Habeck appelliert an Grüne: Wir dürfen Gegner nicht als moralisch widerwärtig bezeichnen
Der Bundesvorsitzende der Grünen, Robert Habeck, hat seine Partei in Niedersachsen zu mehr
Kompromissbereitschaft ermuntert. „Wir dürfen die Menschen nicht bevormunden oder so tun, als
würden wir mit einer moralisch überlegenen Haltung auf sie zugehen“, sagte der Grünen-Politiker
gestern nach einem Besuch bei der niedersächsischen Grünen-Landtagsfraktion in Hannover. Als Gast
der Klausurtagung der Landtagsfraktion habe Habeck einige neue Einsichten vermittelt, erklärte die
Grünen-Fraktionsvorsitzende Anja Piel in der anschließenden gemeinsamen Pressekonferenz. Dabei sei
es um ganz viele Fragen gegangen, um den Umgang mit der AfD ebenso wie um aktuelle Fragen des
Klimaschutzes und der Energiepolitik. Piel sagte, Habeck habe der Fraktion in Niedersachsen geraten,
das Thema VW-Dieselkrise „stärker und sichtbarer“ zu präsentieren. Die niedersächsischen Grünen
hätten hier, im Kernland von Volkswagen, „eine besondere Verantwortung“.
Zu Hinweisen, er habe intern das VW-Gesetz mit den Sonderregeln für die Staatsbeteiligung dieses
Unternehmens kritisiert, nahm Habeck in der anschließenden Pressekonferenz nicht Stellung. Piel
sagte, Habeck habe auf die besondere gesellschaftspolitische Verpflichtung der Landesregierung im
Zusammenhang mit Volkswagen hingewiesen. Wenn das Land schon zwei hochrangige Politiker in den
Aufsichtsrat des Unternehmens entsende, folge daraus auch die Aufgabe, in problematischen
Situationen wie dem aktuellen Diesel-Skandal für rückhaltlose Aufklärung und die Entschädigung der
Betroffenen einzutreten. Stattdessen würden die Aufsichtsratsmitglieder des Landes, Ministerpräsident
Stephan Weil und Wirtschaftsminister Bernd Althusmann, stets mit Hinweis auf das Aktienrecht
jegliche öffentliche Positionierung vermeiden. Die Grünen-Landtagsfraktion hat ebenfalls gestern einen
Entschließungsantrag vorgelegt, der die Unterstützung einer von den Autoherstellern finanzierten
Hardware-Nachrüstung manipulierter Dieselfahrzeuge fordert. Damit liegen die Grünen auf einer
Wellenlänge mit dem CDU-Landesverband Oldenburg, der beim jüngsten CDU-Landesparteitag für
einen ähnlichen Beschluss gestritten hatte. Habeck erklärte, die Bundes- und Landespolitik dürfe sich
bei dem Thema keinen schlanken Fuß machen und die Verantwortung auf Kommunen (etwa bei
Fahrverboten) abwälzen.
Deutlich appellierte Habeck an die Grünen, bei der Auseinandersetzung mit der AfD im Parlament
„nicht die Parteistrategie zum Maßstab zu erheben“. Die Grünen müssten relevanten Antworten auf die
Probleme in der Wirklichkeit geben und dürften realen Herausforderungen nicht ausweichen. So sei es
schon ein Fortschritt, dass die Partei die innere Sicherheit als Thema erkenne und nicht mehr nach der
Abschaffung des Verfassungsschutzes rufe, sondern für dessen Reform eintrete. Die politischen
Gegner dürften nicht als „moralisch widerwärtig diskreditiert“ werden, man müsse ihnen auch zuhören.
Die Grünen sollten mit Leidenschaft ihre Politik formulieren – aber „frei von Angsthaben und
Angstmachen“. Zur jüngsten hannoverschen Demonstration gegen das von der Großen Koalition
geplante Polizeigesetz, bei der Grünen-Funktionäre einen Plakat mit der Aufschrift „Freiheit statt
Polizeistaat“ hochgehalten hatten, rechtfertigte sich Piel. Sie meinte, das Verhalten sei im Einklang mit
den Maßstäben, die der Grünen-Bundesvorsitzende erläutert habe. Habeck habe ja in den inhaltlichen
Positionen auch „Kantigkeit“ verlangt – und diesem Rat seien die Grünen mit ihrem Verhalten bei der
Demonstration auch gerecht geworden.Dieser Artikel erschien in Ausgabe #164.