Hängt Deutschland bei der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) hinterher? Bei der Antwort auf diese Frage waren sich bei einer Veranstaltung der niedersächsischen Digitalagentur Wissenschaft und Unternehmer nicht unbedingt einig. Die USA und China sind schon weiter, sagte Philipp Becker, Prokurist beim Unternehmen Vision-Lasertechnik aus Barsinghausen. Er warnte deshalb vor einer staatlichen Überregulierung. „Wenn wir Nischen besetzen wollen, dann müssen wir es jetzt auch machen und uns nicht gleich selbst beschränken“, sagte Becker und empfahl, vielleicht „etwas hemdsärmelig“ an die Sache heranzugehen. Die Sicherheit an Maschinen und bei Produkten müsse allerdings durch Regulierung gewährleistet sein.
Wir hängen in der Umsetzung zurück, ob das in der Forschung so ist, da bin ich mir gar nicht so sicher.
Professor Joachim Hertzberg vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz hält es dagegen für fraglich, ob Deutschland wirklich hinterherhinkt. „Wir hängen in der Umsetzung zurück, ob das in der Forschung so ist, da bin ich mir gar nicht so sicher“, sagte Hertzberg. Man müsse im Vergleich auch beachten, dass Deutschland kleiner sei als China und die USA. In diese Richtung argumentierte auch Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann. Im Vergleich zu China wirkten die 20 Milliarden Euro Unterstützung der EU und die fünf Milliarden Euro der Bundesregierung zwar „ein wenig beschaulich“, in der Summe ergäben diese Anstrengungen aber Sinn.
Schon heute gibt es auch in Niedersachsen viele Unternehmen, die mit Künstlicher Intelligenz arbeiten. Darauf machte in der Veranstaltung Jascha Stein, Chef der Firma Omnibot aus Oldenburg und Regionalleiter des KI-Bundesverbands, aufmerksam. Sein eigenes Unternehmen entwickelt intelligente Chat- und Sprachassistenten, die zum Beispiel in Hotlines zum Einsatz kommen können. Dabei arbeitet Stein bereits mit der Bertelsmann-Tochter Majorel zusammen, die die niedersächsische Corona-Hotline verantwortet. Nicht auszuschließen, dass dort Anrufe bald nicht mehr einen echten Menschen, sondern eine digitale Stimme am Telefon hören. Gespräche dazu gebe es bereits, erklärte Stein auf Rundblick-Nachfrage.
Neben der Firma Omnibot gibt es inzwischen in zahlreichen Regionen Beispiele für erfolgreiche KI-Unternehmen. Aus Georgsmarienhütte kommt die Digitalisierung von Fahrzeugscheinen und das automatisierte Anlegen von Adress- und Fahrzeugdaten, in Lehrte werden Lastwagen entwickelt, die sich ohne Fahrer bewegen können, in Hannover wurde eine KI entwickelt, die jederzeit prüft, ob industrielle Systeme eine Wartung benötigen und aus Osnabrück kommt eine Technologie, die ebenfalls in Industrieanlagen mittels Sensoren prüft, ob das Produkt in Ordnung ist. „Künstliche Intelligenz überrollt uns praktisch gerade“, berichtete Stein. Für ihn gibt es in Niedersachsen viel Potenzial, es sei aber noch eine stärkere Vernetzung nötig, wenn es nach ihm geht, auch mit Unternehmen in Hamburg und Bremen. Man müsse eine Nord-West-Achse bilden.
Wir müssen rauskommen aus der Nerd-Ecke und sehen unsere Aufgabe auch darin, die ganze Gesellschaft digital- und KI-kompetent zu machen und sie für die Bedeutung zu sensibilisieren.
Wieviel in Niedersachsen bereits im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz geforscht und entwickelt wird, ist außerhalb der KI- und Start-up-Interessierten nur wenig bekannt. Künstliche Intelligenz gehöre nicht mehr in den Bereich der Science Fiction, sagte Wissenschafts-Staatssekretärin Sabine Johannsen, die zugleich daran erinnerte, dass die Entwicklung ohne gesellschaftliche Akzeptanz nicht gelingen werde.
An diesen Punkt knüpfte auch Digital-Staatssekretär Stefan Muhle an. „Wir müssen rauskommen aus der Nerd-Ecke und sehen unsere Aufgabe auch darin, die ganze Gesellschaft digital- und KI-kompetent zu machen und sie für die Bedeutung zu sensibilisieren.“ Muhle sieht große Gefahren, wenn es nicht gelinge, die künstliche Intelligenz in ihrer Breite zu verstehen.
Die Entwicklung der KI wird darüber mitbestimmen, ob wir langfristig den Wohlstand in unserem Land werden sichern können.
Wirtschaftsminister Bernd Althusmann hob die Bedeutung der Künstlichen Intelligenz für die Zukunft des Landes hervor. „Die Entwicklung der KI wird darüber mitbestimmen, ob wir langfristig den Wohlstand in unserem Land werden sichern können“, sagte er. Dazu haben Wirtschafts- und Wissenschaftsministerium ein sogenanntes „Working Paper“ auf den Weg gebracht, in dem Handlungsbedarfe und Ziele formuliert werden. Darin wird zum Beispiel festgehalten, es gebe in Deutschland sowohl „ein Defizit bei der digitalen Ausstattung der Schulen, als auch bei der digitalen Lehre und einer curricularen Verankerung von Themen der Digitalisierung“. Das betreffe auch Themen der KI. Ziel sei es deshalb, im Kern eine digitale Sensibilität und Kompetenz zu vermitteln und die Digitalisierung zum Querschnittsthema im Lehrplan machen.
Weitere Themen in dem Papier sind eine KI-Stärkung in der Wissenschaft, zum Beispiel durch den Auf- und Ausbau außeruniversitärer Forschungseinrichtung, die Förderung von Unternehmen mit KI-basierten Geschäftsmodellen und eine mögliche Einführung einer Datenethikkommission auch auf Landesebene.

Das „Working Paper“ ist eine Art Routenplan, um Künstliche Intelligenz in Niedersachsen zu etablieren. Der Weg wird allerdings lang und beschwerlich, darauf machte auch Professor Joachim Hertzberg aufmerksam: „Das wird ein Marathon. Wir müssen es langfristig aufbauen und die Kondition haben, es durchzuhalten.“
Von Martin Brüning


