27. Okt. 2021 · 
Wirtschaft

Hannover-Messe will mit Zukunftsthemen wieder zu alter Größe zurückfinden

Ein halbes Jahr vor Veranstaltungsbeginn stehen die Schwerpunktthemen der nächsten Hannover-Messe fest. Die Industrieschau vom 25. bis 29. April 2022 soll – wenig überraschend – um Digitalisierung und Nachhaltigkeit kreisen.

Foto: Deutsche Messe AG

„Die Hannover-Messe mit einer Geschichte von 70 Jahren war immer ein Spiegelbild der Märkte. Und wir stehen vor der größten Transformation seit der Industrialisierung – hin zu einer ressourcenschonenden, klimaneutralen und nachhaltigen Produktion“, sagte Messe-Chef Jochen Köckler gestern bei einer digitalen Pressekonferenz. Die „weltweit wichtigste Industriemesse“ selbst soll aber erstmals seit 2019 wieder in Präsenz stattfinden. „Wir freuen uns riesig, dass wir endlich verlässlich Messe planen können“, sagte Köckler. Die 3G-Regelung mache dies möglich.

„Wir glauben daran, dass die Präsenzmesse sehr stark zurückkommt“, sagte Köckler. Der Vorstandsvorsitzende der Deutsche Messe AG setzt vor allem auf Besucher aus Deutschland und Europa. Aus den USA habe er auch schon viele positive Signale erhalten, dafür erwartet er aufgrund der Reiserestriktionen durch die Corona-Pandemie weniger Gäste aus China. Das ist auch der Grund, warum die Hannover-Messe 2022 in 17 Hallen stattfinden wird – zwei weniger als 2019. Siemens, SAP, Schaeffler, Fraunhofer, Nokia oder die Salzgitter AG sind nur einige der großen Ausstellernamen. Zudem wollen sich viele Newcomer präsentieren. „Der Startup-Bereich wird deutlich größer“, kündigte Köckler an. Die physische Messepräsenz stehe zwar im Fokus, es gebe aber auch virtuelle Präsentationsmöglichkeiten. „Ob das auf Dauer ein Beifang oder ein signifikanter Teil der Geschäftsanbahnung sein wird, das ist noch offen“, so der Messe-Chef. Partnerland der Hannover-Messe 2022 ist Portugal.

Quelle: Deutsche Messe AG

„Wir sind alle hungrig auf eine physische Messe. Wir wollen unsere Kunden wieder persönlich treffen“, bestätigte Gunther Kegel, der Vorsitzende des Ausstellerbeirats. Der Konzernchef des Elektronikherstellers Pepperl+Fuchs habe zwar viele Online-Messen erlebt. „Die ganz große Schwäche der digitalen Formate ist jedoch, dass Interaktion dort fast gar nicht stattfindet.“ Bei der Hannover-Messe 2022 soll der Austausch vor allem zu den vier Ds geschehen: Digitalisierung, Dekarbonisierung, Deglobalisierung und Demographie (Fachkräftemangel) sind die aus Kegels Sicht bestimmenden Themen der Industrie. Neben Cloud-Lösungen, Künstlicher Intelligenz und datengetriebenen Geschäftsmodellen liegt dem BDI-Vizepräsidenten dabei ganz besonders das Thema Energieeffizienz am Herzen. 

„Die Gleichung geht nicht auf, wenn wir unsere Wirtschaftsleistung reduzieren, sondern nur dann, wenn wir wachsen.“

Gunther Kegel, Vorsitzender des Ausstellerbeirats

„Zwischen dem, was wir an erneuerbarer Energie aufbauen können, und dem, was wir tatsächlich verbrauchen werden, klafft eine immense Lücke“, mahnte Kegel. Um die deutschen Klimaziele zu erreichen, müsse man das Thema Energieeffizienz in den Mittelpunkt rücken. Die Einsparpotenziale seien nämlich deutlich größer als die Ausbaumöglichkeiten. „Wie erreicht man diesen enormen Effizienzgewinn? Die Antwort ist einfach: Nur durch Innovation“, sagte der Unternehmer. Zudem betonte er, dass die Wirtschaft weiterhin zulegen müsse, um den Umbau auch bezahlen zu können. „Die Gleichung geht nicht auf, wenn wir unsere Wirtschaftsleistung reduzieren, sondern nur dann, wenn wir wachsen. Und dazu werden wir auf der Hannover Messe die passenden Konzepte zeigen“, versprach der Chef-Aussteller.

Ove Petersen, CEO von GP Joule, und Dr. Jochen Köckler, Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Messe AG | Foto: Christian Wilhelm Link

Norddeutsches Unternehmen GP Joule ist Gewinner der Energiewende

Ove Petersen, CEO von GP Joule, erinnerte sich an sein Hannover-Messe-Debüt vor acht Jahren in Halle 27. „Wir haben uns immer wie in einer Parallelwelt zur klassischen Industrie gefühlt“, meinte Petersen, dessen Unternehmen sich auf erneuerbare Energien und insbesondere Wasserstoff spezialisiert hat. Heute sei die Branche aber aus ihrem „Schattendasein“ herausgewachsen. „Mittlerweile merken wir, dass Industriepartner, die einen hohen Energiebedarf haben, auch auf uns zukommen.“ Das Unternehmen aus Schleswig-Holstein gehört schon jetzt zu den Gewinnern der Energiewende. „18 Prozent des Stroms kommt schon aus erneuerbaren Quellen. Wir haben noch einen Markt von 80 Prozent vor uns. Und es wäre vermessen zu sagen, dass wir das nur mit einer Energie schaffen“, sagte Petersen. Stromimporte aus dem Ausland hält er dabei für unnötig. „Haben wir genügend Strom? Wir haben auf jeden Fall genügend Fläche. Solar und Wind brauchen nur 2,5 Prozent der bundesweiten Fläche“, stellte er fest. Die Siedlungsfläche belegt derzeit 7 Prozent des deutschen Bodens.

Bei der Versorgung mit Wasserstoff ist Petersen ebenfalls optimistisch und sieht vor allem beim Einsatz in der Mobilität noch viel Potenzial. Schon 2022 werde die Stromproduktion aus grünem Wasserstoff auf 5 Euro pro Kilowattstunde fallen. „Dann haben wir eine ziemliche Parität zum Diesel- und Benzinpreis“, sagte Petersen und wagte die Prognose: „Wenn wir in fünf, sechs Jahren die Hochöfen so ausgebaut haben, dass sie Wasserstoff bei der Verkoksung von Stahl nutzen können, dann sind wir auch in der Lage den Wasserstoff für zwei, drei Euro das Kilo anzubieten.“ Um das Jahr 2030 herum könnte der grüne Wasserstoff laut Peterson sogar schon wirtschaftlicher sein als der nicht so umweltfreundliche graue Wasserstoff. Bei der Hannover-Messe 2022 werden Petersen & Co. im Bereich „Energy Solutions“ stehen. Mit der Sonderpräsentation „Hydrogen + Fuel Cells“ gibt es hier auch die größte Plattform in Europa zu Wasserstoff- und Brennstoffzellen. Allein auf diesen 5000 Quadratmetern Ausstellungsfläche werden mehr als 180 Aussteller aus 20 Ländern erwartet. Die anderen Ausstellungsbereiche heißen: Automation, Motion & Drives, Digital Ecosystems, Logistics, Engineered Parts & Solutions, Global Business & Markets und Future Hub.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #192.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link

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