2. Nov. 2026
MeldungKultur

Die „Region Hannover“ wird 25 – und immer weiß noch keiner, was sie eigentlich ist

Ratlosigkeit - ein vorherrschender Eindruck, wenn von der Rolle der "Region Hannover" die Rede ist. Ein Festakt zum 25. Geburtstag des Riesen-Landkreises verstärkte dies noch.

Der Ministerpräsident hält eine Festrede zum 25. Geburtstag der Region Hannover. | Foto: Wallbaum

Angekündigt wurde ein fröhliches Fest – mit Rückblick und Ausblick, mit kritischen Würdigungen und auch Show-Einlagen. Tatsächlich sind sehr viele Menschen in die ehemalige Druckerei des Madsack-Konzerns nach Hannover-Kirchrode gekommen. Der Veranstalter hatte sich in der Vorbereitung viel Mühe gegeben, die Lokation war ansprechend geschmückt, und die Laune der meisten Gäste war zumindest zu Beginn auch ausgelassen und heiter. Dass der Mord an sechs Menschen in Stade Ende Juni, darunter drei Mitarbeiter des Jugendamtes der Region, dauerhaft schwer auf der gesamten Verwaltung lastet, wurde dabei nicht ausgeblendet. Der amtierende Chef der Region, der Erste Regionsrat Jens Palandt, erklärte zu Beginn: „Unseren drei verstorbenen Kollegen widmen wir diese Veranstaltung.“ Das war ein würdevoller Auftakt.

Was sich dann nach dem offiziellen Start um 19 Uhr in den folgenden gut zwei Stunden abspielte, war dann aber mehr eine Bestätigung einer alten These, die schon vor einem Vierteljahrhundert von kommunalpolitischen Akteuren vertreten wurde: Die Region Hannover leidet darunter, dass keiner genau weiß, was sie eigentlich sein soll. Ein um die Landeshauptstadt vergrößerter Landkreis Hannover soll es ausdrücklich nicht sein – denn es wäre ein Bruch des Tabus, die mit mehr als 500.000 Einwohnern größte Stadt Niedersachsens nicht mehr als kreisfrei einzustufen (zumindest dann, wenn daneben andere Städte, der Dauer-Konkurrent Braunschweig zuvörderst, selbstverständlich kreisfrei bleiben dürfen). Dabei ist das im Grunde doch die einfachste und schlüssigste Erklärung für das Gebilde. Auch mental türmen sich Probleme auf: Gibt es das „Regionsbewusstsein“ – oder sagen die Menschen in Springe, Neustadt, Burgdorf und Ronnenberg nicht, wir sind Springer, Neustädter, Burgdorfer oder Ronnenberger? Anders gefragt: Ist ein Wunstorfer auch ein „Hannoveraner“, weil er in der Region wohnt – oder würde er sich das verbitten, da er ja nicht in der Landeshauptstadt wohnt? Wie schauen die Bürger der Landeshauptstadt auf einen Laatzener, der sich selbstbewusst als „Hannoveraner“ bezeichnet? Ist er stolz auf ihn oder hält er ihn für anmaßend? Wo verlaufen die Grenzen? Gibt es einen Stadt-Hannoveraner und einen Regions-Hannoveraner? Ist dann der Regions-Hannoveraner nur der Umland-Bürger? Das wäre unlogisch, da ja auch die Landeshauptstadt Teil der Region ist. Und was ist überhaupt Hannover? Die Region Hannover neben dem Regierungsbezirk Hannover (gibt es nicht mehr), der Bezirk Hannover bei der SPD neben dem Bezirksverband Hannover bei der CDU (beide haben ein unterschiedliches Gebiet). Die evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers neben der IHK Hannover (auch da sind jeweils immer andere Gebiete dabei). Hannover ist, ebenso wie die Region Hannover, im Grunde undefinierbar.

Es wäre schön gewesen, wenigstens einige dieser Fragen mal anzudeuten. Doch der einzige der drei Festredner (Palandt, Ministerpräsident Olaf Lies und die neue Regionspräsidentin Eva Bender), der überhaupt einige tiefergehende Sinn-Fragen erwähnte, war der Erste Regionsrat. Er sprach von der Wichtigkeit einer funktionierenden Regionsverwaltung in einer Zeit, in der die Menschen die globale Welt als unsicher und bedrohlich empfinden. „Dann wird der Bus, der nicht pünktlich kommt, zum Symbol dafür, dass angeblich gar nichts mehr richtig funktioniert.“ Palandt war es auch, der das „rauer werdende Klima“ im Umgang mit Behörden-Mitarbeitern beklagte – und damit sehr vielen Anwesenden aus dem Herzen sprach. Das war es dann aber auch schon mit nachdenklichen Tönen in den Ansprachen. Ministerpräsident Olaf Lies streifte in einer sehr langen, schnell gesprochenen Festrede viele Aspekte, bei denen er selbst sich an seinen vorgetragenen Gedankensplittern nicht lange aufhielt und bei den Zuhörern vor allem eines hängen blieb: Die Region sei ein Beispiel für guten Zusammenhalt, und wenn er sich eines für die Zukunft wünsche, sei das „guter Zusammenhalt“. Er lobte viele der bisherigen – allesamt sozialdemokratischen – Akteure in verantwortlichen Positionen für ihre großartige Arbeit. Ein Hauch von Selbstbeweihräucherung ging durch die große Halle. Eine Antwort darauf aber, was man vielleicht anders, besser oder effektiver machen könnte, blieb Lies ebenso schuldig wie Eva Bender, die neue Frau an der Spitze, die für ihren „Erneuerungswillen“ in der Vorstellung extra gelobt wurde, in ihrer Rede dann aber ebenfalls wenig Substantielles in diese Richtung zu bieten hatte.

Es blieben dann wenige symbolhafte Aussagen, die zwar durchaus Applaus bekamen, aber zum wirklichen Nachdenken dann auch nicht anregten. Statt nur einer Frau unter den Bürgermeistern der 21 Mitgliedskommunen der Region (wie bisher) habe man nach der Kommunalwahl nun fünf – „also 25 Prozent“, berichtete Ramona Schumann aus Pattensen stolz. Und für ihr Geschlecht erhielt dann auch Bender bei der Begrüßung kräftigen Beifall. Es sind notgedrungen Vorschusslorbeeren, da sie ja erst am 1. November das neue Amt übernimmt.

Sollte man die Zuständigkeiten zwischen Gemeinden und Region verändern – und damit manchen Verwaltungsablauf effektiver gestalten? Wo ist der Zuschnitt der Kompetenzen unsachlich, wo verläuft er in der Praxis holprig? Wo blockieren alte Vorbehalte sinnvolle Lösungen – und gibt es Bereiche, in denen die Digitalisierung und Bürgernähe viel entschlossener vorangetrieben werden müsste? Es gibt so viele Fragen, die man bei einer Feier wie dieser hätte ansprechen müssen – ganz zu schweigen davon, ob eine Fusion von Verwaltungsebenen wie in der Region ein Vorbild für andere Teile Niedersachsens sein könnte. Vom Ministerpräsidenten hätte man erwarten können, dass er hier mal eine Richtung vorgibt. Er hat darauf verzichtet. Von anderen kam auch nichts. So bleibt die Feier zum Geburtstag der Region wie die Region selbst: unbegreiflich.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #193.
Klaus Wallbaum
AutorKlaus Wallbaum
Die „Region Hannover“ wird 25 – und immer weiß noch keiner, was sie eigentlich ist | Rundblick Niedersachsen