26. Okt. 2015
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Kommentar: Angie ante portas

(rb) Sie ist einfach anders als ihre männlichen Mitbewerber. Sie drängt sich nicht nach vorn, weil sie es nicht nötig hat. Sie regt sich nicht auf, weil sie genau weiß, dass nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Sie muss nicht nach der neuesten Mode gekleidet sein, weil dieses Attribut weiblicher Koketterie nicht der Maßstab ist, an welchem sie sich und ihre politische Leistung zu messen gedenkt, und sie biedert sich nicht bei den Medien an. Sie weiß sehr genau, dass auf Dauer eine hinreichende Distanz zu Journalisten eher Vor- als Nachteile bewirkt. Die einstige Frauen- und Umweltministerin im Kabinett Kohl ist sich sehr bewusst, mit wem sie es zu tun hat. Ein protestantisch ausgerichtetes Elternhaus, die DDR-Erfahrung des Eingesperrtseins, Wessis mit ihren Überlegenheitsattitüden, einen Kanzler der Einheit, der seine Partei um ein Haar zertrümmert zurückgelassen hätte – alles dies hat sie im Gepäck ihrer Erfahrungen. Und diese schützen sie vor Populismus, Anbiederei und orientierungsloser Hektik. Die Deutschen haben mit ihr ein Kontrastprogramm erlebt. Erst Gerhard Schröder, genauso eloquent wie zuweilen grundsatzlos, dann ab 2005 das bieder wirkende Mädchen aus dem Osten. Der Antagonismus dieses ungleichen Paares flatterte den Deutschen sicht- und hörbar für alle sogar ins heimische Wohnzimmer. Die Elefantenrunde am Wahlabend des 18. September 2005 offenbarte die Unterschiede. Ein außer Kontrolle geratener Noch-Kanzler, der prophezeite, dass er im Amt bleiben werde, und eine Noch-Oppositionsführerin, die irritiert über die Wirrnis ihres Kontrahenten gleichwohl ruhig blieb. Am Ende sollte sie Recht behalten: Der SPD war schließlich der Regierungsrock näher als die Oppositionshose, und mit den Stimmen der Genossen wurde sie ins Amt der Kanzlerin befördert, in welchem sie sich noch heute befindet. Dass es den Deutschen noch nie so gut ging wie in der Zeit ihrer Kanzlerschaft ist nicht nur, aber auch ihrer Politik geschuldet. Und dass sie die SPD hin und wieder benutzte, um eigene politische Ziele zu verwirklichen, die sie auf der Basis einer CDU/CSU Alleinregierung nie hätte realisieren können, ist eher wahrscheinlich. Den Vorwurf einer Sozialdemokratisierung der Union lässt sie in diesem Zusammenhang abtropfen. Die einstige Physikerin ist zu rational, als dass eine krampfhafte politische Abstandswahrung zu den Sozialdemokraten die Grundlage ihres Handelns bestimmen könnte. Und so orientiert sie ihre frauen- und familienpolitischen Vorstellungen weniger an der katholischen Kirche als an den realen Lebensumständen der heutigen Zeit. Beobachter mochten es kaum glauben: Der Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2010 folgte ein Jahr später der Merkel’sche Handkantenschlag der dauerhaften Abschaltung der Atommeiler. Es war zugleich der Bankrott eifriger und über Jahre erfolgreicher Lobbyisten. Sie murrten kräftig und zogen an allen Strippen, aber das Kanzleramt erwies sich als uneinnehmbare Festung. Revolution in der CDU? Fehlanzeige! Die Parteivorsitzende hatte die strukturell eher konservative Union im Handstreich nachhaltiger neu ausgerichtet, als dies alle Parteitage der Nachkriegszeit vermochten. Und nun die Flüchtlinge. Zum ersten Mal ließ sich Angela Merkel ihre menschliche Betroffenheit anmerken. Das Leiden der Kinder und Frauen konnte sie nicht einfach abschütten. Ein Fehler? Nein, im Gegenteil. Die „coole Angie“ zeigte, dass sie auch Herz hat. Und ganz nebenbei hat sie, trotz aller unbestreitbaren Probleme, die sich aus diesem gigantischen Menschenstrom ergeben, der Welt gezeigt, dass die Deutschen nach dem Holocaust nicht nur Wirtschaft, sondern auch Menschlichkeit können und dass das „C“ im Namen ihrer Partei trotz Seehofer nicht nur eine historische Reminiszenz ist. gl
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #196.
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