(rb) Die wachsende Wolfspopulation in Niedersachsen stellt nicht nur Waldliebhaber und Weidetierhalter vor zunehmende Probleme, sondern auch den grünen Koalitionspartner: Umweltminister Stefan Wenzel macht derzeit alles andere als eine gute Figur mit seinem „Wolfsmanagement“, in das allein in diesem Jahr mehr als 800 000 Euro Landesmittel fließen sollen. Die von Landwirtschaftsminister Christian Meyer vielbeschworene kleinteilige „bäuerliche“ Landwirtschaft mit glücklichen Kühen und Schafen, die bei Tag und Nacht entspannt auf der Weide oder dem Deich grasen dürfen, entpuppt sich als Utopie, die zwar einer weitgehend urban geprägten Klientel geschuldet ist, sich mit freilebenden Wölfen aber nicht vereinbaren lässt. Während insbesondere die Grünen und ihre Wählerschaft das Raubtier um jeden Preis willkommen heißen und dessen Rückkehr unverdrossen als Plus für die Artenvielfalt feiern möchten, stellt sich die Realität in den Regionen Niedersachsens, in denen mittlerweile mindestens 170 Wölfe leben und sich fröhlich vermehren, weniger romantisch dar.
Nahezu täglich werden in den Landkreisen Vechta, Diepholz, Osterholz, im Heidekreis und in anderen Teilen des Landes Schafe und Weiderinder gerissen. Die verletzten Tiere verenden oft qualvoll. Angegriffene Herden reagieren panisch, werden zur Gefahr für deren Halter, aber auch für Autofahrer. Wird eine Schafherde überfallen, kommt es selbst bei unverletzten Tieren in der Folge oft zu Frühgeburten. „Auffällige“ Wölfe, die durch Wohngebiete streifen, Joggern oder Spaziergängern mit und ohne Hund im Wald zu nahe kommen, ängstigen die Bevölkerung zunehmend.
Die bisher ergriffenen Maßnahmen und Empfehlungen aus dem Umweltministerium taugen alle nichts: Die gedeckelten Präventions- und Entschädigungsmittel reichen noch nicht einmal für die Anschaffung eines mobilen Zauns, mit dem jeder Schäfer und Weideviehalter seine Tiere schützen muss, um nach einem Wolfsriss überhaupt Aussicht auf Entschädigung zu bekommen. Den müssen die Halter auch erst einmal nachweisen. Im besten Fall ist die DNA-Probe nach einem halben Jahr aus dem Speziallabor zurück und positiv getestet. Dann gibt es ein wenig Geld. Mittlerweile haben die Raubtiere leider gelernt, die mobilen Barrieren zu überwinden. Feste Einzäunungen von über zwei Metern Höhe kosten locker 100 000 Euro, die kein Tierhalter aus der Portokasse zahlen kann und die den umherziehenden Herden ohnehin nichts nützen. Bei einem durchschnittlichen Stundenlohn von maximal fünf Euro kann sich im Übrigen kein Schäfer einen mobilen Zaun und die beiden zusätzlichen Arbeitskräfte leisten, die ihm beim regelmäßigen Auf- und Abbau helfen müssten.
Umweltminister Wenzel und Landwirtschaftsminister Meyer müssen jetzt Farbe bekennen. Soll der Wolf um jeden Preis in Niedersachsen leben, oder soll die Weidetierhaltung gesichert werden und voranschreiten, die im Gegensatz zu dem Wildtier tatsächlich zum Erhalt seltener Arten, zur Tier- und Pflanzenvielfalt, zum viel beschworenen Tierwohl beiträgt und vor allem für den Küstenschutz unerlässlich ist? Wer der Bevölkerung ernsthaft empfiehlt, sich mit Steinen, Stöcken und Pfefferspray gegen den Wolf zu wappnen, sich gleichzeitig vehement gegen das Einfangen und Umsetzen der Tiere zur Wehr setzt, verspielt Sympathie und Vertrauen. Muss erst ein Säugling oder ein Kleinkind zu Schaden kommen, bis sich die rotgrüne Landesregierung endlich dazu entschließt, die Wölfe zumindest aus den dicht besiedelten Regionen zu verbannen?
Das fragt sich die Landtags-FDP ebenfalls seit geraumer Zeit. Mit einer Großen Anfrage zum bisherigen „Wolfsmanagement“ wollen die Freien Demokraten der Landesregierung jetzt erneut auf den Zahn fühlen. Der umweltpolitische Sprecher der Fraktion, Dr. Gero Hocker, erwartet vom Umweltminister eine umfassende Evaluation und Korrektur der bisherigen Strategie. Wenzel lasse die Wölfe immer mehr Schaden anrichten und biete den Betroffenen bisher nichts als „teilweise abstruse“ Empfehlungen zu Abwehr und Ausgleichszahlungen. „Wenn das so weitergeht, wird die Akzeptanz des Wolfes weiter dramatisch sinken“, warnt Hocker. Die FDP sieht das bisherige Management als gescheitert an. Der Grundsatz, sowohl die Sicherheit der Menschen als auch die Interessen der Nutztierhalter in den Vordergrund zu stellen, werde nicht eingehalten. briDieser Artikel erschien in Ausgabe #28.