18. Apr. 2017
Kommentar

Der Salzgitter-Effekt

Darum geht es: In Salzgitter gibt es viele günstige Wohnungen, außerdem leben hier schon viele Menschen, die aus Syrien nach Deutschland geflüchtet sind. Das spricht sich herum, und so ziehen immer mehr von ihnen nach Salzgitter. Damit wird eine Integration erschwert, meint Klaus Wallbaum.   Als die Landesregierung im vergangenen September die sogenannte „Wohnsitzauflage“ für Flüchtlinge ausgesetzt hatte, war der Jubel vor allem unter den Grünen im Landtag groß: Nun habe man „ein Bürokratiemonster“ verhindert, denn die Zuweisung von Unterkünften für Zuwanderer wäre aufwendig und schwierig geworden. Außerdem hätte sich die Auflage, so meinten sie, zu einem „Integrationsblocker“ entwickelt, da man den Menschen das Gefühl geben hätte, nicht frei über ihr Leben bestimmen zu dürfen. Diese Einschätzung der eher linken Grünen-Politiker aus Niedersachsen stand im auffälligen Kontrast zu den positiven Stimmen zur Wohnsitzauflage, wie sie vom – eher realpolitischen – baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann geäußert wurden. Lesen Sie auch:   Heute mehren sich die Anzeichen dafür, dass Kretschmann richtig lag und die Prognosen der niedersächsischen Grünen falsch waren. Wie hieß es noch im September? Es seien doch nur flächendeckende Angebote an Sprachkursen und Integrationshilfen nötig, dann werde es in Niedersachsen schon zu einer gleichmäßigen Verteilung von Flüchtlingen, die bereits als solche anerkannt sind, kommen. Weit gefehlt. Die Fakten sprechen eine andere Sprache. Einige Kommunen sind besonders gefragt unter den Flüchtlingen – überraschenderweise nicht die Großstädte Hannover, Braunschweig oder Oldenburg, in denen die Mieten wegen der ohnehin hohen Nachfrage schon hoch sind. An der Spitze liegen Delmenhorst, Wilhelmshaven und vor allem Salzgitter. Alle drei sind keine reichen, keine besonders blühenden Städte, sondern eher solche mit alter Bausubstanz, vielen Leerständen und nicht geringen kommunalen Haushaltsproblemen. Was sich einst der Oberbürgermeister von Goslar gewünscht hatte – dass nämlich viele Flüchtlinge in seine Stadt kommen, damit leerstehende Häuser wieder bewohnt werden, das erlebt jetzt sein Kollege im benachbarten Salzgitter in der Realität. Eine „syrische Community“ bilde sich in Salzgitter heraus, heißt es in der Stadt. Ist das die Vorstufe zu einer Ghetto-Bildung? Im Rathaus werden zwei Antworten gegeben: Erstens konzentriert man die Angebote an Sprachmittlern, Integrationslotsen und Beratungsangeboten (etwa für Mütter mit Kindern) auf die Quartiere, in denen viele Zuwanderer leben. Zweitens versucht man, die Investitionen (etwa für neue Kindergärten) dorthin zu steuern, wo Defizite entstanden sind – und man verknüpft das mit der Forderung nach gezielten Hilfen des Landes. Wie Ministerpräsident Stephan Weil vor wenigen Tagen nach einem Besuch in Salzgitter sagte, ist er gesprächsbereit. Aber hilft das alles schon? Es ist verständlich, wenn Syrer gern dort hinziehen, wo schon Syrer leben und wo sie ein gewohntes Lebensumfeld erwarten können. Dies kann zunächst ihren Start in Deutschland erleichtern, langfristig aber erschwert es die Integration. Wer sich in der Heimatsprache verständigen kann, braucht sich mit dem Erlernen der deutschen Sprache nicht anzustrengen – denn er kommt auch ohne sie zurecht. Er braucht sich auch die deutschen Sitten, Bräuche und Regeln nicht anzueignen, wenn in der Nachbarschaft seine bekannten Umgangsformen herrschen. Vieles deutet also darauf hin, dass sich in Salzgitter Parallelgesellschaften herausbilden können – und diese werden noch verstärkt dadurch, dass vom Frühjahr 2018 an der Familiennachzug der Angehörigen syrischer Flüchtlinge nach Deutschland wieder möglich wird. Die Landesregierung hat also gute Gründe, ihren Beschluss aus dem vergangenen September abzuändern und die Wohnsitzauflage doch zu verhängen. Tut sie es nicht, können Städte wie Salzgitter, Delmenhorst oder Wilhelmshaven für Flüchtlinge aus Syrien immer attraktiver werden – mit unabsehbaren Folgen für diejenigen, die für die Integration dieser Zuwanderer sorgen sollen.   Mail an den Autor dieses Kommentars
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #73.
Klaus Wallbaum
AutorKlaus Wallbaum