(rb) „Die CDU verfügt über eine ganze Reihe herausragender Persönlichkeiten, die in der Lage sind, das Land als Ministerpräsident zu führen.“ Das ist seit geraumer Zeit ein Lieblingsmantra beim Führungspersonal der niedersächsischen CDU, kürzlich erst wieder von Generalsekretär Ulf Thiele in den Block von Journalisten diktiert. Thiele schiebt dann auch gern mal ein „jeder von ihnen kann das besser als der jetzige Ministerpräsident“ hinterher. Dass sich Personalfragen zurzeit nicht stellen und erst nach der Kommunalwahl 2016 beantwortet werden können und sollen, glaubt aber ernsthaft niemand.
In Wahrheit wird in der CDU seit geraumer Zeit über nichts anderes geredet. In jedem Zirkel und jeder Gesprächsrunde – manche reden schon von Unterstützerkreisen für den einen oder anderen Kandidaten, geht es ausschließlich um Personalfragen. Ganz besonders um die eine: Wer soll „es“ machen? Auch wenn es noch zwei Jahre hin ist bis zu Landtagswahl – oder vielmehr, weil es nur noch zwei Jahre sind –, ist die Diskussion wahrlich keine zur Unzeit. Dass etwa Landtagspräsident Bernd Busemann Ambitionen hat, oder auch nicht, hat bereits dazu geführt, dass interessierte Kreise ihm „am Zeuge flicken“ wollen. Die Skandalisierung der Sanierung seiner denkmalgeschützten Villa auf Borkum gilt manchem Christdemokraten zu diesem Zeitpunkt alles andere als ein Zufall.
Wie die Interessen tatsächlich verteilt sind, ist bislang schwer zu sagen. Der zeitweise als Favorit gehandelte Bundespolitiker Enak Ferlemann ist aber offenbar aus dem Rennen. Generalsekretär Thiele selbst gibt sich bescheiden, hat aber auch seine Fans. Und nicht zuletzt ist da der Vorsitzende der Landtagsfraktion, Björn Thümler, der als erster für eine mögliche Kandidatur den Finger gehoben hatte, mittlerweile aber nicht mehr den unbedingten Willen erkennen lässt, dieses Amt wirklich anzustreben, sondern offenbar einem anderen den Vortritt lassen will, hinter dem sich inzwischen eine unübersehbare Mehrheit versammelt hat: dem derzeit noch im fernen Afrika weilenden Kultusminister a.D. Bernd Althusmann, der immer häufiger in Niedersachsen gesichtet wird.
Gesucht wird zunächst ein Nachfolger für Landesparteichef David McAllister, der dieses Amt im nächsten Jahr abgeben wird und sich von dem Geschehen in Niedersachsen immer weiter entfernt hat. Und gesucht wird eine Persönlichkeit, die dem nach fast dreijähriger Amtszeit durchaus angesehenen Ministerpräsidenten Stephan Weil die Stirn bieten und von einer zweiten Amtszeit abhalten könnte. Beides sieht derzeit eine große Zahl von CDU-Mitgliedern und -Anhängern in der Person des Lüneburger Christdemokraten Althusman vereint. Und es spricht auch viel dafür, dass er das Zeug dazu hätte. Er selbst hält sich sehr zurück und hat seine Entscheidung zur Rückkehr in die Landespolitik, auf welchem Weg auch immer, noch nicht wirklich getroffen. Tatsächlich sind es ja nicht nur offene Arme, die ihn hier empfangen würden. Nach der Devise „Weggegangen – Platz vergangen“ war bereits die frühere Sozialministerin Aygül Özkan aus der CDU-Fraktion regelrecht weggemobbt worden, der die verlorene Landtagswahl 2013 ebenso wenig anzulasten ist wie Althusmann, wenn sich die Wahlniederlage überhaupt an einer Person festmachen lässt. Einige fürchten auch die Veränderungen, die eine komplett neue Führung mit sich bringen könnte, nachdem man sich in den vergangenen fast drei Jahren so gemütlich in der Opposition eingerichtet hat.
So oder so dürfte es schwer sein, das Thema Spitzenkandidatur in der CDU wie geplant bis zur Kommunalwahl 2016 unter der Decke zu halten. Da helfen auch die schönsten Zeitpläne nicht. Es geht ja nicht nur um diese eine Position. Es gilt, eine Spitzenmannschaft zusammenzubringen, die in Teilen erst einmal aufgebaut werden muss, und das braucht Zeit und kann nicht hinter verschlossenen Türen passieren. Und es wäre keine gute Idee, sich darauf zu verlassen, dass sich die Sozialdemokraten noch weiter zerstreiten werden, als dies das Wahlergebnis für Parteichef Sigmar Gabriel beim Bundesparteitag signalisiert. Die Wählerschaft mag zwar keine zerstrittenen Parteien, aber auch keine solchen, bei denen man nicht genau weiß, wofür sie stehen – und sie ist unberechenbarer denn je. azDieser Artikel erschien in Ausgabe #231.