19. Jan. 2023
Landwirtschaft

Europa muss Nahrungsmittel produzieren – sonst wächst die Abhängigkeit von Russland

Die globale Versorgung mit Lebensmitteln hängt zunehmend von Staaten wie Russland und China ab. Wie eine neue Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft „Ernst and Young“ (EY) aufzeigt, dominierte Russland bereits vor dem Krieg mit der Ukraine die weltweiten Getreideexporte. Seit dem vergangenen Jahr konnten sie diesen Vorsprung noch weiter ausbauen. Zusammen mit China und Belarus zählen sie zudem zu den größten Exporteuren von Düngemitteln.

Foto: GettyImages/SrdjanPav

Sollte es Russland nun gelingen, in der Ukraine militärisch erfolgreich zu sein, käme das Land in den Besitz großer Teile der fruchtbaren Schwarzerde-Böden, die Marktmacht Russlands beim Export von Getreide würde weiter zunehmen. Aber hätte der Rest der Welt etwas davon? Christian Janze von der EY-Niederlassung in Hannover vermutet, dass die russischen Getreideexporte künftig komplett von China aufgekauft werden könnten – ein großes Risiko für die Welternährung. Denn während die landwirtschaftliche Produktion infolge des Klimawandels im globalen Norden, vor allem in Nordamerika und Russland, weiter zunimmt, sind es gerade die afrikanischen und südasiatischen Staaten mit hohem Bevölkerungswachstum, in denen die Agrarproduktion klimabedingt rückläufig ist. Staaten wie Benin, Sudan und Somalia, die zusammen 70 Millionen Menschen zählten, seien komplett darauf angewiesen, Getreide zu importieren.

Christian Janze, EY-Niederlassungsleiter in Hannover | Foto: EY

Janze appelliert deshalb an die europäische Politik, alles dafür zu tun, die Produktivität in Europa hochzuhalten, um sich nicht weiter in die Abhängigkeit von unsicheren Vertragspartnern wie Russland oder China zu begeben. Von Produktivitätsminderungen zugunsten des Klimaschutzes rät er derweil ab. Stattdessen sollten Innovationen und neue Bewirtschaftungsformen die Umwelt besser schonen.

Krieg sorgte für Ausfälle, Verknappungen und Preissprünge

Die weltweite Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln ist im vergangenen Jahr auf besondere Weise zum Spielball geostrategischer Interessen geworden. Nicht nur treiben die gestiegenen Energiepreise die Kosten für die hiesige Produktion in die Höhe. Die Konfliktparteien Russland, Belarus und die Ukraine spielen auch bei der sonstigen Versorgung mit wichtigen Gütern eine herausgehobene Rolle. Ob Sonnenblumenöl, Weizen oder Getreide: Weite Teile der Welt sind abhängig von Exporten aus jenen Ländern.

Quelle: EY

Die Ukraine und Russland waren noch 2020 gemeinsam für 14 Prozent der weltweiten Mais-, 16 Prozent der Rapssamen-, 23 Prozent der Gerste-, 27 Prozent der Weizen- und 53 Prozent der Sonnenblumensamenexporte verantwortlich. Zuletzt sorgte der Krieg nun für enorme Ausfälle, Verknappungen und Preissprünge, wie Janze mit seinen Kollegen und Wissenschaftlern der Universität Göttingen zusammengetragen hat. Prognosen zufolge werden die russischen Weizenexporte im Erntejahr 2022/23 von 33 auf 42 Millionen Tonnen ansteigen, während die Ukraine nur noch 11 statt vormals 18,8 Millionen Tonnen verkaufen wird. Die Europäische Union kann dieser Prognose zufolge ihre Exporte ebenfalls ausbauen: von 31,9 Millionen Tonnen Getreide im Erntejahr 2021/22 auf dann 35 Millionen Tonnen.

Quelle: EY

Auswirkungen auf das Agribusiness

Die Experten von EY haben auch in diesem Jahr wieder gemeinsam mit Wissenschaftlern der Universität Göttingen die Entwicklung des deutschen Agribusiness, also des vor- und nachgelagerten Bereichs der Landwirtschaft, in den Blick genommen und dabei die Auswirkungen des russischen Angriffs herausgearbeitet. Die globalen Herausforderungen haben sich auf die einzelnen Spaten des Agribusiness, das laut EY in Deutschland mit einem Jahresumsatz von zuletzt 279 Milliarden Euro als zweitstärkster Sektor des verarbeitenden Gewerbes gilt, unterschiedlich ausgewirkt:

Ernährungsindustrie erholt sich: Nach den Corona-bedingten Schließungen von Gaststätten und Ausfällen von Großereignissen konnte sich die Ernährungsindustrie im vergangenen Jahr wieder erholen. Nach drei nahezu konstanten Jahren gebe es nun erste deutliche Umsatzsteigerungen: Im Inland wurden 120 Milliarden Euro umgesetzt, durch Exporte weitere 75 Milliarden Euro.

Fleischwirtschaft stoppt Negativtrend? Corona und die „afrikanische Schweinepest“ haben der Fleischwirtschaft zugesetzt. Inzwischen konnten die Exporte aber wieder angekurbelt werden. Mit einem Jahresumsatz von insgesamt 43 Milliarden Euro erreicht die Branche fast wieder die Werte von 2019.

Spitzenwerte in der Molkerei: Die Milchwirtschaft setzt ihren positiven Trend fort. Der Jahresumsatz ist im sechsten Jahr in Folge gestiegen, zuletzt von 30,6 Milliarden auf 37,8 Milliarden Euro. Man sei „verhalten optimistisch“ in der Branche, verrät Louisa von Plettenberg von der Uni Göttingen, die die Zahlen zusammen mit EY ausgewertet hat. Unsicherheiten durch die Energiepreise und Emissionsregeln trübten die Stimmung.

Landtechnik auf gutem Weg: Die relativ guten Zahlen der Landtechnik-Branche dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, wie dramatisch die Lage für die Unternehmen zwischenzeitig war, erläutert EY-Niederlassungsleiter Janze. Dass der wichtige Abnehmer Russland im vergangenen Jahr weggebrochen ist, sei eine strategische Herausforderung gewesen. Der Jahresumsatz konnte dennoch auf fast 11 Milliarden Euro gesteigert werden.

Dieser Artikel erschien am 20.1.2023 in Ausgabe #010.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter
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