16. Apr. 2024
Wirtschaft

Industrie wirbt für Tiefengeothermie, blauen Wasserstoff und CO2-Speicherung

Der Bundesverband Erdgas, Erdöl und Geoenergie (BVEG) fordert die unterirdische Speicherung von klimaschädlichem Kohlendioxid nicht nur in der Nordsee, sondern auch auf dem deutschen Festland. „Wir müssen den Industrien, bei denen Dekarbonisierung nicht ohne weiteres möglich ist, Lösungen anbieten“, sagte BVEG-Hauptgeschäftsführer Ludwig Möhring gestern bei der Jahrespressekonferenz seines Branchenverbands in Hannover. Die Einlagerung (CSS) und die industrielle Wiederverwertung (CCU) von Kohlendioxid würden vor allem für große CO2-Verursacher aus den Bereichen Chemie, Papier und Stahl eine vielversprechende Alternative zur technisch nur schwer umsetzbaren Dekarbonisierung darstellen. Zudem gebe es einige Wirtschaftssektoren, wie etwa die Herstellung von Kalk und Zement sowie die Müllverbrennung, in denen CO2-Emissionen grundsätzlich unvermeidbar sind. „Wir müssen die CO2-Ziele einhalten. Dabei tun wir so, als ob wir Optionen hätten, die wir nicht haben. Das CO2 muss raus aus der Atmosphäre“, sagte Möhring. Ähnlich hatte sich bereits Bundesumweltminister Robert Habeck (Grüne) bei der Vorstellung der Carbon-Management-Strategie der Bundesregierung Ende Februar geäußert. „Ohne CCS können wir unmöglich die Klimaziele erreichen“, hatte Habeck betont.

Ludwig Möhring im Gespräch mit Miriam Ahrens bei der BVEG-Jahrespressekonferenz in Hannover. | Quelle: Screenshot/Link

Möhring warnte davor, dass Deutschland bei der CO2-Speicherung den Anschluss verliert. „Deutschland tut gut daran, sich nicht allein in die Abhängigkeit von anderen Nordsee-Anrainerstaaten zu begeben“, sagte der BVEG-Hauptgeschäftsführer. Dänemark habe sich beim Thema „Carbon Capture and Storage“ (CSS) in den vergangenen Jahren „komplett neu erfunden“ und setze mittlerweile auch auf die kostengünstigere CO2-Speicherung an Land. Und auch die Niederlande seien der Bundesrepublik weit voraus: Im Hafengebiet von Rotterdam entsteht derzeit die größte CCS-Anlage Europas, mit deren Hilfe schädliche Treibhausgase in leeren Gasfeldern unter der Nordsee gespeichert werden sollen. Das 1,3 Milliarden Euro teure Projekt namens „Porthos“ werde die CO2-Emissionen der Niederlande ab 2026 jährlich um 2 Prozent reduzieren, verspricht der Projektträger. Auf dem deutschen Festland ist die CO2-Speicherung aktuell nur zu Testzwecken zulässig. Möhring hält einen Kurswechsel jedoch nicht für ausgeschlossen, das hätten nun die Bundesländer in der Hand. Kohlendioxid könne beispielsweise in alten Gaslagerstätten oder Aquiferen (Grundwasserleitern) eingelagert werden.

  • Potenzial der Tiefengeothermie nutzen: „Die Tiefengeothermie hat ein Riesenpotenzial. Der volkswirtschaftliche Nutzen dieser jederzeit verfügbaren erneuerbaren Technologie ist riesig“, sagte Möhring. Bislang komme sie bei der Fern- und Nahwärmeversorgung allerdings noch viel zu selten zum Einsatz. Auf die Frage, warum die Unternehmen nicht schon viel aktiver in diesem Segment unterwegs sind, antwortete der Branchenexperte: „Wer Tiefengeothermie-Projekte auf den Weg bringen will, braucht Partner, damit diese Technologie ortsnah vermarktet wird. Das ist etwas, was es den Öl- und Förderunternehmen nicht ganz so einfach macht.“ Zudem würden sich größere Erdwärme-Projekte derzeit in der Regel nur mit staatlicher Förderung rechnen.


  • Wasserstoff darf auch blau sein: Der Wasserstoff-Boom muss nach Ansicht der Erdgas-Industrie noch viel mehr Tempo aufnehmen. „Dabei brauchen wir auch ‚blauen‘ Wasserstoff, solange nicht ausreichend ‚grüner‘ Wasserstoff verfügbar ist“, sagte Möhring. „Blauer“ Wasserstoff wird zwar aus fossilem Erdgas hergestellt – anders jedoch als beim klimaschädlichen „grauen“ Wasserstoff wird das freigesetzte CO2 nicht in die Umwelt abgegeben, sondern gespeichert. Laut dem BVEG-Hauptgeschäftsführer ist es erst einmal wichtig, überhaupt einen versorgungssicheren und möglichst preiswerten Wasserstoff-Markt aufzubauen.


  • Niedersachsen könnte mehr Erdgas fördern: Die Erdgasförderung in Deutschland ist weiterhin rückläufig. 2023 wurde nur noch 4,3 Milliarden Kubikmeter Gas gefördert, was 5,7 Prozent des deutschen Bedarfs deckt. Fast 99 Prozent des deutschen Erdgases kommt aus Niedersachsen. Laut Möhring könne die Fördersumme problemlos um 10 bis 20 Prozent steigen, wenn dazu nur die nötigen Impulse aus der Politik kämen. Die Widerstände seien aber weiterhin groß. „In Deutschland wird nicht weniger Gas verbraucht, wenn in Deutschland kein Gas mehr gefördert wird“, stellte der BVEG-Hauptgeschäftsführer klar. Obwohl heimisches Erdgas eine um bis zu 30 Prozent bessere Klimabilanz habe, setzte man in der Bundesrepublik trotzdem lieber auf Flüssiggas (LNG) aus dem Ausland. Möhring: „Das wird einfach hingenommen – vermutlich weil diese Vorketten-Emissionen nicht in unserer CO2-Bilanz erscheinen.“
Dieser Artikel erschien am 17.4.2024 in Ausgabe #071.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link