
Joachim Gauck hat in Hannover wieder einmal bewiesen, dass er nicht der Typ für einen Ruhestand im Ohrensessel ist. Auch neun Jahre nach seinem Auszug aus dem Schloss Bellevue bleibt er die Stimme, die den Deutschen ihre eigene Stärke in Erinnerung ruft, wenn sie selbst mal wieder nur Probleme sehen. „Wir beschäftigen uns so oft damit, wie schlecht eigentlich alles ist, dass wir lieber in einer anderen Zeit leben möchten. Vor lauter Verzagtheit entdecken wir nicht mehr, was in uns steckt“, sagte das frühere Staatsoberhaupt beim 10. Jubiläum des Bündnisses „Niedersachsen packt an“ auf dem Messegelände. Vor rund 900 Gästen trat Gauck als Mahner gegen die nationale Neigung zur Verzagtheit auf. „Wir sind schnell in dem schönen Sound: Es ist alles beschissen. Kann man machen, das ist dann aber irgendwie entmächtigend.“
Das Problem ist für ihn dabei vor allem die Flucht aus der Eigenverantwortung. „Der Ohnmächtige hat einen Vorteil: Er ist nie an etwas schuld“, sagte der 86-Jährige. Doch wer diese Haltung wähle, schade sich damit vor allem selbst. „Menschen, die nicht die aktive Rolle eines Bürgers übernehmen, betrügen sich um ein nachhaltiges Glück. Die Eigenverantwortung ist etwas, das uns zu verändern vermag.“ Gauck beobachtet mit Sorge, dass sich in jeder Gesellschaft eine Gruppe finde, die lieber abwarte, zuschaue und mitlaufe, statt selbst aktiv zu werden. „Heute treten Kräfte auf, die so tun, als wäre diese liberale Demokratie ein Schaden und müsste durch autoritäres Regime ersetzt werden. Das macht mich mehr als betroffen.“
Gauck blickte auch über den Atlantik, um vor einer Entfremdung zwischen Bürgern und Eliten zu warnen. „Ein Teil der Gesellschaft fühlte sich als unterprivilegiert und die Progressiven haben sich nicht mehr um Themen gekümmert, die die Gesellschaft wirklich interessieren. Dann kam die Sehnsucht nach einem starken Mann auf", beschrieb er die Entwicklung in den USA, die zur Präsidentschaft von Donald Trump geführt habe. Ausgerechnet den Anführer der MAGA-Bewegung nimmt Gauck eher als "unamerikanisch" wahr. „Amerika hat eine große Rolle dabei gespielt, als es darum ging, dass wir die Herrschaft des Rechts wieder neu gelernt haben", erinnerte er. Die Regierung Trump jedoch zeichne sich durch eine „Verachtung von Normen und Institutionen sowie der Herrschaft des Rechts“ aus. Respekt vor Minderheitenrechten gehe „einem Typen wie Trump völlig ab“. Aber auch in vielen anderen Teilen der Welt und sogar bei unseren guten Freunden in Frankreich sieht er autoritäre Tendenzen auf dem Vormarsch. „Das alles darf uns nicht nur erschrecken, das muss uns aufwecken.“
Gegen den Wunsch nach einfachen Antworten setzte er ein leidenschaftliches Plädoyer für den mühsamen demokratischen Ausgleich: „Immer suchen wir nach der Ideallösung und finden nur Kompromisse. Aber diese Kompromisse können bei der nächsten Auseinandersetzung auch anders ausgehen. Das ist unser Ding.“ Dass viele Menschen den öffentlichen politischen Streit als Zeichen von Instabilität deuten, hält er für ein gefährliches Missverständnis. „Gefährdung der Demokratie ist dann, wenn nicht mehr öffentlich gestritten wird.“

Von den Deutschen forderte Gauck "eine neue Bereitschaft dafür, das, was kostbar ist, zu verteidigen". „Wir brauchen eine neue Ernsthaftigkeit. Wir müssen auch einkalkulieren, dass es nicht immer nur aufwärts geht mit dem Wohlstand.“ Gerade als Ostdeutscher könne er das Einknicken gegenüber Russland nicht nachvollziehen. „Die Ossis, die ich kenne, die wissen schon, was wir Moskau verdanken. Das ist ziemlich wenig. Wir verdanken ihnen die Befreiung aus dem Nationalsozialismus. Danach ging es von einer Unfreiheit in die andere." Die einzig richtige Antwort auf den „Kriegstreiber“ Wladimir Putin ist für Gauck die Wehrhaftigkeit. Aufrüstung werde Geld kosten, das an anderer Stelle fehlen werde. „Aber wollen wir zulassen, dass ein solcher Kriegsbrandstifter eine permanente Bedrohung darstellt? Wollen wir abwarten, ob es ein Aggressor vielleicht gut mit uns meint?"
Die Verteidigung der Freiheit gegen Feinde von außen und innen ist für Gauck nicht nur Aufgabe des Staates, sondern eines jeden einzelnen. „Das Prinzip ‚Ich bin verantwortlich‘ ist das, was unsere Demokratie rettet und bewahrt“, appellierte er. Er selbst habe 50 Jahre alt werden müssen, um zum ersten Mal in freien, gleichen und geheimen Wahlen die Menschen bestimmen zu dürfen, die regieren. Zuvor habe in der DDR nur „Zettel-Falten“ stattgefunden. Endlich selbst die Kraft bestimmen zu dürfen, die unseren Staat gestaltet, sei für ihn das größte Glück gewesen. "Das ist noch schöner, als in Schloss Bellevue zu sitzen.“
Für all jene, denen die hiesigen Verhältnisse nicht passen und die wie Sahra Wagenknecht einen „Verdruss an unserer Demokratie“ verspüren, hielt er ein letztes, unmissverständliches Argument bereit: „Ich lebe in einem Land, in dem mich keiner daran hindert, es zu verlassen, wenn ich das möchte.“ Wer unzufrieden sei, solle die Werkzeuge der Demokratie nutzen, statt sie zu verachten. Schließlich biete das System die ultimative Korrekturmöglichkeit: Wenn die gewählten Vertreter ihren Job nicht machen, könne man sie schlicht wieder abwählen. Sein Rat für den Umgang mit einer unvollkommenen politischen Auswahl blieb gewohnt pragmatisch: „Wenn Ihr nicht wisst, wer die Guten sind, dann wählt doch einfach die weniger Schlechten.“


