Gastkommentar: Flüchtlinge in Niedersachsens Schulen – Herausforderung und Chance
von Kultusministerin Frauke Heiligenstadt
(rb) Wenn in Niedersachsen immer mehr Menschen Zuflucht vor Krieg, Terror oder Vertreibung suchen, kommen auch viele Kinder und Jugendliche zu uns. Sie willkommen zu heißen, stellt unsere Schulen vor eine große Herausforderung. Als Kultusministerin kann ich die Leistung der Schulen gar nicht hoch genug schätzen. Genauso wichtig ist es mir, auch auf die Chancen hinzuweisen, die mit den Neuankömmlingen in unseren Schulen verbunden sind. Das Land Niedersachsen investiert viel, um Flüchtlingskindern einen guten Bildungsstart zu ermöglichen. Ich bin davon überzeugt, dass diese Investition gut angelegt ist.
Unsere Schulen stellen derzeit unter Beweis, was sie von jeher auszeichnet: Tatkraft, Kreativität, pädagogisches Engagement und der Wille, Chancen durch Bildung zu ermöglichen. Es ist eine enorm anspruchsvolle Aufgabe, wenn plötzlich vier, fünf Kinder unangemeldet vor dem Schultor stehen, Unterlagen auf der Flucht verloren gegangen sind und die Kinder kein Deutsch können. Schulleitungen, Lehrkräfte und Eltern, Schulträger, Behörden und das Land – wir alle packen an, entwickeln Ideen und gehen Herausforderungen beherzt und mit großem Einsatz an. Ich erlebe täglich, wieviel unser Schulsystem angesichts dieser besonderen Situation leistet, und bin allen, die sich engagieren, sehr dankbar.
Unsere dringendste Aufgabe besteht darin, die Neuankömmlinge aufzunehmen und ihnen erste Deutschkenntnisse zu vermitteln. Hier geben wir den Schulen viele Hilfen an die Hand und haben die Finanzmittel allein in diesem Jahr um rund zehn Millionen Euro deutlich aufgestockt. In einem zweiten Schritt geht es darum, wie wir die Flüchtlingskinder am besten integrieren und ihnen gute Entwicklungschancen bieten. Denn viele von ihnen werden in Niedersachsen eine neue Heimat finden. Bei meinen Schulbesuchen erlebe ich höchst motivierte Kinder und Jugendliche mit Flüchtlingsgeschichte, die mit großer Freude und viel Fleiß lernen. Sie wollen ihre Chance auf ein gutes Leben nutzen, träumen davon, Arzt zu werden, Ingenieurin oder Rechtsanwältin. In anderen schlummern handwerkliche Talente oder aus ihnen werden später Fachkräfte, die in Niedersachsen so händeringend gesucht werden. So werden die individuellen Chancen für diese Kinder gleichzeitig auch zur Chance für unser Land. Damit es so kommt, müssen wir die Flüchtlingskinder genauso gut unterstützen wie alle anderen Kinder in Niedersachsen.
Schüler dürfen dabei nicht gegeneinander ausgespielt werden. Leiden die sogenannten Stammschülerinnen und -schüler darunter, wenn Flüchtlingskinder in unsere Schulklassen kommen? Diese Frage wird ab und an gestellt. Selbstverständlich nehme ich solche Sorgen sehr ernst. Die Antwort ist jedoch ein klares „Nein“. Jedes Kind verdient, gefördert und gefordert zu werden. Die Unterstützung, die wir den Schulen für die Bewältigung dieser Aufgabe zukommen lassen, sorgt dafür, dass Schülerinnen und Schüler, die Förderung bekommen, die sie benötigen. Von den vielen zusätzlichen Lehrkräften, der verstärkten schulischen Sozialarbeit oder den Lehrerfortbildungen profitieren nicht nur die, die jetzt zu uns kommen, sondern alle Schülerinnen und Schüler. Wir stärken die Schule damit und ermöglichen allen gute Bildungschancen. Ich wünsche mir, dass die geflüchteten Kinder und Jugendlichen als Gewinn empfunden werden: Sie machen unsere Schulen bunter, vielfältiger und geben allen die Chance zu erleben, wie bereichernd kulturelle Diversität sein kann.
Immer wieder erlebe ich, wie gut sich Schülerinnen und Schüler umeinander kümmern: Spendenaktionen werden gestartet, Patenschaften initiiert und neue Freundschaften geschlossen. Empathie, Hilfsbereitschaft, Verantwortung – der Zuzug der Flüchtlinge schenkt unseren Kindern die Möglichkeit, diese so wichtigen sozialen Kompetenzen im Umgang miteinander zu stärken. Sie bauen Berührungsängste ab und legen damit den Grundstein für Toleranz, Integration und ein friedliches Miteinander. Unsere Schulen sind ein zentraler Ort für eine erfolgreiche Integration. Wenn wir die Chancen hier ergreifen, wird es sich lohnen.Dieser Artikel erschien in Ausgabe #216.