforschung an der Universität Göttingen und deswegen schon von seiner Profession her berufen, sich zum Thema Niedersachsen zu äußern. Der bevorstehende 75. Geburtstag des Landes, der mit allerhand Veranstaltungen, Diskussionen, Publikationen und Filmen begleitet wird, bot der Deutschen Presse-Agentur einen Anlass, bei Reitemeier nachzufragen. Wie steht es um die Niedersachsen-Identität. Seine Antwort war so verblüffend wie einleuchtend:

„Es gibt keine niedersächsische Identität.“

Nun mag es für manche Ohren enttäuschend klingen, zumal sich nicht nur die Landesregierung die allergrößte Mühe gibt, zu diesem Geburtstag ein Landesbewusstsein zu demonstrieren und zu prägen – auch zu dem Zweck, die Niedersachsen im Konzert der 16 Bundesländern nicht zu bescheiden und zurückhaltend werden zu lassen. Was machen etwa die Bayern oder die Sachsen und sogar die Bremer und Hamburger nicht für ein Getöse um ihre Bedeutung, Vergangenheit und Identität? Reitemeier stellt dem eine nüchterne Analyse entgegen, was nun Niedersachsen betrifft. Das Land ist ein Produkt der Nachkriegsordnung, verfügt durch die britische Besatzungsmacht.



Zwar hat Hinrich-Wilhelm Kopf entscheidend mitgewirkt und Karten gezeichnet, auch Verhandlungen mit einigen Nachbarn, etwa im Raum Lippe, hat es gegeben. Aber im Grunde besteht Niedersachsen aus mehreren selbstbewussten Volksstämmen, das ist die Botschaft von Reitemeier – da sind die selbstbewussten Oldenburger, die nicht minder selbstbewussten Braunschweiger.

Nicht wenige von ihnen neiden es den Hannoveranern, dass Hannover heute die Landeshauptstadt ist. Die kleinen Schaumburg-Lipper sind nicht zu vergessen, die Emsländer strotzen vor Stärke und die Ostfriesen sind auf ihre Eigenständigkeit bedacht. Die Menschen aus dem südlichen Rand von Hamburg leiden stets darunter, dass man sie in der Aufzählung vergisst, ähnlich übrigens wie die Südniedersachsen rund um Göttingen und Northeim.

Reitemeier endet versöhnlich. Mag es doch keine niedersächsische Identität mit jahrhundertealter gemeinsamer Geschichte geben, so prägt eben doch das Niedersachsen-Ross als Symbol. Ständig sei man damit konfrontiert, ständig bekomme man es zu sehen – und das habe für das Bewusstsein der Menschen eben doch eine Bedeutung.

So ganz ohne Identität sind die Niedersachsen eben doch nicht. Die Redaktion des Politikjournals Rundblick zeichnet Reitemeier, der sich als Professor sonst vor allem mit dem späten Mittelalter beschäftigt, für seine klugen Gedanken anlässlich des Landesgeburtstages mit dem Titel „Niedersachse der Woche“ aus. Glückwunsch dazu!