12. Okt. 2022
Wirtschaft

Energiesparen fällt schwer: Selbst Enercity muss wieder Gas verstromen

Die Enercity-Vorstände Susanna Zapreva und Marc Hansmann mussten das Gaskraftwerk in Hannover wegen der Energiekrise wieder hochfahren. Dabei will sich der Konzern eigentlich von fossilen Energieträgern verabschieden. | Fotos: Link

Die deutschen Erdgasspeicher füllen sich weiter, doch die Disziplin beim Energiesparen sinkt offenbar. Wie der hannoversche Energieversorger Enercity gestern mitteilte, steuert zumindest die Landeshauptstadt derzeit nicht auf das von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) vorgegebene Einsparziel von 20 Prozent weniger Gasverbrauch zu. „Es macht uns große Sorgen, dass wir in Hannover hinter dem Plan liegen“, sagte Enercity-CEO Susanna Zapreva am Mittwoch. Nach Angaben des Energieversorgers lag der Gasverbrauch der Enercity-Kunden im September nur 7,6 Prozent unter dem Verbrauch des Vorjahresmonats. „Das ist aber nur der Witterung zu verdanken, denn temperaturbereinigt lag der Gasverbrauch um 11,3 Prozent höher als im September 2021“, heißt es.

Auf das gesamte Jahr betrachtet, hätten die Verbraucher beim Gasverbrauch zwar bislang 14,1 Prozent eingespart. Das sei ebenfalls nicht etwa den großen Einsparbemühungen oder Entbehrungen geschuldet. Temperaturbereinigt habe es vielmehr einen Mehrverbrauch von 3,5 Prozent gegeben. „Wir bitten die Menschen deswegen, an allen Stellen, wo es nur möglich ist, Energie zu sparen“, sagte Zapreva, die zuletzt auch in der von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) eingesetzten Gaskommission an der Gestaltung des Energiepreisdeckels mitwirkte. Nach Angaben der Bundesnetzagentur sind die Erdgasspeicher zwar bereits zu fast 95 Prozent gefüllt, was etwa 230 Terawattstunden entspricht. In einem durchschnittlichen Wintermonat liegt der deutsche Erdgasverbrauch jedoch üblicherweise bei 100 bis 120 Terawattstunden.

Dem Energieversorger fällt das Gassparen ebenfalls schwer. „In den letzten Wochen läuft das Gaskraftwerk in Hannover-Linden wieder rund um die Uhr“, berichtete Enercity-Finanzchef Marc Hansmann. Grund dafür sei der Ausfall vieler französischer Atomkraftwerke, weshalb die in Hannover bereits eingestellte Gasverstromung wieder nötig geworden sei. „Wenn Sie uns vor acht Wochen gefragt hätten, hätten wir gesagt: Das Gaskraftwerk läuft in diesem Jahr gar nicht mehr“, sagte Hansmann. Dennoch habe Enercity den Anteil von erneuerbarer Energie in der eigenen Stromproduktion auf 37,8 Prozent steigern können. Laut dem ehemaligen Kämmerer der Landeshauptstadt will der Energieversorger zum drittgrößten Wind-on-Shore-Anbieter in Deutschland aufsteigen und auch „national eine große Nummer“ werden. „Wir sind sehr froh, dass wir schon so viel in Windenergie investiert haben. Das ist mittlerweile eine der tragenden Säulen dieses Konzerns“, sagte Hansmann. Im ersten Halbjahr 2022 habe Enercity seinen Umsatz auf 4,3 Milliarden Euro trotz Energiekrise fast verdoppeln können. Beim Gesamtjahresumsatz könne Enercity vielleicht sogar die 10-Milliarden-Euro-Marke knacken.

Zufallsgewinne dürften sich beim hannoverschen Energieversorger allerdings kaum abschöpfen lassen. Weil sich auch die Beschaffungskosten für sämtliche Brennstoffe mehr als verdoppelt haben, wird der reine Unternehmensgewinn „nur“ um einen zweistelligen Millionenbetrag höher ausfallen als noch 2021. Der Strompreis habe sich im ersten Halbjahr 2022 um 219,5 Prozent verteuert, der Gaspreis um 271,2 Prozent, eine Tonne Kohle sei um 269,7 Prozent teurer geworden. Auch die Durchschnittspreise für CO2-Zertifikate hätten um 90 Prozent angezogen. Aufgrund der gestiegenen Preise und Risiken hat Enercity auch sein Eigenkapital um rund 20 Millionen Euro aufgestockt. „Die Liquiditätsanforderungen sind enorm. Die Volatilität an den Börsen ist extrem hoch“, schilderte Zapreva die Lage in der Energiewelt, die immer risikoreicher werde. Enercity gerate aber nicht ins Wanken. „Unsere Geschäftsentwicklung ist sehr solide. Uns gelingt es, trotz der Krisensituation an unserer Strategie festzuhalten“, so Zapreva.

Unternehmensziele sind unter anderem der möglichst frühzeitige Kohleausstieg, eine umfassende Digitalisierung aller Geschäftsbereiche, mehr Elektromobilität und smarte Technologien sowie natürlich der Ausbau erneuerbarer Energien. Die Photovoltaik auf Dachflächen sei innerhalb von nur sechs Monaten auf eine Anlagenleistung um 13 Megawatt (MW) ausgebaut worden – und das sei nur der Anfang. Im Kreis Minden-Lübbecke östlich von Osnabrück starte noch im Oktober der Bau eines neuen Windparks mit 45 MW. Und darüber hinaus habe Enercity noch weitere Projekte mit 700 MW „in der Pipeline“. Viele dieser Vorhaben sollen in Niedersachsen verwirklicht werden, spruchreif ist aber noch nichts. Zapreva: „Die größte Hürde ist immer die Genehmigung.“

Dieser Artikel erschien am 13.10.2022 in Ausgabe #180.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link