Bis heute lastet die Episode auf der SPD
Wenige Tage vor dem 15. Januar 1919 hatte der Spartakusaufstand geendet – der Kampf darum, ob die Revolution fortgesetzt oder ein Übergang in befriedete Verhältnisse geebnet werden sollte. Im Bündnis mit der Obersten Heeresleitung hatte Ebert entschieden, die revolutionären Umtriebe in Berlin und anderen Städten zu beenden, auch mit Gewalt. Die rechte Hand von Ebert war seinerzeit der spätere Reichswehrminister Gustav Noske, der als „Bluthund“ und „Arbeitermörder“ in die Geschichte eingehen sollte. Bis heute lastet diese Episode auf der SPD. Haben die Kräfte um Ebert und Noske die Einheit der Linken aufs Spiel gesetzt und sich den reaktionären Kräften, unter anderem in der Reichswehr, als Erfüllungsgehilfen angedient? Konkret zu Noske gefragt: Trägt er persönliche Mitschuld an der Ermordung von Luxemburg und Liebknecht – und wie soll man damit umgehen?
Habeck nennt Noske eine „tragische Figur“, die als Vertreter der Erneuerung gestartet sei, dann aber die Aufrechterhaltung der Ordnung über das Auswechseln der Eliten gestellt habe.
In der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ erschien vor wenigen Tagen ein Artikel, in dem ein Zitat des Hauptmanns Waldemar Pabst aus den sechziger Jahren wiedergegeben wurde. Pabst hatte die Ermordung der beiden Kommunistenführer angeordnet, und aus seinen Einlassungen 50 Jahre nach der Tat geht hervor, dass er das seinerzeit angeblich nicht ohne Zustimmung oder gar Anweisung von Noske getan hatte. Mussten die beiden Politiker sterben, weil Noske dazu sein Einverständnis gegeben hatte – oder gar den Befehl? Später schrieb Noske in seinen Erinnerungen, Liebknecht und Luxemburg seien verantwortlich gewesen dafür, dass die Unruhen im Winter 1918/1919 in einen „Bürgerkrieg“ ausgeartet wäre. Beschreibt er nun die Zustände oder liefert der Sozialdemokrat die Rechtfertigung für sein damaliges Handeln? Die Frage teilt die Historiker, sie dürfte rückblickend wohl auch nur schwer zu beantworten sein. Womöglich hat Pabst auch eigenmächtig agiert, Noske dann aber vorgeschoben, um sich selbst zu entlasten.Noske, gelernter Journalist und SPD-Reichstagsabgeordneter seit 1906, war ein Vertreter des rechten Flügels der Partei. Ein Jahr nach der Niederschlagung der Unruhen im Januar 1919 löste die Regierung die Freikorps auf, deren Anhänger weigerten sich und wagten einen Putsch, der dann durch den Generalstreik niedergerungen wurde. Der Kapp-Putsch wirkte so, als hätten sich diejenigen, auf die Ebert und Noske zunächst gebaut hatten und die sie wieder erstarken lassen hatten, gegen die Republik und ihre Repräsentanten gewandt. Nach Ende des Kapp-Putsches löste Ebert Noske ab und versetzte ihn auf die Stelle des Oberpräsidenten von Hannover. Noskes Versuche, in der SPD wieder Fuß zu fassen, wurden fortan von maßgeblichen Personen der Partei blockiert – zuletzt 1945, als Kurt Schumacher ihm signalisiert haben soll, er solle bei Neuaufbau der SPD keine Rolle mehr spielen.Nun werden mehrere Grundfragen berührt. War es etwa ein Fehler, dass die SPD mit Ebert an der Spitze nach der Novemberrevolution konsequent dafür eintrat, den Wechsel des Systems rasch abzuschließen und damit eine Entwicklung wie in der Sowjetunion zu verhindern? Viele, die über Noske als „Arbeitermörder“ lästern und den Begriff Mörder mit Bezug auf Liebknecht und Luxemburg ganz direkt meinen, drücken damit insgeheim ihr Mitgefühl für die von der SPD damals unterdrückte Umsturzbewegung aus. Viele von ihnen blenden dabei die Gewaltbereitschaft, die vor allem auch von Liebknecht und Luxemburg in ihrer Spätphase ausging, allerdings weitgehend aus. Interessant ist die Position des Vorsitzenden der Grünen, Robert Habeck, der neben dem Beruf des Politikers auch den des Schriftstellers innehat. Habeck hat sich schon vor längerer Zeit intensiv mit der Revolution von 1918 beschäftigt – und er findet zu Noske eine sehr differenzierte Beurteilung, nennt ihn eine „tragische Figur“, die als Vertreter der Erneuerung gestartet sei, dann aber die Aufrechterhaltung der Ordnung über das Auswechseln der Eliten gestellt habe. In einem Interview sagte Habeck kürzlich, Noske habe die Wahl „zwischen schlecht und vielleicht schlechter“ gehabt – da habe er keine gute Entscheidung mehr treffen können.Obwohl Noske in der letzten Phase seines Wirkens – zwischen Amtsantritt als Oberpräsident der preußischen Provinz 1920 und seinem Tod 1946 – der Stadt Hannover eng verbunden war, ja einer ihrer bekanntesten Einwohner war, erinnert heute in der Stadt kaum noch etwas an ihn. Sein damaliger Dienstsitz in der Lüerstraße wird heute noch als Gästehaus der Landesregierung genutzt, hier tagt regelmäßig die Landesregierung während ihrer wöchentlichen Sitzungen. Die Initialen „OP“ sind auf Besteck und Geschirr hin und wieder noch abgebildet – das steht für „Oberpräsident“, also die Amtsbezeichnung Noskes. So lebt der umstrittene Politiker noch mehr als 70 Jahre nach seinem Tod an seiner alten Wirkungsstätte irgendwie weiter. Aufgearbeitet ist seine historische Rolle bis heute nicht. (kw) 

