Zwei von drei Chefposten in Deutschland werden von Männern besetzt. 64,38 Prozent der Abgeordneten im niedersächsischen Landtag sind männlich. In der niedersächsischen Justiz werden sieben von zehn Führungsämtern von Männern bekleidet. Doch von einer Veranstaltung sind die Männer weitgehend ausgeschlossen: bei der jährlichen Feier der niedersächsischen Landtagspräsidentin zum Internationalen Frauentag. Eine der wenigen Ausnahmen ist Andreas Philippi, der dieses Jahr in seiner Rolle als Gleichstellungsminister eingeladen wurde und eine Rede zu Beginn der Veranstaltung halten soll.

Ob er zur Podiumsdiskussion dann den Raum verlassen muss, wenn es um Themen wie „gleichberechtigte Teilhabe an politischen Entscheidungsprozessen“ gehen soll, ist der Redaktion nicht bekannt. Wohl nicht, aber weiß man es so genau? Seit Jahren sitzen auffällig wenig Männer bei Feiern anlässlich des Frauentages im Landtag. Einen Mann auf den Veranstaltungsfotos der vergangenen Jahre zu finden, gleicht dem Suchspiel „Findet Waldo“. Dabei sollten doch gerade sie bei Diskussionsrunden zum Thema Gleichstellung in vorderster Reihe mit gespitzten Ohren und Bleistiften sitzen und sich eifrig Notizen machen. Wollen so wenige Männer kommen? Oder wurden sie nicht eingeladen? Vermutlich werden Frauen gezielt eingeladen, Männer hingegen nicht. Ist das noch zeitgemäß?
„Männer, Adressat all des Ärgers, sind gar nicht eingeladen, um sich die Beschwerde anzuhören.“
Am 19. März 1911 wurde in Deutschland erstmals der Internationale Frauentag gefeiert. Damals mit dem primären Ziel, das Wahlrecht für Frauen zu erkämpfen. Rechtlich sind Mann und Frau mittlerweile in Deutschland gleichgestellt, doch im Vergleich mit den europäischen Nachbarn ist die Bundesrepublik noch in vielfacher Hinsicht Schlusslicht bei der Gleichstellung: beim Gender-Pay-Gap, beim Frauenanteil in Führungspositionen oder in der Politik.
Bei wem die Problematik bereits bekannt ist? Bei den Gästen im Landtag. Hier treffen sich Gleichgesinnte, vereint in dem Wunsch nach mehr Gleichstellung in der Gesellschaft und in ihrem Ärger und Frust über patriarchale Strukturen. Sie setzen sich seit Jahren für Paritätsgesetze und Gleichstellung ein, aber stoßen immer wieder an Grenzen. Und die Gatekeeper sind die Männer. Sie sind der Adressat all des Ärgers, sind aber gar nicht eingeladen, um sich die Beschwerde anzuhören. Stattdessen entsteht eine Spaltung destruktiver Natur: Wir eingeweihten Frauen drinnen und die veränderungsresistenten Männer da draußen.
Die Männer, die in Schlüsselrollen dafür verantwortlich sind, dass sich nichts verändert: beim Umgang mit Kinderbetreuung, bei der Pflege von alten oder kranken Angehörigen oder bei der Gestaltung des Arbeitsumfeldes. Die Männer, die gerade munter die Karriereleiter hochspringen und sich so gar nicht für uns interessieren, während wir Frauen uns über sie ärgern und nur reden. Wenn etwas frustrierend ist, dann das. Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir Mädchen in der Grundschule Waffeln gebacken und die Funktionsweise eines Tampons erklärt bekommen haben, während die Jungen draußen einen Ofen auf dem Schulhof bauen durften, der immer noch da steht. Wir Frauen würden auch lieber am Internationalen Frauentag gemeinsam feiern und lachen, anstatt darüber zu reden, wo überall noch Handlungsbedarf ist. Frustration kann sich nur durch Handlung auflösen. Und sei es, diejenigen mit meinen Vorwürfen zu konfrontieren, die maßgeblich für die Situation verantwortlich sind.
„Gleichstellung ist zu wichtig, als dass sie im Landtag nur einmal pro Jahr prominent ins Zentrum gerückt wird.“
Das Hauptproblem: Am Ende der Veranstaltung kann gar das Gefühl entstehen, so richtig etwas geschafft und es den Männern gezeigt zu haben. Dabei hat man sämtliche Schmutzwäsche nur unter einer Tagesdecke versteckt, anstatt sie in die Textilreinigung zu bringen. Man hat sich zu viel Luft gemacht und keine Energie mehr übrig, tatsächlich noch etwas zu verändern. Zu oft wird dann vergessen: Gleichberechtigung, das hat auch die Männer zu interessieren. Nur gemeinsam als Gesellschaft können wir einen Wandel herbeiführen. Vielleicht auch mit einer Frauenquote. Aber auch die muss von der Mehrheit der Politik, und somit auch von den Männern, getragen werden. Deshalb sollten wir Frauen uns nicht scheuen, darüber mit den Vertretern des anderen Geschlechts zu diskutieren. Mehrfach, wenn nötig auch konfrontativ.
Verstehen Sie mich nicht falsch: Die Feierlichkeiten im niedersächsischen Landtag sind jedes Jahr aufs Neue inspirierend. Kluge, engagierte, talentierte Frauen treffen aufeinander, tauschen sich über ihre Erfahrungen aus, solidarisieren sich. Das ist Female Empowerment. Warum sollte man dieses Gefühl nicht mit mehr Sensibilisierung, einem Aha-Erlebnis für zumindest einige Männer verbinden? Wenn Sie mich fragen, könnte die Veranstaltung so aussehen: Der erste Teil gehört ganz uns Frauen. Wir können uns ungestört untereinander austauschen und vernetzen. Zur anschließenden Podiumsdiskussion kommen dann die Männer dazu, sodass sie ebenfalls vom Wissensschatz der geladenen Gäste profitieren und sich auch nach der Diskussionsrunde weiter austauschen können.

Bisher gibt es keine vergleichbare Veranstaltung mit ähnlicher Strahlkraft. Den Internationalen Frauentag sollte man daher als Label nutzen. Wer möchte sich schon gerne rechtfertigen, warum er an diesem wichtigen Tag nicht einer Einladung in den Landtag gefolgt ist? Wenn man trotzdem traditionell bleiben und am Internationalen Frauentag weiterhin hauptsächlich Frauen in den Landtag einladen möchte, warum dann nicht zumindest ein paar Tage später ein ähnliches Programm mit gemischtem Publikum machen? Gleichstellung ist zu wichtig, als dass sie im Landtag nur einmal pro Jahr prominent ins Zentrum gerückt wird.


