30. Nov. 2017
Kommentar

Internetkriminalität muss gezielt angegangen werden

Darum geht es: Innenminister Boris Pistorius hat gestern vor dem Innenausschuss betont, wie wichtig die Bekämpfung der Cyberkriminalität ist. In der anschließenden Vorstellung seiner Vorhaben für die kommenden Jahre spricht er jedoch nur vom Schutz der Behörden vor Hackerangriffen. Dazu ein Kommentar von Isabel Christian.   Das Internet hält viel Wissen bereit. Wie man das perfekte Steak brät, wie man ein Katzenhaus aus alten Shirts bastelt und wie man Kundenkonten bei Onlineshops knackt. Dank der Videoplattform Youtube muss man kein IT-Experte mehr sein, um einen Computer zu hacken und sensible Daten abzufangen. Ob Passwörter knacken, Kreditkarten fälschen oder Personen über deren Handykamera ausspionieren – zwei Klicks genügen, und eine Vielzahl von Videoanleitungen steht zur Auswahl. Die deutsche Politik kann wenig bis gar nichts gegen diese Webseminare tun, Youtube gehört dem Google-Konzern und ist rechtlich an die Gesetze der USA gebunden. Und wie sich in den letzten Jahren oft gezeigt hat, folgen Großkonzerne wie Google gern ihren eigenen Gesetzen, wenn es um ihre Inhalte geht. Die Auswirkungen der Lehrvideos für kriminelle Karrieren bekommt man in Deutschland sehr wohl zu spüren. Die Politik muss deshalb noch mehr in die Bekämpfung von Cyberkriminalität investieren. Fragt man Experten bei der Polizei, so ist die Zahl der Onlinebetrugsfälle in den vergangenen fünf Jahren deutlich gestiegen. Dazu kommt die immer stärkere Vernetzung der Täter. Hatten es die Beamten früher oft mit Einzeltätern zu tun, die vom heimischen Computer aus mit gefälschter Identität auf Shoppingtour im Internet gehen, so sind es heute vor allem Banden, die größtmögliches Kapital aus ihren Taten schlagen wollen. Und dann gibt es da noch das Darknet, den verborgenen Teil des Internets. Hier werden Waffen zum Kauf angeboten, Kinderpornografie frei zugänglich gemacht und massenhaft Daten über ahnungslose Internetnutzer versteigert. Wer hier unterwegs ist, der will nicht aufgespürt werden und hat deswegen so manche Vorkehrung getroffen. Angesichts dieses riesigen, nahezu rechts- und kontrollfreien Raums, der sich über Jahrzehnte im Internet etabliert hat, mag man resignieren. Wie soll die Polizei, an Recht und Gesetz gebunden, bei der Vielfalt an virtuellen Verschleierungsmöglichkeiten Täter ausfindig machen und sie auch noch für ihre Taten zur Verantwortung ziehen? Dass das möglich und gar nicht selten ist, zeigen immer wieder die Erfolge, die die mit der Bekämpfung von Cyberkriminalität befassten Polizisten vorweisen können. Doch bislang fehlen hier eine einheitliche Struktur und ein Konzept. Da hat eine Polizeiinspektion mal drei Cybercrime-Experten, die andere fünf. Da hat eine einen Informatiker, die andere muss ohne auskommen. Da sind die einen nur Onlinebetrügern auf der Spur, die anderen helfen dagegen noch bei der Auswertung von Computermaterial im Fall eines Kollegen. Ganz zu schweigen von der variierenden technischen Ausstattung. Pistorius hat schon erste Schritte getan, um die Polizei in Sachen Bekämpfung der Internetkriminalität schlagkräftiger zu machen. Das Innenministerium hat 100 Stellen für Informatiker ausgeschrieben und das Landeskriminalamt mit mehr Beamten bestückt, von denen einige auch Cyberkriminalität bearbeiten sollen. Der nächste Schritt muss jetzt sein, die Cyberkriminalität nicht mehr als Phänomen des Betrugs anzusehen, sondern als eigenen Kriminalitätsbereich. Statt Beauftragten muss es in den Polizeiinspektionen Abteilungen oder sogar Fachkommissariate für Cybercrime geben. Diese müssen überall gleich aufgebaut sein und den gleichen Aufgabenbereich haben. Sie brauchen eine bessere technische Ausstattung, mehr Personal und mindestens einen Informatiker. Um diese zu gewinnen, müssen die Vorteile einer Tätigkeit bei der Polizei stärker betont und auch belohnt werden, denn sonst werden Kandidaten fast immer der Wirtschaft den Vorzug geben; des Geldes wegen. Das Innenministerium muss viel aktiver bei der Aufrüstung der Polizei gegen Cyberkriminalität werden, und das nicht auf fünf Jahre verteilt. Denn das Internet entwickelt sich im Vergleich zum Gesetzgebungsprozess nahezu mit Lichtgeschwindigkeit.   Mail an die Autorin dieses Kommentars  
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #214.
Klaus Wallbaum
AutorKlaus Wallbaum