16. Nov. 2020
Soziales

Hausärzte fordern mehr Vorgaben für Medizinerausbildung

Der Hausärztemangel vor allem in ländlichen Gegenden bewegt die Politik seit langem, über eine „Landarztquote“ wird seit Jahren diskutiert. Ein bestimmter Anteil der Medizinstudenten könnte verpflichtet werden, nach Abschluss des Studiums eine Stelle in einer ländlichen Gegend anzunehmen. Solche Überlegungen seien zwar sinnvoll, reichten aber nicht aus, meinte der niedersächsische Landesvorsitzende des Hausärzteverbandes, Matthias Berndt. In einer Veranstaltung mit CDU-Sozialpolitikern sagte er, die Abteilungen für Allgemeinmedizin in den medizinischen Hochschulen in Hannover, Göttingen und Oldenburg müssten personell deutlich verstärkt werden. Leider habe die Allgemeinmedizin in der Ärzteausbildung bisher kein großes Gewicht. „Dann darf man sich auch nicht wundern, dass die viele abgeschlossene Mediziner am Ende keine Stelle als Hausarzt haben wollen“, berichtete Berndt und fügte hinzu: „Wir haben nicht zu wenig Ärzte in Deutschland, wir haben aber zu wenig Hausärzte.“
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Die CDU-Sozialausschüsse hatten in ihrer jüngsten Versammlung im Juli gefordert, 25 Prozent der vom Land bereitgestellten Mittel für Forschung und Lehre an den medizinischen Fakultäten müssten in den Bereich der Allgemeinmedizin fließen. „Das ist ein Schritt, auf dem Weg der Ausbildung gegen den eklatanten Hausärztemangel anzugehen“, betonte Max Matthiesen, Landesvorsitzender der CDU-Sozialausschüsse. Berndt vom Hausärzteverband erläuterte, die Ungleichgewichte in der öffentlichen Wahrnehmung seien auch während der Corona-Krise deutlich zutage getreten. Die Masse derjenigen, die unter Corona-Symptomen leiden, seien in den Hausarztpraxen behandelt worden, nicht etwa in den Krankenhäusern. Wenn es um die Ausrüstung mit Schutzmaterial gehe, seien gerade die Praxen aber in der Anfangsphase der Pandemie nicht im gleichen Maße wie die Kliniken ausgestattet worden. Von den an den Hochschulen ausgebildeten Ärzten würden derzeit die Hälfte ins Krankenhaus gehen, die andere Hälfte teilten sich in Fachärzte und Hausärzte auf. Nur etwa jeder zehnte Student eines Jahrgangs schlage an der Uni schon das Gebiet „Allgemeinmedizin“ ein. Das liege auch daran, dass es etwa der MHH in Hannover nur einer von 150 Professoren dieses Thema als seinen Schwerpunkt habe. „Nach dem Selbstverständnis vieler medizinischer Fakultäten ist man nicht für die ärztliche Versorgung der Bevölkerung da, sondern für Forschung und Lehre. Das ist aber verkehrt“, sagt Berndt und appelliert an die Politiker: „Haben Sie Mut und binden Sie die Finanzierungszusagen an die Universitäten mit der Verpflichtung, konkrete Quoten der Hausarztausbildung zu erfüllen.“ Der Masterplan zur Stärkung der Allgemeinmedizin, den das Wissenschaftsministerium Anfang 2017 aufgestellt habe, sei leider immer noch nicht erfüllt.
Ein Viertel der Summe müsste in Gebäude für die Ausbildung der Allgemeinmediziner gesteckt werden.
Der Hausärzteverband setzt hohe Erwartungen auch in die rund 80 Millionen Euro, die jetzt zum Ausbau der medizinischen Ausbildung an der Uni in Oldenburg investiert werden, der „European Medical School“ (EMS). „Ein Viertel der Summe müsste in Gebäude für die Ausbildung der Allgemeinmediziner gesteckt werden“, sagt Berndt. Die Gefahr bestehe sonst, dass die Uni selbst mit dem Geld vor allem die Stärkung des Bereichs Herzoperationen vorantreibe. „Wir operieren jetzt schon mehr Herzkatheter als in allen anderen europäischen Ländern – wertvoller ist vielleicht die Ausbildung eines Hausarztes, der anschließend auf Norderney eingesetzt werden kann.“ Mark Barjenbruch von der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen sagte, im Jahr 2035 würden 1300 Hausärzte in Niedersachsen fehlen. Da die Ausbildung zwölf Jahre dauere, müsse man jetzt mit mehr Studienplatzangeboten starten. Die CDU-Landtagsabgeordnete Gudrun Pieper aus dem Heidekreis erklärte, dass in ihrer Region das Werben um neue Mediziner erfolgreich verlaufe. In den vergangenen acht Jahren habe man acht neue Hausärzte gewonnen – indem man frühzeitig Kontakt zu Medizinstudenten aufgenommen und diese dann langsam und mit finanzieller Hilfe an die Region herangeführt habe. Solche kommunalen Förderprogramme seien ganz wichtig.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #205.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter