22. März 2026 · 
MeldungSoziales

Der Paritätische will erkunden, warum sich Menschen von der Demokratie abwenden

Rundblick-Chefredakteur Niklas Kleinwächter sprach auf dem Podium über die Rolle der Medien. Die Einsamkeit von jungen Menschen wird als Gefahr für die Demokratie unterschätzt.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband Niedersachsen ist in Sorge um die Demokratie. Deswegen hat der Sozialverband die Kampagne „Du bist Demokratie“ gestartet und lud nach Hannover zu einem „Demokratiedialog“ ein. „Demokratie findet nicht nur in Ministerien und Parlamenten statt“, sagte die Landesvorsitzende Kerstin Tack. Demokratie werde täglich in den Mitgliedseinrichtungen des Paritätischen gelebt, wo Menschen sich begegnen und austauschen und denen zugehört werde, die sich sonst übersehen fühlen. Auf dem Podium in der Akademie des Sports saß, wie Moderator Jens Starkebaum formulierte, „fast die gesamte Zivilgesellschaft“ – oder zumindest Vertreter davon aus Wirtschaft, Sport, Kultur, Wissenschaft und Medien, darunter auch Niklas Kleinwächter, Chefredakteur Neue Medien beim Politikjournal Rundblick und Vorsitzender der Landespressekonferenz. Ernesto Harder, Vorsitzender des DGB in Niedersachsen, blickte auf die derzeit laufenden Betriebsratswahlen. Viele hatten damit gerechnet, dass die AfD-nahe Vereinigung „Zentrum“ den Gewerkschaften des DGB mehr Stimmen würde streitig machen können. „Männliche Gewerkschaftsmitglieder wählen stark die AfD“, räumte Harder offen ein. „Wir haben das Feedback bekommen: ,Bei den Themen Mitbestimmung und Tarifverträge seid ihr die Besten. Aber für die Wahlen da draußen habt ihr uns nichts zu sagen.‘ Die Gewerkschaften des DGB werden gewählt, weil wir am effizientesten sind – auch wenn wir ,rot-grün Versiffte‘ sind.“ Christoph Meinecke, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände Niedersachsen, ergänzte: „Wer sich AfD-Programme anschaut, weiß sofort, dass das nicht funktionieren kann. Wir brauchen Migration. Da sind wir ganz klar als Unternehmerschaft.“ Aus dem Publikum antwortete ein Zwischenrufer: „Aber zu leise!“

Niklas Kleinwächter (2.v.r.) diskutiert mit Christoph Meinecke, Ninia LaGrande, Anja Langness, Hajo Rosenbrock, Ernesto Harder und Kerstin Tack (v.l.) über Demokratie. | Foto: Beelte-Altwig

Niklas Kleinwächter blickte besorgt auf die Lage des Journalismus. „Es ist eine gesellschaftliche Entscheidung, dass man für Medien nicht so viel Geld ausgeben will“, sagte er. Die Landespressekonferenz habe so wenig journalistische Mitglieder wie nie zuvor. Stetig sinke die Zahl der Korrespondenten von Tageszeitungen in Hannover. Dafür werden die Pressestellen von Verwaltung und Verbänden immer größer. „Wer guten Journalismus will, muss etwas dafür tun“, appellierte Kleinwächter. Das betreffe nicht nur die Inhalte, sondern auch die verlässliche Zustellung der Zeitung. Was die Rolle von Medien für den demokratischen Diskurs angeht, übte er auch Selbstkritik: „Das Wort ,Streit‘ ist schnell geschrieben. Aber nicht immer, wenn es zwei Meinungen gibt, ist das ein Streit. Und selbst wenn: Das ist Demokratie.“ Journalisten müssten die komplizierten Verfahren besser erklären, die zwischen einem Wahlversprechen und seiner Umsetzung liegen. „Wir dürfen nicht die Erwartung wecken, dass sich sofort etwas verändert.“

Anja Langness von der Bertelsmann-Stiftung belegte mit einer Studie unter 16- bis 30-Jährigen, wie eng der Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Demokratieverdrossenheit ist. 45 Prozent der Befragten fühlten sich einsam, 47 Prozent waren unzufrieden mit dem Funktionieren der Demokratie und nur 19 Prozent glaubten, durch eigenes Engagement etwas verändern zu können. „Wer einsam ist, respektiert Politiker weniger und hat weniger Vertrauen“, fanden Langness und ihr Team heraus. Sie appellierte, den Dialog mit jungen Menschen an digitalen Orten zu suchen, zum Beispiel auf den Plattformen Discord und Reddit, wo sich Gamer austauschen. „Die politische Willensbildung von jungen Menschen findet auf Social Media statt. Ich verstehe nicht, warum die Parteien der Mitte das nicht nutzen“, sagte die Erziehungs- und Gesundheitswissenschaftlerin. Von den Medien forderte sie, mehr über positive Beispiele zu berichten, zum Beispiel wie man Einsamkeit entgegenwirken kann. Aus dem Publikum meldete sich die stellvertretende Landtagspräsidentin Barbara Otte-Kinast zu Wort. „Es ärgert mich, dass niemand aus dem Landtag hier ist“, sagte sie. Mit dem Thema „Einsamkeit“ finde sie kein Gehör in ihren eigenen politischen Reihen. Sie schlug vor, eine überparteiliche Veranstaltung im Landtag dazu zu machen.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #055.
Anne Beelte-Altwig
AutorinAnne Beelte-Altwig

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