13. Sept. 2017
Kommentar

Inklusion: Der Frust im Klassenzimmer

Darum geht es: Die Politik in Niedersachsen streitet im Wahlkampf um den richtigen Weg bei der Inklusion an Schulen. Die Opposition attackiert, die Landesregierung regelt nach. Ein Kommentar von Martin Brüning. Jetzt gibt es also das RZI. Die ersten Regionalen Zentren Inklusion (RZI) sollen die niedersächsischen Schulen in Sachen Inklusion beraten. Beispiel Osnabrück: Hier sind zwei RZI-Mitarbeiter für 150 Schulen zuständig. Geleitet wird das RZI von einem ehemaligen Leiter einer Förderschule. Für die regionalen Zentren werden also Mitarbeiter aus der Praxis in die Verwaltung versetzt – dabei wären praktische Unterstützer im Unterricht wichtiger denn je. Die Einrichtung der regionalen Zentren sind das Symptom einer Bildungspolitik, deren falsche Entscheidungen die Ursache für aktuelle Probleme sind. Ein Pilotprojekt ergibt noch keine gelungene Digitalisierung und ein RZI noch keine gelungene Inklusion. Manchmal kann man den Eindruck gewinnen, die jeweilige Schülergeneration sei auch eine Art Pilotprojekt der Politik. Wie schief das gehen kann, zeigt sich jetzt am politischen Streit um die Inklusion. https://soundcloud.com/user-385595761/stoppen-oder-fortsetzen-wie-geht-es-weiter-mit-der-inklusion-an-schulen Wer die aktuelle Situation verstehen will, der muss nur einmal mit Lehrern an allgemeinbildenden Schulen sprechen. In der Berufsgruppe gibt es eine große Bereitschaft, die Inklusion voranzubringen. Sie ist ein gutes und richtiges Ziel. Zugleich sind im Klassenzimmer die Mängel bei der Umsetzung der Inklusion Tag für Tag direkt erlebbar. Viele Lehrer wissen nicht mehr, wie sie mit der steigenden Zahl an Kindern mit Förderbedarf noch umgehen sollen und sind frustriert. Auf die Frage, auf welche Schule sie ein eigenes Kind mit Behinderung schicken würden, antworten nicht wenige: derzeit auf eine Förderschule.
Das Grundproblem an der Inklusion ist, dass die Kultusbürokratie einen Prozess in Gang gesetzt hat, der offenbar weder besonders gut durchdacht noch besonders gut kommuniziert worden ist.
In dieser Gemengelage findet eine politische Debatte statt, die manchmal etwas außer Rand und Band zu geraten droht. Man müsse die Diskussion entdramatisieren, hat Kultusministerin Frauke Heiligenstadt betont und zugleich CDU-Spitzenkandidat Bernd Althusmann vorgeworfen, mit dem Vorschlag eines Moratoriums das UN-Menschenrecht in Frage zu stellen. Das ist natürlich nicht so. Keine ernstzunehmende Partei in Niedersachsen stellt das UN-Menschenrecht in Frage. Und auch, wenn ein Moratorium noch nie eine sinnvolle Lösung gewesen ist, sollte es dennoch möglich sein, über die Inklusion und den Weg dahin politisch zu diskutieren. Das Grundproblem an der Inklusion ist, dass die Kultusbürokratie einen Prozess in Gang gesetzt hat, der offenbar weder besonders gut durchdacht noch besonders gut kommuniziert worden ist. Jetzt stecken die Schulen mitten im Prozess und es fehlt an allen Ecken und Enden Personal. Ministerpräsident Stephan Weil kündigte kürzlich auf dem SPD-Landesparteitag an, in den kommenden Jahren ein „System der helfenden Hände“ aufbauen zu wollen. Das ist lobenswert, aber viel zu spät. Richtig wäre es gewesen, zuerst ein System der helfenden Hände aufzubauen, um von Beginn an die Inklusion zu einem Erfolg zu führen. Die zusätzlichen 800 pädagogischen Fachkräfte und die Dienstvereinbarung mit Sonderpädagogen in inklusiven Schulen sind letzte panische Aktionen kurz vor der Wahl, nachdem man die Inklusion vor die Wand gefahren und dadurch sogar bei Gutmeinenden Zweifel genährt hat, ob das denn alles so richtig ist.
Was ist eigentlich an einer freien Entscheidung von Eltern, die sich für die Förderschule entscheiden, auszusetzen?
Die Regierungsparteien sind dabei wieder einmal über die eigene Ideologie gestolpert. „Wir machen das so, weil es nur so richtig ist und wer nicht für uns ist, der ist gegen uns und damit gegen die Inklusion“, war das Leitmotiv bei der Umsetzung. Aber was ist eigentlich an einer freien Entscheidung von Eltern, die sich für die Förderschule entscheiden, auszusetzen? Was ist dagegen zu sagen, den Prozess zeitlich an eine realistische Personalplanung in den Schulen anzupassen? Es ist nicht das primäre Problem, dass jetzt hektisch nachgearbeitet wird. Das Problem ist vielmehr, dass ein Jahr für einen Schüler eine andere Bedeutung hat als für einen Erwachsenen. Je länger die semi-professionelle Einführung der Inklusion andauert, desto stärker sind alle Schüler davon betroffen.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #160.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning