Das Nebeneinander von zu vielen und zu kleinen Standorten in räumlicher Nähe hat sich in Zeiten hochspezialisierter medizinischer Behandlungsmöglichkeiten und bei wachsendem Fachkräftebedarf überlebt.
Die Weil-Äußerung greift ein Thema auf, das seit Monaten in der Enquetekommission des Landtags diskutiert wird. Damit greift der Regierungschef indirekt in diese Debatten des Parlamentsgremiums ein – was von einigen nun als ein Abbremsen der Reformbemühungen gewertet werden könnte. Niemann allerdings gibt dazu eine abgewogene Stellungnahme ab. Die Menschen, sagt er, erwarteten gerade im Notfall und bei schwerer Erkrankung eine medizinisch bestmögliche Versorgung. Dazu müssten Kliniken personell und technisch adäquat ausgestattet sein, was heute aber nach wissenschaftlicher Einschätzung oft nicht mehr der Fall sei. Daher kommt der VdEK-Leiter zu folgendem Schluss: „Kleine Krankenhäuser in einer Größenordnung von 100 bis 150 Betten können dauerhaft weder eine fachärztliche Rund-um-die-Uhr-Versorgung sicherstellen, noch die erforderlichen medizinisch-technischen Geräte vorhalten.“ Versorgungsangebote müssten also gebündelt werden – allerdings „nicht durch überzogene Zentralisierung“.
In der Enquetekommission hatten sich mehrere Experten ähnlich eingelassen. Sie meinten, nur in Kliniken, die eine gewisse Routine in schwierigen Behandlungen haben, seien die Patienten auch gut aufgehoben. Was tatsächlich in dünnbesiedelten Gegenden auf kurze Distanz schnell für jedermann erreichbar sein müsse, sei eine wohnortnahe ärztliche Versorgung – mit Facharztzentren und Notfallversorgung. Für die Krankenhäuser im herkömmlichen Sinn gelte das aber gerade nicht, denn bei Operationen komme es darauf an, dass geschultes und erfahrenes Fachpersonal die Patienten betreut. Gerade gestern erst hatte die Krankenhausgesellschaft mitgeteilt, dass der Fachkräftemangel in den 172 niedersächsischen Krankenhäusern derzeit als „das größte Problem“ angesehen wird.
Zwar hatte Weil in seinem Interview auch hinzugefügt: „Das bedeutet nicht, dass jeder Standort automatisch ein optimaler ist.“ Er hatte zudem erwähnt, dass das Land die Sanierung von Kliniken nur unterstütze, wenn dem ein vernünftiges Konzept zugrunde liege. In der Enquetekommission hatte der niederländische Gesundheitsexperte Alex Friedrich aus Groningen erklärt, in Deutschland gebe es die meisten Klinikbetten je Einwohner. Das holländische Modell, das stärker auf den Hausarzt als Lotsen durch das Gesundheitssystem setze, sei sinnvoller. Der Berliner Medizin-Experte Reinhard Busse hatte im April vergangenen Jahres gegenüber dem Ersatzkassenforum die These gewagt: Je kleiner ein Krankenhaus sei, desto größer sei die Gefahr, dass ein Patient versterbe. Gerade gelte das für Herzpatienten, weil nämlich viele kleine Krankenhäuser gar nicht die technische Ausstattung hätten, die heute nötig sei – abgesehen von der geringen Erfahrung der Ärzte. Busses Einschätzungen gipfelten in der Aussage: „Unsere Krankenhausplanung geschieht primär zum Schutze der Krankenhäuser und nicht zum Schutze der Patienten.“

