3. Apr. 2018
Kommentar

Die Wasserstofftechnologie braucht mehr politischen Schwung

Darum geht es: Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies plant ein stärkeres Engagement für Wasserstoff, der nicht mehr mit Gas, sondern mit erneuerbaren Energien hergestellt werden soll. Auch die Industrie wünscht sich dabei eine größere Unterstützung. Ein Kommentar von Martin Brüning. Ein möglicherweise enorm wichtiger Schritt in der Energiewende ist CDU, CSU und SPD auf Bundesebene im Koalitionsvertrag gerade einmal einen Halbsatz wert. Man wolle „die ,Reallabore‘ als weitere Säule der Energieforschung ausbauen“, heißt es auf Seite 73 lapidar, fast ganz am Ende des Energie-Kapitels. In den Reallaboren soll es um die praktische Anwendung von mit erneuerbarer Energie hergestelltem Wasserstoff gehen. „Power-to-X“ nennt sich das und bedeutet völlige CO2-Freiheit. Denn sowohl bei der Herstellung als auch der Nutzung des Wasserstoffs würde kein Kohlendioxid erzeugt. Wenn Deutschland nach den Zielen der Bundesregierung bis zum Jahr 2050 weitgehend treibhausgasneutral werden möchte, könnte das ein entscheidender Baustein sein. https://soundcloud.com/user-385595761/niedersachsens-umweltminister-setzt-auf-wasserstoff Doch aller Anfang ist schwer. Und bevor man Geld verdient, muss zunächst einmal Geld investiert werden. Genau das ist derzeit die Hürde bei „Power-to-X“. Denn Unternehmen müssen für neue Anlagen übermäßig viele Steuern, Abgaben und Umlagen zahlen – Ausnahmen gibt es nicht. Die Aussicht auf Gewinne liegt zugleich verborgen im Öko-Nebel. Wer kann damit schon einen Vorstand für eine Investition begeistern? Dabei ist die Elektrolyse-Technik ein alter Hut. Dass das System funktioniert, steht außer Frage. Jetzt geht es darum, es im großen Format wirtschaftlich zu machen. Niedersachsen und auch Deutschland würden gut daran tun, bei dieser Technologie Fahrt aufzunehmen. Bei der Batteriekompetenz ist der Zug schon fast abgefahren. Sie liegt hier voraussichtlich in Asien. China hat sich nicht nur geschickt den Zugang zu den Rohstoffen in großem Ausmaß gesichert. Auch in der Fabrikation gibt es inzwischen einen Kompetenzvorsprung. Aber bei der Energiewende wird es nicht nur um Batterietechnik gehen. Die Wasserstofftechnologie hat das Potenzial, eine große Rolle zu spielen – möglicherweise auch als Antrieb für Autos, Busse oder Bahnen. Ein zügiges Umdenken und eine größere Unterstützung seitens der Politik kann deshalb ein entscheidender Anschub für einen wichtigen Zukunftsmarkt sein. Gleichzeitig sind Änderungen bei Abgaben und Ausnahmen auch heikel. Sowohl mögliche Strompreis-Ausnahmen bei der Batterieproduktion, wie von Ministerpräsident Stephan Weil ins Spiel gebracht, als auch ein ähnliches Vorgehen beim Wasserstoff könnte zu großem Unmut gerade bei der energieintensiven Industrie führen. Das alles andere als perfekte Ausnahmensystem beim Strompreis ist derzeit allein an quantitativen Maßstäben ausgerichtet. Wenn es nun auch noch darum gehen soll, was eigentlich genau produziert wird und damit ein qualitativer Maßstab hinzukommt, dürfte das zunächst einmal für Unruhe sorgen. Immerhin geht es allein bei den energieintensiven Betrieben bundesweit um Energiekosten von 17 Milliarden Euro im Jahr – das ist mehr als die Hälfte des niedersächsischen Landeshaushalts. Änderungen sind dennoch angebracht und sinnvoll, so lange sie nicht in eine jahrzehntelange Dauersubventionierung münden. Land und Bund sollten der Wasserstofftechnologie mehr Schwung verleihen. Beim Hürdenlauf ist es schwer, ohne starkes Schwungbein über die Hürde zu kommen. Die Politik sollte deshalb zum Schwungbein für eine neue Technologie mit Potenzial werden. Mail an den Autor dieses Kommentars
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #63.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning